Gesellschaft | 13.07.2009

Zwischen Jugendwahn und Überalterung

Text von Emina Konjalic
Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst der Überalterung. Es kündigt Probleme an, die die Generationen zu spalten drohen. Dabei haben Jung und Alt im Grunde viele Gemeinsamkeiten. Sie müssen nur den Weg zueinander finden.
Die Überalterung ist eine Erscheinung der heutigen Gesellschaft. Illustrationen: Saskia Beck Egal ob jung oder alt, man ist von Vorurteilen geprägt. Generationenkonflikte können jedoch nur durch einen Dialog überwunden werden.

Demografisch gesehen leben wir in einer reifen Gesellschaft. Gemäss Bundesamt für Statistik machen die 30- bis 40-Jährigen den grössten Anteil an der heutigen Bevölkerung aus. Eine Tatsache, die zum Problem werden könnte; dann nämlich, wenn all diese Leute älter werden. Noch funktioniert das System der Altersvorsorge. Noch gibt es mehr Arbeitnehmer als Rentenbezüger. Aber wie lange noch?

Während früher Grossfamilien eine Selbstverständlichkeit waren und viele Kinder als bewährte Altersvorsorge galten, geht heute der Trend hin zu Kleinfamilien und Singlehaushalten. Es gibt nicht genügend Nachwuchs, was Folgen haben wird. Kommen die 30- bis 40-Jährigen in einigen Jahren selbst ins Rentenalter, müssen, um deren Renten zu sichern, die Lohnbeiträge der Arbeitenden massiv erhöht werden. Ein Konflikt bahnt sich an, eine Kluft zwischen den Generationen könnte entstehen.

Dass das Gleichgewicht zwischen Alt und Jung wackelt, liegt aber nicht nur an der Tendenz zu immer weniger Kindern, sondern auch an der gestiegenen durchschnittlichen Lebenserwartung. Ein hohes Alter zu erreichen, ist fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden.

Das Altern an sich indes ist schwieriger geworden. Bloss nicht zu den Alten zählen, lautet die Devise. Ganze Wirtschaftszweige leben von dieser Einstellung: Anti-Aging-Produkte gehen weg wie warme Semmeln, man spritzt sich Nervengift in die Gesichtsmuskeln, und probiotische Joghurtdrinks versprechen anhaltende Gesundheit. Das Einzige, was dabei als gesichert gilt, ist der Gewinn der Anbieter.
Es ist verhältnismässig gar noch nicht so lange her, da waren ältere Personen etwas Aussergewöhnliches. Auch der Umgang mit ihnen war anders als heute. Von diesen Sitten, jemandem höchsten Respekt bloss aufgrund seines Alters zeigen zu müssen, sind wir weggekommen. Doch die Vergötterung der Jugendlichkeit, die wir heute erleben, scheint in keiner Weise besser zu sein. Das Extrem schlägt dieses Mal in die entgegengesetzte Richtung aus.

Zudem hat sich die Welt in den letzten fünfzig Jahren durch den technischen und sozialen Fortschritt sowie durch einschneidende politische Ereignisse so schnell verändert, wie seit Menschengedenken nicht. Was gestern allgemeine Gültigkeit hatte, gilt heute nicht mehr. Ab einem gewissen Alter wird es schwierig, mit all den Veränderungen Schritt zu halten.

Die Jugendlichen derweil haben es nicht einfacher. Der Jugendwahn setzt auch sie unter Druck. Weit verbreitet haben sie das Gefühl, sich dem vorgefertigten Bild, wie sie zu sein haben, anpassen zu müssen. Sie sehen sich häufig mit einseitigen Vorbildern konfrontiert, die im Fernsehen und Internet gezeigt werden. Alternativen sind kaum präsent. Grundlegende Fragen, welche die Jugendlichen beschäftigen, kommen erst recht nicht zur Sprache. Dabei hat die Jugend von heute ernsthafte und tiefgründige Sorgen. Gewalt ist nur eines der Probleme. Häufig sind Jugendliche selbst Opfer ihrer Altersgenossen, Opfer von Gewaltakten, aber auch Opfer von Gruppenzwang, Ausgrenzung und Mobbing.

Die Jugend und das Alter: zwei Stufen der Alterspyramide, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, bei näherem Hinsehen aber mehr gemeinsam haben, als man denkt. Beide Seiten sind unsicher und sehen Unbekanntem entgegen. Hier wie dort steht man vielen Erwartungen gegenüber. Und beide Generationen werden häufig abgewertet. Die Herabsetzung findet auch gegenseitig statt. Die Jugend wird von den älteren Generationen schnell als verantwortungslos, desinteressiert und frech abgestempelt. Gleichzeitig nehmen viele junge Menschen die Älteren nicht mehr ernst. Senil, ewiggestrig und Nörgler sollen sie sein.

Um dem entgegenzuwirken und um die Gemeinsamkeit der Probleme zu erkennen, braucht es den Dialog; gerade heute, da die Berührungspunkte weniger geworden sind. Die Zeiten als noch drei Generationen gemeinsam unter einem Dach lebten, sind vorbei. In der Freizeit bleibt man gerne unter Seinesgleichen.

Durch den Dialog mit der Jugend könnte die ältere Generation einen Anschluss an die Moderne finden. Denn nicht alles, was neu ist, ist schlecht, und nein, früher war eben nicht alles besser. Die Jugendlichen ihrerseits könnten von der Lebenserfahrung der Älteren profitieren. Vielleicht erhielten sie sogar die Antwort auf die eine oder andere grundlegende Lebensfrage.

Generationenkonflikte gab es immer schon, und es wird sie auch weiterhin geben. Nicht wie man sie vermeidet, ist die Frage, sondern wie sie gelöst werden können. Es ist wichtig, dass wir zueinander gesunde Verhältnisse aufbauen. Ein generationenübergreifender Dialog wird unumgänglich sein.

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