Sport | 24.08.2009

Freestyle Motocross in London

Text von Felix Unholz
18'000 Fans, 7'500 Tonnen Dreck, 610 Helferinnen und Helfer: Das Red Bull X Fighters in London war ein gigantischer FMX-Anlass. Und der wichtigste des Jahres: Denn der Gewinner von London sollte auch zugleich der Saisonsieger sein.
Fotos: Sereina Rütsche und Felix Unholz Perlen am Motorrad: Levi Sherwood Die Battersea Power Station verwandelt sich in eine Gladiatorenarena Hohe Sprünge, hohes Risiko Der Schiedsrichterbus Auf dem Podest: Levi Sherwood (2. Platz), Nate Adams (1., Gesamtsieg), Dany Torres (3.)

Freitag, 21. August: Meine Begleitung und ich fahren mit einem Mediencar zur Battersea Power Station am Südufer der Themse. Ein imposanter Bau, geplant im Jahr 1929 vom Architekten Sir Giles Gilbert Scott, dem Erfinder der bekannten roten Telefonkabine. Vor dem ehemaligen Londoner Kohlekraftwerk türmen sich die Dreckhaufen, auf denen morgen der FMX-Event des Jahres stattfinden soll.

Privatführung

Florian Ruth, Abteilung Kommunikation, führt uns durch das Gelände: Lange Sitzreihen schliessen die Arena ein, in der zwei Gladiatoren auf Rädern bereits ihre waghalsigen Sprünge üben. Florian Ruth sagt: „Die Anspannung bei den Ridern grösser als sonst. Das ist spürbar.“ Denn morgen geht es in London nicht nur um den Sieg eines einzelnen Events, sondern vier Fahrer – Nate Adams (USA), Robbie Madison (AUS), Eigo Sato (JPN) und Mat Rebeaud (CH) – können sich den Gesamtsieg der Welttour im Freestyle Motocross noch holen.

Im Mediencorner arbeiten einige Journalisten bereits eifrig an ihren Laptops. Ein Kamerateam aus Japan setzt sich neben uns in die bequemen Sofas. Im Land der aufgehenden Sonne ist der Freestyle-Sport besonders beliebt.

Luxus für die Medien

Rund 500 Medienschaffende aus zahlreichen Ländern haben sich für den Anlass akkreditieren lassen. Zumindest ein Teil davon ist in der noblen Residenz mit dem Namen The May Fair Hotel untergebracht. Hier gibt es English und Continental Breakfast à  discrétion, Doppelbetten, in denen problemlos vier Leute Platz hätten und Zimmerservice rund um die Uhr. Kein Aufwand scheint der Marke mit dem roten Bullen zu schade zu sein, um die Journalistinnen und Journalisten mit „Goodies“ zu umgarnen. Und tatsächlich gefiel uns der Luxus. Oder, um es mit dem Lieblingswort einer Medienbetreuerin zu sagen: Es war schlicht und einfach „lovely“. Neutrale Berichterstattung fällt unter diesen Vorzeichen schwer, aber im Ernst: Es gibt auch kaum Negatives zu berichten.

Der grosse Abend

Am Samstagmorgen besuchen wir die Faher in der Mix Zone. Die meisten wirken noch entspannt. „Wir sind schon alle ein bisschen verrückt“, sagt uns der 17-jährige Rider Levi Sherwood. Der Australier ist der Jüngste im Turnier und hat sein Motorrad mit Perlen dekoriert.

Kurz vor 21 Uhr hängt am Eingang der Battersea Power Station ein Plakat, das Spontanbesucher des Red Bull X Fighters enttäuscht: „Sold out“. Gedrängt stehen die Leute, „Move down!“, schreien Staff-Leute flehend in die Menge. Nach einer Odyssee durch die schwitzende Masse erreichen wir dann doch noch unsere Sitzplätze.

Zwei spritzige Kommentatorenstimmen begrüssen die FMX-Fans, tosendes Motorendröhnen schallt aus den Lautsprechern, eine Lichtshow und Feuerwerk und schon spuckt die Battersea Power Station alle zwölf Fahrer aus.

Pech für den Schweizer

Die Atmosphäre am Red Bull X Fighters ist ein Mix aus Stierkampf, Zirkusshow und Sportveranstaltung. 90 Sekunden haben die Fahrer Zeit, um das Publikum zu begeistern und die Judges (Richter) zu überzeugen. Kriterien wie Showqualitäten und Schwierigkeit der Sprünge, welche teilweise physikalisch unmöglich erscheinen, entscheiden über die Punktezahl.

In einer ersten Runde bekommen die Rider, welche am Tag zuvor im Qualifying enttäuscht haben, noch einmal eine Chance, sich doch noch zu qualifizieren. In Runde zwei, den Halbfinals und dem Finale gibt es „head-to-head-runs“. Zwischen den Runden kommen die Motorsport-Fans voll auf ihre Kosten: Ein Red Bull Formel 1-Fahrzeug aus 2005 wirbelt Dreck auf und dröhnt so laut es nur kann.

Wir fiebern natürlich mit dem Schweizer Mat Rebeaud mit und sind nicht allein: Im Publikum ist ein aufrechtes Fangrüppchen mit Schweizerfahnen zu sehen. Doch, oh Schreck, unser Landsmann erleidet eine Bruchlandung, verletzt sich mittelschwer und verpasst damit die Chance, sich zum zweiten Mal den Welttour-Sieg zu sichern.

Nate Adams (USA) holt sich an diesem Abend den Gesamtsieg, dicht gefolgt von Youngster Levi Sherwood und dem Spanier Dany Torres.

Ein Besuch wert

An der anschliessenden Pressekonferenz im Medienzelt ist die Show noch nicht vorbei: Angefeuert von einem eifrigen Kommentatoren jubeln die Medien den Fahrern zu – wie an einem Popkonzert. Die Fahrer lächeln, posieren, lassen sich feiern und geniessen ihren Erfolg in vollen Zügen.

Die heroische Show macht den Charakter des Freestyle-Anlasses aus. Red Bull X Fighters ist nicht nur für Motorsportfans ein Heidenspass und definitiv ein Besuch wert.