Politik | 06.07.2009

Unter der Fahne von Adolf Hitler kämpfen?

Samstagnachmittag im St. Galler Oberland. Herrliches Wetter. Die Fenster im obersten Stock eines Einfamilienhauses sind geschlossen. Vor dem Hauseingang hört man Schüsse, explodierende Bomben und Schreie. Die Schweiz im Krieg?
Das virtuelle Schlachten in düsterer Atmosphäre.
Bild: wikipedia.org / Alientrap

Vier junge Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren nennen es tatsächlich „in den Krieg ziehen“, wenn sie sich wie heute treffen, um Day of Defeat zu spielen. Eines der Games, das nebst Counter Strike, Battlefield Vietnam oder Call of Duty – nur schon der Titel lässt die Pazifistin in mir die Wände hoch gehen – auf der Liste der sogenannten Killerspiele steht.

Im Braunhemd an die Front

Die Luft im Zimmer wird immer stickiger. Der Schweiss steht den Männern im Gesicht. Höchstkonzentriert kämpfen sie in Zweier-Teams gegeneinander. Es wird nicht gesprochen, nur geflucht oder vor Freude geschrien. Inhalt des Computerspiels ist der Zweite Weltkrieg. Momentan stecken die vier in der deutschen Uniform. Moment: In der Schweiz wird legal ein Spiel verkauft, in dem man unter der Fahne von Adolf Hitler kämpft? Wer nun denkt, dass mit der schweizerischen Gesetzesordnung etwas nicht stimmt, vertritt dieselbe Meinung wie ich.

Kein Tetris

Ein nicht zu vergleichendes Extrembeispiel? Kann es gar nicht als Argument für ein Verbot herbeigezogen werden? Meiner Meinung nach kann und sollte es das, denn wir sprechen hier nicht von Tetris oder Super Mario. Nein, es geht um die „Killergames“, deren Grundlage ein Krieg oder eine kriegsähnliche Situation ist. Games, die erst ab 16, 18 oder 21 Jahren freigegeben sind. Wobei diese Altersbeschränkung im Bündner Oberland genauso rigoros umgesetzt wird wie das Rauchverbot in Restaurants. Sprich kaum oder gar nicht.

Im Zimmer wird weitergekämpft. Obwohl die Spieler das gesetzliche Alter überschritten haben, frage ich mich, wie wohl ihr Unterbewusstsein alle Eindrücke aufnimmt. Für mich sieht Entspannung vom Alltag anders aus.

Leichenberge türmen sich

Das Hakenkreuz zieht an den springenden Kämpfern vorbei. Im Hintergrund hört man nebst Gefechtsgeräuschen auch die scharfe, kurzatmige Befehlsstimme eines deutschen Vorgesetzten. An wen mich die beissende, eiskalte Stimme erinnert, muss wohl nicht erwähnt werden. Es geht mir nicht darum, Games in „medialen Schauprozessen abzuschlachten“, sondern ich fordere, dass Dinge, die ethisch nicht vertretbar sind, verboten werden. Nach einer halben Stunde halte ich es in diesem abgedunkelten, stickigen und förmlich nach Gewalt und Hass riechendem Raum nicht mehr aus. Vor meinem inneren Auge türmen sich die Leichenberge Bergen-Belsens und mir ist nur noch zum Weinen zu Mute.

Was für Menschen sind das, die mit so etwas Geld verdienen? Wie können sie sich dafür nicht hassen? Ja, es werden hier Gefühle angesprochen, Gamen hat nun einmal mit Gefühlen zu tun. Seien dies nun Frustrationsgefühle, die einen vor die Konsole bringen, Langeweile, innere Leere, oder das einfach nicht enden wollende Spassbedürfnis. Man tötet Pixelmenschen durch Tasten, nicht durch einen Abzug. Es werden immer grössere Mengen an Geld ausgegeben um die Spiele so realistisch wie nur möglich zu machen. Blut fliesst virtuell. Geschrien wird virtuell.

Gewaltverherrlichende Gesellschaft

„Die meisten können das virtuelle Schlachten von der Realität unterscheiden. Nur in Ausnahmefällen kommt es zu einem Amoklauf.“ Wie oft diese Aussage wohl schon proklamiert wurde? Für mich ist sie äusserst fraglich. Denn es geht nicht in erster Linie darum, dass die Amokläufer die Realität nicht mehr kannten. Sie wussten sehr wohl, dass sie nicht in einem Krieg lebten. Ihr Umgang zu Gewalt hat sich verändert. In diesen Games führt nur Gewalt zum Ziel, lässt einen zum Helden, zum Sieger werden. Unsere Lebenserfahrung macht unser Handeln aus. Weswegen sollten also diese Eindrücke nicht dazu führen, dass wir Brutalität als Ausweg sehen? Auch wenn die Gewalt meist nicht so weit reicht, dass wir zur Schusswaffe greifen, ist dieser Weg in eine gewaltverherrlichende Gesellschaft für mich ein No-Go. Und für dich?