Kultur | 13.07.2009

„Was morgen kommt, wissen wir nicht“

Als er keine Worte mehr fand, hat er begonnen, Fotos zu schiessen: In "Lea - Halbes Herz, Ganzes Leben" hält ein Vater das Leben seiner herzkranken Tochter fest. Ein Gespräch.
Die Fotoausstellung widmet sich dem bisherigen Leben der Herzkranken Lea Wyss. Fotos: www.photowyss.ch Christian Wyss fotografiert seit 1978. Das Buch erschien im Orell Füssli - Verlag.

Christian Wyss ist ein Mensch, der einen nicht unberührt lässt. Seine Stimme klingt ruhig, bescheiden, Mimik und Gesten sind bedächtig. Doch in seinen Augen liegt ein Funkeln, das Neugierde und Optimismus erahnen lässt. Es sind dieselben Eigenschaften, die seine Arbeit so bemerkenswert machen. Wyss‘ Tochter Lea ist mit einem Herzfehler, einer sogenannten Ebstein-Anomalie, zur Welt gekommen – einem halben Herzen. Über zehn Jahre hinweg hat Wyss ihren Lebensweg mit einfühlsamen Schwarzweissfotografien festgehalten: Den Moment, in dem Lea das Licht der Welt erblickt, die erste Notfalloperation, das Warten am Flughafen, auf dem Weg zu einer Untersuchung in Paris; aber auch die erste Geburtstagstorte und einen Besuch auf dem Vogelmarkt in Hong Kong. Und, immer wieder, jene funkelnden Augen, die Lea von ihrem Vater geerbt hat. Heute ist sie ist ein ganz normales, zehnjähriges Mädchen. Nur im Sportunterricht gönnt sie sich ab und zu eine Pause.

Herr Wyss, Sie haben Leas Leben seit ihrer Geburt dokumentiert. Wie ist es dazu gekommen?

Christian Wyss: Das hat sich zufällig ergeben. Bis zur Geburt wusste niemand, dass unser Kind einen Herzfehler hat.

Das erste Bild habe ich vor dem Kaiserschnitt gemacht – als Andenken. Zwei Stunden nach der Geburt begann Leas Körper sich blau zu verfärben. Der Arzt hat uns gesagt, dass sie vermutlich sterben wird. Das war ein unglaublicher Schock. Als ich keine Worte mehr fand, habe ich einfach ein paar Fotos gemacht.

Daraus sind ein Fotobuch und eine Ausstellung entstanden, die derzeit in der Oberen Mühle gastiert. Was  hat Sie dazu bewegt, Ihre Fotos für ein Kunstprojekt zu verwenden?

Pro Jahr werden in der Schweiz 600 bis 800 Kinder mit einem Herzfehler geboren. Das entspricht einem Prozent aller Geburten. Viele Leute sind sich gar nicht bewusst, wie häufig so etwas vorkommt. Bei Herzproblemen denkt man an alte Menschen, nicht an Neugeborene. Nach etwa zwei Jahren habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Bildern eine Geschichte erzähle. Ich zeige, wie meine Tochter lebt und mit den schweren Operationen umgeht. Ich wollte den herzkranken Kindern ein Gesicht geben. Mein Leben lang habe ich mich für Minderheiten engagiert. Auf einmal habe ich festgestellt, dass ich selbst eine Zuhause habe.

Wenn Sie diese Fotos betrachten – sehen Sie darin Ihre Kunst oder Ihre Tochter?

Das ist Lea, ganz klar. Ich konnte zeitweise nur ganz wenige Fotos machen. Durch meinen Beruf bin ich allerhand gewöhnt. Ich sehe jene Bilder, die am Fernsehen nicht ausgestrahlt werden dürfen. Ich wurde fragt, ob ich die Bilder zur Verfügung stellen würde, um anderen Eltern zu erklären, was mit ihrem Kind passiert. Die Zeichnungen von Herzfehlern im letzten Kapitel dienen als weitere Information. Leas Name ist austauschbar. Es gibt so viele Kinder, die eine ähnliche Geschichte haben. Sie selbst hat die Ausstellung nie gesehen. Das ist noch zu früh. Ich hoffe, dass sie mein Buch eines Tages selbst lesen wird.

Wie gehen Leas ältere Brüder mit dem Schicksal ihrer Schwester um?

Kinder gehen mit einer solchen Situation viel einfacher um als Erwachsene. Aber natürlich waren es auch für sie sehr schwere Zeiten. Während ihre Freunde auf dem Fussballplatz spielten, besuchten sie Lea auf der Intensivstation. Sie kennen alle Bilder und haben mir auch geholfen, sie in der Oberen Mühle aufzuhängen.

Was haben Sie persönlich aus Leas Geschichte gelernt?

Wir haben immer das Gefühl, alles im Leben sei wahnsinnig wichtig. Das stimmt nicht. Lea hat uns gezeigt, was wirklich zählt. Wir haben grosses Glück gehabt. Als Lea erfuhr, dass Michael Jackson an einem Herzsstillstand gestorben ist, hat sie mich gefragt: „Papa, kann mir das auch passieren?“ Ich habe ihr gesagt, dass das uns allen passieren kann. Wir müssen heute leben. Was morgen kommt, wissen wir nicht.

Die Ausstellung läuft bis zum 25. Juli.

Anmerkung


Dieses Interview erschien ursprünglich im Tages Anzeiger vom 11. Juli.

Buch und Autor


Christian Wyss, 48, wohnt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Boppelsen. Er arbeitet als Videoeditor beim Schweizer Fernsehen. Als Freelancer fotografierte er in Burma, porträtierte Mandela, Putin und Castro, besuchte Psychiatrien in Rumänien und Minenarbeiter in der Ukraine. "Lea – Halbes Herz, Ganzes Leben" ist 2008 im Orell Füssli Verlag erschienen. Von jedem verkauften Exemplar gehen fünf Franken an einen Kinderherzfonds.

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