Gesellschaft | 06.07.2009

Schöner, klüger, glücklicher

Text von Karin Reinhardt | Bilder von blogs.discovery.com
Ein Mensch lässt sich heute schon beinahe nach belieben verändern. Und künftig immer mehr: Das Human Enhancement ist auf dem Vormarsch und mit ihm die Evolution.
Horrorvision: Der Mensch unterscheidet sich nur noch durch Strichcodes.
Bild: blogs.discovery.com

Unter Human Enhancement oder auch Enhancement-Medizin versteht man eine medizinische Intervention, die darauf abzielt, den menschlichen Körper zu verbessern – auch dann, wenn er gesund ist und normal funktioniert. „To enhance“, aus dem Englischen, bedeutet „aufwerten“, „steigern“, „erhöhen“. Human Enhancement will also nicht wie andere medizinische Tätigkeiten den kranken Körper heilen, sondern den gesunden aufwerten. Human Enhancement will mehr, als die traditionelle Medizin will. Nicht nur heilen, lindern und begleiten soll die Medizin, sie soll auch dazu beitragen, den Menschen schöner, klüger und glücklicher zu machen.

Oft praktiziertes Tabu

Die Methoden des H.E. sind vielseitig: Schönheitschirurgie und Anti-Aging-Praktiken werden genauso diskutiert wie Doping im Breitensport und Neuro und Mood Enhancement. Ihnen gemeinsam ist, dass nur wenige offen dazu stehen es zu tun, die Verwendung der entsprechenden Produkte und Methoden jedoch permanent steigt. In Hollywood bereits gang und gäbe, kann man sich Botox inzwischen auch in Zürich, bequem über die Mittagspause spritzen lassen. Anti-Falten-Crèmes werden im Fernsehen intensiv beworben, Hormontherapien um das Leben zu verlängern, sind aber genauso möglich.

Substanzen wie Epo werden immer noch vorwiegend an Profi-Radsportler verabreicht. Doch für den schnellen Muskelaufbau greifen auch Fitnessfreaks aus der Provinz gerne mal zu Anabolika und anderen Stereoiden. Lange konsumierten nur an ADHS leidende Kinder Ritalin, heute hilft das Medikament so manchem Studenten den Lernstoff schneller aufzunehmen. Modafinil hilft wegen seiner wachhaltenden und konzentrationsfördernden Wirkung gegen krankhafte Tagesmüdigkeit, aber auch gegen die eigentlich gesunde Müdigkeit vor Abgabe der Seminararbeit. Und während Antidepressiva in der Therapie von depressiven Personen sicher sinnvoll eingesetzt werden können, so können sie psychisch gesunden Menschen helfen, sich stets glücklich und leicht überdreht zu fühlen.

Eine Frage der Ethik

Die Möglichkeiten, den Menschen schöner, klüger und glücklicher zu machen, sind gegeben. Ob das auch wirklich wünschbar ist, ist eine andere Frage. Mit dieser und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Medizinethik seit geraumer Zeit. Wie die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften in einer Medienmitteilung zusammenfasst, sind insbesondere drei Problemfelder von Bedeutung:

Selbstbestimmung: Wie selbstbestimmt handelt ein Teenager, der sich schönheitschirurgisch behandeln lässt, wenn seine Eltern dem Eingriff zustimmen?

Risiko-Nutzen-Verhältnis: Medizinische Eingriffe beinhalten meist ein Risiko, aber ebenso einen grossen Nutzen. Bei medizinischem Enhancement ist der Nutzen umstritten, das Risiko deshalb umso mehr zu berücksichtigen.

Ziele und Selbstverständnis der Medizin: Verlangen Patienten Enhancement-Eingriffe, geraten Ärzte oft in ein Spannungsfeld zwischen verlängerter Leistung und damit auch Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten und ärztlichem Ethos.

Neben diesen medizinischen Überlegungen stellen sich auch weitere Fragen. Betrachten wir das Phänomen Human Enhancement aus einer religiös-ethischen Perspektive, so kann gefragt werden, ob es dem Menschen zusteht, das von Natur oder, wenn wir wollen, von Gott Gegebene zu verändern oder ob er nicht das akzeptieren sollte, was er ist und hat.

Unterstützung durch Krankenkassen?

Und auch wenn medizinisches Enhancement moralisch akzeptiert und salonfähig wird, so müssen weitere Überlegungen gemacht werden: Wie kann sichergestellt werden, dass alle den gleichen Zugriff auf die medizinischen Verbesserungsmöglichkeiten haben? Dies ist wohl kaum möglich und Ungleichheiten sind die logische Folge. Gelingt es nur einigen, sich mittels Chirurgie und pharmazeutischen Mitteln zu verbessern, entwickelt sich die Gesellschaft weiter in Richtung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Leistungsstarke gegenüber Leistungsschwache. Und schlussendlich muss man auch ganz pragmatisch fragen: Wer bezahlt das eigentlich? Wenn Human Enhancement als grundlegende, normale medizinische Behandlung durchgeführt wird, werden notgedrungen irgendwann die Stichworte Krankenkasse, Grundversicherung und Finanzierung fallen.

Auch wenn die Enhancement-Gesellschaft noch Zukunftsmusik ist – die Musikrichtung ist wohl noch zu bestimmen, so wird man nicht umhin kommen, Antworten auf all diese Fragen zu suchen. Finden wird man sie nicht heute oder morgen, die Diskussion wird und sollte aber jetzt schon statt finden.