Kultur | 13.07.2009

Gemeinsam einsam

Jugendliche in Serbien sind in einem völlig anderen Staat aufgewachsen, als ihre Eltern. Obwohl die Beziehungen zwischen den Generationen auf den ersten Blick enger scheinen als bei uns, gibt es viele Missverständnisse und wenig wahren Dialog.
Viele Missverständnisse und wenig wahren Dialog gibt es in Serbien zwischen Jung und Alt.
Bild: Noemi Anne Helfenstein

Olivera UŠ¡Äumlić arbeitet als Erzieherin in einem Wohnheim für Mittelschülerinnen und Mittelschüler in Subotica, der fünftgrössten Stadt Serbiens. Ihr falle es nicht schwer mit den Jugendlichen zu kommunizieren, sagt die 48-Jährige. Doch die Wertvorstellungen und Lebensansichten der heutigen Jugendlichen seien anders, als vor 20 Jahren. „Junge Menschen heute haben keine Geduld mehr. Sie wollen alles sofort. Es gibt keine schrittweise Steigerung mehr“, sagt UŠ¡Äumlić, „sie haben bereits mit zwölf Jahren zum ersten Mal Sex. Sie sind vielleicht physisch reif, aber nicht psychologisch und überfordern damit sich selbst.“

Larisa Ivanković, Sonja Stefanović, Ana Patarčić und Bojan Francuski sind zwischen 25 und 30 Jahren alt. Obwohl auch sie noch als „jugendlich“ gelten, sind sie einverstanden, dass die Teenager von heute weniger lange „Kind“ sind, als sie das waren. An dieser Entwicklung sei die Gesellschaft schuld, sagen sie.
Die Teenager von heute sind zwischen den Jugoslawienkriegen und und den Nato-Bombardierungen geboren. Sie sind in einer Zeit der sozialen und wirtschafltichen Krise aufgewachsen. „Unsere Eltern haben vom Staat eine Wohnung zugeteilt bekommen“, sagt Sonja, „wir müssen uns überlegen, ob wir es uns leisten können, einen Kredit aufzunehmen.“

Die Kriege, meint UŠ¡Äumlić, hätten Vieles zerstört: Wertvorstellungen, Beziehungen, Respekt und Achtung vor anderen Menschen. Dass die heutigen Jugendlichen so wenig reisen, sieht sie als eines der grössten Probleme der serbischen Gesellschaft. Die Jugendlichen seien geprägt von Vorurteilen und politischen Parolen des Hasses, hätten Angst vor allem Fremden und Unbekannten. Der jugoslawische Pass damals erlaubte visafreises Einreisen in beinahe alle Länder der Welt. „Früher sind wir nach Italien zum Shopping gefahren“, erzählt UŠ¡Äumlić.

Ana und Sonja beteuern, nicht die Jugendlichen, sondern die älteren Generationen hätten Angst vor Veränderungen. Sonja arbeitet als Lehrerin und muss kämpfen, um die kleinste Neuerung im Unterrichtswesen einzuführen. Die staatlichen Institutionen funktionieren wie im Sozialismus nach hierarchischen und bürokratischen Prinzipien.

Die älteren Generationen misstrauten den Jugendlichen und unterschätzten ihre Fähigkeiten, sagen Larisa und Ana. UŠ¡Äumlić währenddessen klagt über fehlenden Respekt gegenüber den älteren Generationen. Viele Jugendliche wohnen auch mit über dreissig Jahren noch bei den Eltern. Oft ist es ihnen aus finanziellen Gründen unmöglich, auszuziehen. Aber auch die Erziehung spielt eine Rolle: „Ältere Menschen möchten fühlen, dass sie gebraucht werden, deshalb bevormunden sie uns Jugendliche und versuchen zu verhindern, dass wir unabhängig werden“, sagt Ana. Obwohl in Serbien oft mehrere Generationen unter einem Dach leben, fehlt es an wahrem Dialog. „Wir sind gemeinsam einsam“, sagt Bojan.

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