Gesellschaft | 20.07.2009

James Bond für Arme

Text von Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Wäre Hollywood realistisch, hätte James Bond einen Schwerbauch, wäre unglücklich verheiratet und ein regelmässiger Gast bei Mc Donalds, meint Mitzu in seinem Brief an Baba.
Der eine in London, der andere in Solothurn: Die Brieffreunde Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 19. Juli 2009

Hi Baba,

Summertime and the living is easy…

Musst du das eigentlich immer tun? Vielleicht bringt es ja was. Ich hab’s zwar noch nicht kapiert, aber ich kann dir ja auch nichts verbieten. Von jetzt an möchte ich nicht mehr an das Schlechte und Böse und so weiter, das es in der Welt gibt, erinnert werden. Hörst du! Das ist verdammich noch mal sinnlos und etwas, was du mir immer vorwirftst, und ich dir wieder zurück, bis wir beide komplett wahnsinnig sind. Also lassen wir das. Es interessiert mich nicht. Ich habe das nicht in der Hand und du auch nicht.

In meinem Reichlein befehle ich der Sonne jeden Tag aufzugehen und am Abend wieder zu verschwinden. Das tut sie und das macht mich glücklich.

Wie’s um mich in meinem nächsten Leben steht, weiss ich nicht. Aber ich werde es auch dort nehmen, wie es kommt.

Ich habe heute Morgen früh einen James Bond Film, natürlich einen alten, gleich nach dem Aufwachen geschaut. Draussen sollte es einen regnerischen Tag geben und ich fand das soweit in Ordnung.

Und dann habe ich geputzt, aufgeräumt, Büro gemacht, Emails geschrieben, das WC geschrubbt.

Ich habe mir überlegt, dass all die flotten Geheimagenten, absolut entzückenden Frauen und Oberhäupter krimineller Organisationen wahrscheinlich nie mit biologischem Allzweckreiniger (Ich glaube, der reinigt überhaupt nicht) unten in der WC Schüssel hartnäckige Flecken abzuschaben versuchten. Und auch nicht die Dichtungen der Duschtrennglaswand, in der sich immer eklige, braune (!) Bakterien ansammeln, mit den Zahnbürsten unliebsamer WG-Genossen und Genossinnen herauszupulen. Und dann dachte ich mir: Könnte mein Leben nicht sein, wie in einem Film? Nur so in Hotels mit Casino’s, wirklich schönen Dialogen zwischen den Menschen und ab und zu, wenn es das Budget zulässt ein bisschen Abenteuer?

Und dann habe ich mir gedacht: Is‘ ja schon doof. Eigentlich müsste man alle Filme und Geschichten genauso halten, wie es unser mühseliges kleines reales Leben in Wirklichkeit ist. Also James Bond mit Schwerbauch, verheiratet mit einem Liebchen, mit der er einen „Unfall“ hatte und nun Vater eines psychisch geschädigten Kindes ist, mit dem er regelmässig am Schalter von Mc Donalds steht, mit uns allen. Und nur mühsame Geschichten. Und dieser ständige Lernprozess, Geldmangel, schlechtes Gewissen und abgelaufene Milch im Kühlschrank.

Ich denke, ich hätte mehr Freude an meinem Leben. Versteh mich nicht falsch. Ich mag mein Leben. Aber vielleicht ginge es mir besser, ohne diese Charakter-Moral-Vorbild-Musiker-Philosophischkorrekten. All diese Rollenmodelle und Überflieger, diese wahnsinnig Genialen und  genial Wahnsinnigen. Ohne diese Geschichten und Filmdialogsätze im Hinterkopf. Ich komme mir manchmal vor wie Jerry Seinfeld in Seinfeld. Aber das war eine Sitcom. Hätt ich dem Teufel doch bloss nie in den Arsch gekuckt.

Komm jetzt mal vorbei du Künstler.

Ich will mit dir sprechen.

Moritz