Kultur | 13.07.2009

„Gib und nimm Liebe zugleich.“

Das Musikerduo Johnossi besteht aus zwei Persönlichkeiten: extrovertiert und introvertiert. In ihren Liedern sagen sie kaum etwas zu aktuellen Themen. Sie singen aus ihrer Seifenblase, die sie für ein Interview in St. Gallen platzen liessen.
Johns Stimme brach während des Konzerts mehrmals ab.
Bild: Tim Broddin Anton Coene

Ihr seid heute kurzfristig für Biffy Clyro eingesprungen. Mögt ihr es, in der Schweiz zu spielen?

John: Ja, definitiv.

 

Wie war das Konzert?

John: Es war nicht so gut wie sonst.

Ossi: Ich glaube, momentan sind wir ziemlich schlecht, weil wir so viel auf der Bühne stehen. Wir sind einfach ziemlich müde und desinteressiert.

 

Das konnte man auch hören: Johns Stimme brach einige Male ab.

John: Normalerweise singe ich ein schnelleres Lied und danach ein langsameres. Es ist aber ein Problem, die Songs so anzuordnen, dass das immer eingehalten wird. Da ist meine Stimme manchmal schon unter Druck. Es gäbe ja so eine Lösung zu meinem Problem: Mit dem Trinken und Rauchen aufhören. Aber das werde ich nicht tun.

 

Kümmert man sich an einem Festival überhaupt um seinen Drogenkonsum?

John: Mir ist bewusst geworden, dass ich mich mehr darum kümmern, sollte mir zu sagen, dass ich weniger konsumieren soll. Das wäre schon einmal ein erster Schritt.

Wir haben letztes Wochenende am Southside-Festival in Deutschland gespielt. Dort haben wir gesoffen und geraucht bis sechs Uhr morgens. Unser Gig um zwei Uhr nachmittags war schrecklich.

 

Glaubst du an Himmel und Hölle, Gut und Böse?

John: Nein. Ich glaube an Gut und Böse, aber nicht an Gott oder den Teufel. Ich habe meinen eigenen Glauben. Ich bin kein Atheist, aber ich glaube an keine der grossen Religionen. Die sind alle sinnlos, ausser vielleicht der Buddhismus. Meiner Meinung nach sollte keiner einer der grossen Religionen folgen. Jeder sollte seinen eigenen Glauben haben. Wenn man einfach nur ans Gute glaubt und es auch lebt, kann man ein super Leben führen.

Ich glaube auch an ein Leben nach dem Tod. Reinkarnation ist ein kleiner Lichtstrahl im Leben.

 

Glaubt ihr also auch an Karma?

John: Nein.

Ossi: Wenn ich jetzt jemanden lieb behandle, wird mein nächstes Leben nicht besser.

John: Mich interessiert das Unterbewusstsein von Leuten stark. Zum Beispiel, was in unseren Träumen so läuft. Es ist faszinierend, dass du träumen kannst, du hättest jemanden getroffen, und diese Person hatte ein bestimmtes Aussehen, das du eigentlich selbst erfunden hast.

Ist das eigentlich das Interview? Es kommt mir so vor, als würden wir einfach ein Gespräch führen. Das ist eigentlich toll so. (lacht)

Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, aber vor dem Sterben.

 

Du hast also Angst davor, nicht friedlich zu sterben?

John: Ja. Ich habe Angst davor, dass es schmerzhaft sein wird. Die Vorstellung, dass mich jemand erschiessen wird, oder, dass ich ausbluten werde, ist entsetzlich. Tot zu sein hingegen stört mich nicht.

 

Auf eurem Blog schreibt ihr über den verstorbenen Musikgott Michael Jackson. Was meint ihr zu dieser Vergötterung?

Ossi: Musik beeinflusst. Immer. Du liebst oder hasst sie, aber du bist selten neutral gegenüber Musik. Manche Leute fühlen sich so stark angesprochen, dass sie beginnen, eine Band anzubeten. Die verbrauchen ihre ganze Energie mit dem Versuch, ihr Idol zu treffen. Es ist besser, sie machen das als blödere Sachen. Nichts ist falsch daran, einen Musiker oder eine Band zu vergöttern, solange man sich selbst nicht vergisst.

John: Manchmal gibst du mehr Energie für andere Leute aus, die das machen, was du liebst. Doch eigentlich könntest du es selbst machen.

 

Man sollte also ein Idol nutzen, um so toll zu werden wie es selbst?

Ossi: Genau. Es sollte als Motivation dienen. Nicht alle können Musik schreiben, nicht alle können malen oder ein Auto fahren, nicht alle verstehen etwas von Wirtschaft. Aber jede und jeder Einzelne hat Talent. Irgendeine Begabung, die genutzt werden soll.

John: Ich glaube, jeder Mensch hat einen Grund, wieso er da ist. Manchmal denke ich, dass das, was wir machen, kein Luxus ist. Es ist nur das, was wir tun müssen. Denn, wenn ich es nicht mache, fühle ich mich scheisse. Ich mutiere zu einer schlechten Person. Nach einer Weile kann ich nicht mehr schlafen, laufe herum, muss schreien. Einfach, weil ich so viel Energie habe, die raus muss.

 

Denkt ihr, wir brauchen mehr kreative Leute?

Ossi: Nicht unbedingt, aber solche, die sich um die kreativen Leute kümmern.

John: Ich denke die Welt muss jetzt die Augen öffnen. Krieg ist so unwahrscheinlich blöd. Da ist ein richtig kleiner Globus, der vielleicht auch sehr gross ist, und was machen wir daraus?

 

Geschichte lehrt uns, dass die Menschen nie lernen.

John: Oh ja. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb John Lennon zur Ikone wurde. Weil er eine der wenigen Personen war, die sagen konnte: „War is over! If you want it“.

 

Musiker spielen eine grosse Rolle im politischen Geschehen.

John: Ja, solange du weisst, worüber du sprichst. Wir haben nie über solche Sachen gesprochen, weil ich mich nicht genug aufgeklärt fühle. Wenn es um Musik geht, dann geht’s mir besser, wenn ich über meine Seifenblase spreche, über Fantasie oder mein Leben.

Ossi: Wenn du anfängst, über Politik zu singen, dann musst du wirklich ein As auf diesem Gebiet sein.

John: Ein Negativbeispiel ist die Bewegung, die in den Sechzigern zum Vorschein kam: Leute wurden zu Hippies. Sie konsumierten Drogen und forderten den Frieden. Und nach vierzig Jahren ist es nicht mehr als eine Mode.

 

Aber die Studenten, also auch ein Teil der Hippies, waren auch sehr aktiv.

Ossi: Klar. Aber, wenn du Sechziger sagst, dann ist das nicht das Erste, woran du denkst.

John: Da stösst du zuerst auf Drogen und AIDS. Es gibt immer die echten Leute, grössere Gruppen, Mitläufer, die einfach überwiegen.

 

Wie ist denn eure Philosophie?

Ossi: Behandle alle anderen wie du gerne behandelt werden würdest. Es ist so einfach und blöd, aber das ist die einfachste Weise, zu leben. Gib viel und nimm zugleich viel Liebe.

 

 

Links