Politik | 31.08.2009

Freunde eines kleinen Appenzellers

Text von Samuel Tanner | Bilder von Bundeskanzlei)
Diese Woche gibt es eine schöne Geschichte wahrer Freunde. Ja, Freundschaften kennen buchstäblich keine Grenzen. Mögen zwei Menschen noch so verschieden sein, sie können zusammenfinden.
Appenzeller unter Beschuss (
Bild: Bundeskanzlei)

In der traditionellen, in ihren Ursprüngen immer noch sehr konservativen Schweiz, werden Ausländer teils schräg beäugt. Einerseits, weil die neue Jugendkriminalität grösstenteils aus jenen Kreisen kommt und andererseits aber auch, weil der Durchschnittsschweizer Neuem gegenüber eher ängstlich eingestellt ist. Ich weiss noch, wie ich den kleinen Portugiesen im Kindergarten so kritisch musterte, bis er mir die Zunge zeigte. Im Appenzellerland jedoch ist man der europäischen Kultur gegenüber sehr kritisch, vielleicht mehr als in jedem anderen Schweizer Kanton. So wurde beispielsweise das Frauenstimmrecht (Symbol des neuen Lebensstils, des new way of life) erst in den Siebzigern angenommen. Aus heutiger Sicht fast unvorstellbar.

Schweizer Fettnäpfchenpolitik
Dass nun just ein Herisauer seine Freunde rund um den Globus sucht, erstaunt daher. Schon im Frühling sorgten er und sein damals neuer Freund für negative Schlagzeilen und erst vergangene Woche war es ein weiterer Kumpel, der unseren Herisauer in ein schlechtes Licht rückte. Dabei sollte es doch sein Jahr werden. Ich will nicht länger Geheimniskrämerei betreiben – natürlich sprech ich von Hans-Rudolf Merz, unserem aktuellen Bundespräsidenten. Aussenpolitik war noch nie die ultimative Stärke unserer Landesregierung – Micheline Calmy-Reys peinliche Aktion mit Kopftuch ist das wohl prominenteste Beispiel der nahen Vergangenheit. Oft versuchen sich auch die Bundesratspräsidenten im Ausland. Tritte ins Fettnäpfchen blieben dabei keine Seltenheit.
Als im Frühling Mahmud Ahmadinedschad in die Schweiz zu Besuch kam, ging ein Bild um die Welt: Merz schüttelt dem vielerorts verhassten iranischen Diktator fröhlich die Hände. Die Mimik könnte den Eindruck erwecken, die Schweiz unterstütze den Iran und seinen Diktator Ahmadinedschad. Weiter wurde diskutiert, ob es die Aufgabe von Merz war, den Iraner zu empfangen. Was man nicht alles tut, für wahre Freunde.

Wie im Jodlerchörli
Und nun, letzte Woche, verreiste Merz nach Libyen. Er war auf Besuch bei einem weiteren Freund: Diktator Muammar al-Gaddafi. Als Da Hannibal, Sohn des libyschen Playboys und Öl-Tycoons, und seine damals hochschwangere Frau im vergangenen Jahr von der Genfer Polizei wegen unbewiesenen Anklagen mit übertriebenem Aufgebot verhaftet und festgehalten wurden, verlangte Libyen eine offizielle Entschuldigung. Dazu hielt die launische Regierung zwei Schweizer Geiseln fest. Merz reiste nach Libyen und tat die Pflicht, die er persönlich für unumgänglich hielt. Er machte einen Kniefall und entschuldigte sich hochoffiziell. Damit erhoffte er sich natürlich die Freilassung der Geiseln, was jedoch vertraglich nicht geregelt wurde.
Hansruedi Merz wird sich gedacht haben: Wenn ich im Herisauer Jodlerchörli dem Noldi die Vereinskasse anvertraue, enttäuscht er mich nicht. So wird es doch auch mit meinem Freund Muammar sein. Denn der Appenzeller verkörpert den weltoffenen Schweizer – er macht keinen Unterschied zwischen Noldi und Muammar, zwischen Mahmud und Micheline.