Kultur | 13.07.2009

Pokerface versus Sinatra

Tink.ch liess junge Menschen die grossen Hits der 40er und 50er beurteilen und forderte im Gegenzug die älteren Generationen dazu auf, mit den heutigen Chart-Stürmern abzurechnen. Das erfreuliche Resultat: Auf beiden Seiten herrschen Toleranz, Neugier und Offenheit vor.
Pokerface versus Sinatra.
Bild: mybasti.de / franksinatra.lifememory.com; Illustration und Fotos: Melanie Pfändler und Martin Sturzenegger Diana Thomas: Biomedizinische Analytikerin und Papageienbesitzerin Simona Biano: KV-Lehrtochter und Partygängerin Antonia Stiefel: Lehrerin mit einem Flair für Subkulturen Richi Carrasco: Verkäufer und Baseballspieler Josef Germann: Rentner, ehemaliger Bauer und Briefträger Irène Stillhart: Mitarbeiterin im Altersheimcafé und Gemüsemarktkundin Jürg Hess: Kundendienstleiter und Kaffeepausengeniesser Horst Heine: Naturliebhaber und Maler

Judy Garland – Somewhere over the Rainbow
Diana Thomas (25): Ich kenne dieses Lied und finde es sehr romantisch. Klar, es hat einen altmodischen Beiklang, in einem schicken Restaurant wäre es aber auch heute nicht fehl am Platz. Ich höre gerne Oldies, allerdings eher aus der Rock’n’Roll-Ära.
Bei dieser Melodie schiessen mir Bilder eines Candlelightdinners oder eines eng tanzenden Paares durch den Kopf – oder James Bond, wie er gerade eine Frau verführt.

Doris Day – My young and foolish heart
Simona Biano (17): Dieses Lied passt zu einer ruhigen Stimmung. Ich würde es mir zum Beispiel anhören, wenn ich in meinem Zimmer relaxen will. Die Sängerin stelle ich mir sehr klassisch vor: Eine kurze blonde Lockenfrisur und knallroten Lippenstift – ein bisschen wie Marilyn Monroe. Ich kenne das Lied zwar nicht, aber ich finde es ziemlich normal. Die Phase, in der alle nur Hiphop gehört haben, ist eh vorbei. Heute kehrt die alte Mode wieder zurück. Und das nicht nur in der Musik: Vor ein paar Jahren haben Ballerinas noch als altmodisch gegolten, heute besitzt jede Frau mindestens ein Paar.

The Four Lads – Istanbul (Not Constantinople)
Antonia Stiefel (24): Dieses Lied ist sensationell! Ich kenne bestimmt 15 Versionen davon und bin auch von dieser begeistert. Es steckt sehr viel Swing darin. Ich fühle mich sofort in eine andere Zeit versetzt und mein Fuss beginnt mitzuwippen. Ich stelle mir ein paar 25- bis 30-jährige Männer vor, die gemeinsam eine Strasse entlang gehen und im Chor singen. Einfach genial.

Frank Sinatra – As time goes by
Richi Carrasco (19): Das ist dieser Typ, der auch „New York, New York“ gesungen hat, oder? Klar, Frank Sinatra, der hatte doch Probleme mit der italienischen Mafia. Ich finde das Lied sehr schön. Es würde gut an eine Hochzeit passen oder einen ersten Tanz. Mir gefällt eigentlich fast jede Art von Musik: Lateinamerikanische Musik wie Salsa und Merengue, aber auch Rock und Disco-Sound. Auch ältere Bands gefallen mir, zum Beispiel die Bee Gees. Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieses Lied mal wieder in Mode kommt. Vielleicht bräuchte es dafür aber erst einen House-Remix.

Rihanna feat. Jay-Z – Umbrella

Josef Germann (74): Dieses Lied habe ich irgendwo schon einmal gehört und finde es ganz in Ordnung. Es gefällt mir allerdings nicht besonders, wenn fast nur gesprochen, statt gesungen wird. Jemand, der dieses Lied gern mag, ist vermutlich um die zwanzig und bestimmt nicht allzu schick gekleidet. Wie heisst dieser Tanz, bei dem man sich am Boden dreht? Breakdance, nicht wahr? Der würde vielleicht noch dazu passen. Ich selbst höre vor allem Musik mit deutschen oder schweizerdeutschen Texten, vor allem auch Schlager. Als ich jung war gefiel mir Freddy Quinns «Junge komm bald wieder«. Das höre ich heute auch noch gern.

Amy Winehouse – Rehab
Irène Stillhart (59): Das ist doch Amy Winehouse, oder? Von ihr liest man ja immer wieder etwas in der Zeitung, besonders wegen ihrer Drogenprobleme. Ich glaube, dieses Lied spricht sehr unterschiedliche Leute an. Mir gefällt es ziemlich gut. Wenn dieses Lied am Radio kommt, schalte ich sicher nicht um. Wie man dazu tanzen soll, kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen. Da hängt man vermutlich eher rum und macht keine grossen Bewegungen.

Mando Diao – Dance with Somebody
Jürg Hess (50): Das ist genau mein Stil! Die Band kenne ich nicht, aber Namen spielen für mich in der Musik sowieso keine Rolle. Ich bin mit dieser Art von Musik aufgewachsen, sie erinnert mich an Bands wie Status Quo. Solche Lieder höre ich mir an, wenn es mir gut geht, wenn ich fröhlich bin. Sonst höre ich von Ländler über Country bis zu Rock eigentlich alles. Aber dieses Lied ist wirklich super. Wie heisst die Band?

Lady Gaga – Poker Face
Horst Heine (71): Dieses Lied habe ich noch nie gehört, aber es gefällt mir. Zumindest hat es noch Melodie, der Sound ist nicht zu hart. Dazu tanzt man wohl eher auf der Stelle, einen Foxtrott vielleicht? Ich könnte mir vorstellen, mir dieses Lied hin und wieder anzuhören. Den typischen Hörer stelle ich mir aber eher jung vor, so um die 18. Die ganz Jungen hören richtig harte Musik, oder? Ich bewunderte in diesem Alter Musiker wie Louis Armstrong, Frank Sinatra und Hazy Osterwald. Im Zürcher Niederdorf gab es ein paar tolle Musikcafés, in denen die Künstler auftraten, bevor sie richtig bekannt wurden. Wenn ein Café eine Jukebox hatte, war das eine Attaktion. Heute tragen die Jungen tausende Lieder mit sich herum. Unglaublich. Wenn ich im Zug höre, wie jemand die Musik in seinen Kopfhörern laut aufgedreht hat, denke ich mir immer: „Ach, die armen Krankenkassen.“

Links