Kultur | 17.08.2009

Früh auf und spät wach

Text von Jessica Hefti
Seit einer Woche ist die Operation Baltikum on Tour. Die Tink.ch-Reporterin ist als Aufnahmeleiterin dabei und berichtet von einer erlebnisreichen Zeit.
Dreh am Bahnhof von Vilnius. Fotos: Jessica Hefti Idylle im Stadtkern von Riga.

Ankunft. Der Pilot meldete 22 Grad, gefühlt waren es jedoch mehr, spätestens als es ans Zusammenschrauben der Velos ging. So in der Abendsonne von Vilnius vergass man erste Blutungen (vom vielen Velo pumpen), schwarze Finger und durstige Münder. Als wir losfuhren, war es bereits dunkel. Teils auf wackeligem Gefährt – der Überladung wegen – fuhren wir auf der Hauptstrasse dem Hotel entgegen. Es war eine ungewohnte Gegend und fast zu schade, sich auf den Weg zu konzentrieren. Backsteinhäuser, ein grosser Mond, eine Idylle für sich.

Morgen. Es war so Wetter, wie man eine Stadt gerne entdecken möchte. Azurblauer Himmel, vereinzelte weisse Wolken wie hingemalt. Es leuchtete in ungewohnten Farben: ockerbraune Häuser, senfgelbe Busse, türkisfarbene Giebelungen. Die ersten Szenen spielten am Bahnhof Vilnius. Die Tafel mit einer Foto- und Videokamera drauf, durchgestrichen mit einem fiesen roten Strich, ignorierten wir. Erst nach dem letzten „Cut!“ dieser Szene standen zwei grimmig dreinblickende Zollbeamte direkt hinter dem Kameramann. Neuer Ort, neue Szene.

Hinterhof. Wir überschritten die Grenze zwischen arm und reich und so war es uns mit unserer teuren Kamerausrüstung plötzlich nicht mehr wohl. Ein kleines Kind fuhr auf einem pink-verbleichten Fahrrad umher und aus einem heruntergekommenen Bau streckten immer mehr Menschen die Köpfe aus den Türen. Eine Herausforderung, mit solchen Umständen „richtig“ umzugehen. Und wie wir unsere Fahrräder zurück zur Hauptstrasse schoben, sahen wir das kleine Mädchen mit verschmiertem Mund den Schoggistengel essen, den wir ihr noch kurz zuvor geschenkt hatten. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Vilnius. Eine Stadt lernt man kennen, wenn man ihr beim Aufwachen zuschaut. Der Duft von Apfelkuchen mischt sich in die staubige Abgase des Morgenverkehrs. Das Süsse ist in Vielem zu finden. Das gestern gegessene Roggenbrot schmeckte süss und zum Kaffee wurden gleich zwei Zucker serviert. Um sieben Uhr war tagwach. Vilnius erwacht später. Die meisten Läden öffnen um zehn Uhr. Die Stadt trägt den diesjährigen Kulturhauptstadt-Stempel Europas. Da hat sie abends lange wach zu sein. Bis zur Abfahrt aus Vilnius galt es noch die Stadt einzufangen. In Sequenzen, mit Fotos und mit einem grossen schweren Atemzug nach dem anderen, der immer auch ein wenig süsslich schmeckte.

Siauliai. Erst noch erfreut darüber, dass das Frühstück direkt ins Zimmer serviert wurde, verging uns der Appetit bei dessen Anblick schnell. Da waren braun gewordene Äpfelhälften und für jeden ein Teller mit einer pinkfarbenen Wurst, Tomatenschnitze und Ketchup. Mutprobe eins bestand darin, mit einem Finger die Wurst anzutippen, knapp alle bestanden. Diese zu essen war aber zu viel „Bootcamp“. Später assen wir in einem Einkaufszentrum, welches von aussen her noch unschuldig wirkte. Der Eintritt aber war das Tor von den verwahrlosen Hochhäuserkomplexen in eine andere Welt. Wir fanden uns wieder zwischen Eis zum Essen und Eis zum Schlittschuhlaufen, zwischen Sonderangeboten und Luxusinvestitionen. Auch wenn wir uns den Stadtkern von Siauliai entgehen liessen, dies hier musste das eigentliche Zentrum sein.

Neuer Tag. Die Frage nach Zügen oder Bussen nach Riga wurde mit einem „Ne“ beantwortet. Also rein in die Pedalen und ab nach Jelgava. Dann mit dem Zug nach Riga. Da heisst es dann schon „Nê“. Doch begrüsst wurden wir bejahend. Auf der Strecke hupten uns viele Autos entgegen, streckten die Daumen durch die Autofenster in die Höhe und winkten freudig.

Riga. Diese Stadt, eine Metropole. Sie ist an der Grenze von mehr westlichem statt östlichem Flair. Von allem ein wenig, italienisch da, spanisch hier, sie lässt sich nicht kategorisieren und ihr fehlt der eigene Charakter wie ihn beispielsweise Vilnius hat. Sie ist lebendig, die Leute lachen mehr, sind herzlicher, Bitten werden geradewegs übernatürlich hilfsbereit behandelt. Doch das kommt uns und dem Film zu gute. Wir bekommen zum Beispiel schon beim ersten angesteuerten Nachtclub Drehbewilligungen. Mit der grossen Kamera und auffallend mehr Gepäck bewegten wir uns zwischen der feiernden Meute. Wir filmten, tanzten, tranken und einer liess es sich sogar nicht nehmen, sich absichtlich zu übergeben. Was tut man denn nicht alles für eine gute Szene.

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