Gesellschaft | 20.07.2009

It’s oh so Kimandra – Vintage

Text von Audrey Djouadi
Auf Flohmärkten und in Secondhand-Läden gibt es schöne alte - oder kurz gesagt - Vintage-Kleider. Auf Einkaufstour mit unserer Modekolumnistin.
Eintauchen in vergangene Zeiten: In einem Zürcher Second Hand-Laden. Fotos: Jovanna Hitz 100 Prozent Original: Sowas gibts bei H&M nicht. Unverzichtbare Accessoires: Auch Vintage-Schmuck ist im Angebot.

Folgende Mission: Ich, ein kleines Mädchen mit Kaufrauschtendenzen höchsten Grades, treffe Andrea Serrano, die eine Hälfte des Online Vintageshops Kimandra, und die Fotografin Jovanna Hitz. Plan? Auf Vintagejagd gehen. Die Vintagekennerin Andrea soll mich einen Tag lang in die Secondhand Welt Zürichs einführen, mir ihren Stil näherbringen und mir die Hotspots für Zürcher Vintage Läden zeigen. Auf in die Schlacht.

Auf dem Markt kaufen – online verticken

Nach der Bussi-Bussi Begrüssung und einigen Komplimenten geht’s auch gleich los. Erstes Ziel ist der Flohmarkt am Bürkliplatz. Dort erklärt mir die zauberhafte Andrea das Konzept ihres Vintageshops. Seit nun einem Jahr suchen Andrea und ihre Partnerin Kim, die den Erzählungen zufolge eine wahre Secondhand-Suchmaschine ist, Vintageschätze und verkaufen sie auf ihrer Internetseite. Andrea fotografiert die Kleider und stellt sie dann online. Meist kommen besagte Schätze von Privatpersonen, wie zum Beispiel von der besten Freundin der Grossmutter des Cousins oder ähnlichen Bekanntschaften über 27 Ecken.

Dior auf dem Bürkliplatz

Die zwei kreativen Köpfe von Kimandra suchen sich ein Thema aus, so was wie ein Film oder ein spezielles Lied, wonach sie sich für das nächste Shooting orientieren. Bisher habe ich gelernt, dass Kimandra hochwertige Materialien, semi transparente Blusen und extravagante Hüte liebt. Und Kleider. Und Taschen. Und Schuhe. Gemütlich schlendern wir also über den Bürkliplatz, als wir alle plötzlich in hellen Wahnsinn ausbrechen: Ein Stand, der die unvorstellbar schönsten Sachen verkaufen wollte. Andrea verliebte sich sofort in eine Brille von Christian Dior. Verschüchtert und mit dem schlimmsten rechnend, fragt sie nach dem Preis und: Es ist absolut bezahlbar. Darum lieben wir den Flohmarkt. Wie sich heraus stellt, ist die Standinhaberin eine alte Bekannte von Andreas Familie und die Freude kennt keine Grenzen. Belanntschaften über 27 Ecke. Unser Budget war schneller weg als ihr Donaudampfschifffahrtskapitänswitwenversicherungspolice sagen könnt und daher entschieden wir uns erst mal, was trinken zu gehen. Bitte eiskalt serviert und mit Zitrone drin!

Dem Wetter getrotzt

Wir schlenderten ins Cafe Odeon und bestellten drei grosse Gläser Eistee. Gross im Sinne von riesig. Und der Kellner schien unsere Gebete erhört zu haben und servierte uns drei Gläser, jeweils mit dem Gewicht eines dieser kleinen, rattigen „Hündchen“. Doch auch das schien nicht gegen die zwei Hauptkrisen zu helfen. Geldmangel und mörderische Hitze. Doch die gemeine Hitze hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich mir auf dem Flohmarkt einen luftigen, mit Blumen verzierten, Jumpsuit gekauft habe. Wetter: Null, Audrey: Eins. Triumph.  Also ein Problem aus der Welt geschafft.

Das weitaus tragischere Problem: Das akute Gelddefizit. Gott sei dank Leben wir im 21. Jahrhundert, in dem an jeder Ecke ein nettes Gerät steht, dass einem Geld schenkt wenn man ihm ein kleines Plastikvierreck zeigt. Also weiter im Programm. Wir marschierten weiter Richtung Niederdörfli, wo wir vergebens den Vintagestore Babar suchten. Elender Laden muss sich verstecken? Gut, dann kurbeln wir die Wirtschaft halt woanders an. Bäh!

Eine verrückte Verkäuferin

Also suchten wir den Laden Time Tunnel auf. Ich glaube, ich möchte diesen Laden heiraten. Lässt sich da was machen? Doch der eigentliche Höhepunkt der Einkaufstour war ein Secondhand Laden, der einer älteren Dame gehört. Und Entschuldigung, wenn ich jetzt ausfallend werde, aber diese alte Dame ist verrückt. Man stelle sich ein winziges, altes Persönchen vor, zerbrechlich und völlig harmlos – scheinbar. Mich würd’s jedoch nicht verwundern, wenn sie sonntags mit der Schrotflinte auf ihrer Veranda sitzt und kleine Kinder, die auf ihren Rasen treten, mit wütend geschwenkter Faust und „ihr verfluchten Kids“ keuchend, verjagt. Doch diese Dame verkauft die unglaublichsten Teile. Alte Blusen aus den Vierzigern, Badeanzüge, Röcke – alles, was das Herz begehrt. Doch man darf in ihrem Laden leider nichts berühren, man darf auch keine High Heels tragen (die können den Boden beschädigen) und man darf nichts anschauen, was sich in ihrer Nähe befindet. Demzufolge haben wir dort nichts gekauft. Bald schlossen auch alle Läden und wir bewegten uns Richtung Heimat. Mit vollen Taschen.

Was ist Vintage?


Kurz gesagt ist Vintagekleidung solche, die im Zeitraum von 1930-1979 gestaltet wurde. Es kann sich dabei um eine vergangene Kollektion eines noch heute tätigen Designers oder auch um gebrauchte, nicht Designerkleidung handeln. Es muss jedoch deutlich ersichtlich sein, dass die Kleidung wirklich alt und nicht bloss auf alt gestylt ist. So ist also eine Hose mit fabrikgefertigten Löchern nicht vintage, eine Hose aus den 60ern, die durch Tragen einige Löcher abgekriegt hat schon. Vintagekleidung ist alt, selten und orginal. Heute wird alles, was früher Retro war, Vintage genannt – fälschlicherweise. Verwirrt? Verständlich! Heute stolpert man überall auf den Begriff Vintage, doch lasst euch nicht durch den Wind bringen. Vintage ist nur, was wirklich alt ist. Fündig werdet ihr am besten in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten.