Kultur | 06.07.2009

Funky Zeit mit Brüno

Auf Borat folgt Brüno. Sacha Baron Cohen entlarvt mit seiner neuen Kunstfigur starre Gesellschaftsbilder und geht dabei sehr investigativ zu Werke.
Auch wenns danach ausschaut: In seinen Interviews ist Brüno kein sehr guter Zuhörer. Er denkt immer nur an sich selbst. Fotos: PD Auffallen um jeden Preis. Mandonna hat ein paar (wieviele überhaupt?), Brad Pitt und Angelina Jolie auch, also muss für Brüno auch eins her: Ein Adobtivbaby. Er tauft es auf den Namen O.J. Bleibt der Kinosommer 2009 als "Funky Zeit mit Bruno" in Erinnerung?

Das Beste vorweg: Brüno – der neue Film von Verwandlungskünstler Sacha Baron Cohen überschreitet die Grenzen des guten Geschmacks mit spielender Leichtigkeit. Das war auch nicht anders zu erwarten. Der britische Provocateur hat mit „Ali G Indahouse“ (2002) und „Borat“ (2006) bereits zwei niveaumässige Tiefschläger produziert, die sich anschliessend zu kommerziellen Höhenfliegern entpuppten. Keine leichte Vorgabe, das noch zu toppen. Lauter, schriller, nerviger, geschmackloser und vor allem „schwul“ sollte der neue Film werden. Dem Zufall wollte man nichts überlassen. Deshalb wurde im Vorfeld eine PR-Maschinerie in Gang gesetzt, die der US-Army in sämtlichen Propaganda-Kriegen der letzten hundert Jahre zum Sieg verholfen hätte.

Die spektakuläre Inszenierung erscheint passend. Denn für Brüno, ein homosexueller Modereporter aus Österreich, ist nichts schrill genug. Sein grösstes und wohl auch sein einziges Talent ist es, um jeden Preis aufzufallen. Er taucht nur deshalb in die Welt des Glamour ein, um möglichst schnell Teil davon zu werden und seine amerikanische Odyssey ist er nur angetreten, um ein Weltstar zu werden. Er ist – wie Borat schon – auf der Suche nach dem amerikanischen Traum, ohne zu realisieren, dass für Leute wie ihn der Zug schon längst abgefahren ist, sofern denn jemals einer existiert hat.

Ein radikaler Wechsel

Zurück zum Plot: Nachdem er auch bei der ersten und einzigen Präsentation seines narzistischen TV-Konzepts „Funky Zeit mit Brüno“  bei der Produktionsfirma gnadenlos durchfällt, gesinnt sich Brüno eines radikalen Lebenswandels. Er möchte Hetero werden, weil er sich dadurch den Ruhm erhofft, der ihm eigentlich schon längst hätte zustehen sollen. Als lebende Vorbilder nimmt er sich Stars wie Tom Cruise oder Mel Gibson, die doch auch alle hetero seien und es so zu was gebracht hätten.

Doch der sexuelle Sinneswandel scheint schwieriger als geplant. Denn Brüno ist nicht aus irgendwelchen Lifestyle-Gründen schwul, sondern aus purer Leidenschaft. Bis ins letzte Arschhaar sozusagen, die er sich regelmässig „weg-bleachen“ lässt. Sein Kampf ist im Vornherein zum Scheitern verurteilt und der Zuschauer leidet mit, wenn Brüno ab sofort nicht mehr die Künstlichkeit der Glamourwelt, sondern Orte aufsucht, an denen er die wahre Männlichkeit vermutet. Eine Stippvisite bei der US-Army, ein Besuch im Hetero-Swingerclub oder ein Jagdcamp mit amerikanischen Hinterwäldlern – Orte, wo die Homophobie regiert, sollten ihn ans andere Ufer spülen. Doch Brüno kann seine homoerotische Seite niemals verdecken, was zu peinlich-lustigen bis gefährlichen Momenten führt. Etwa dann, wenn er sich bei einem Terroristenführer beinahe um Kopf und Kragen redet.

Provokative Einfühlsamkeit

Auch wenn Brüno ein brachiales Feuerwerk von Witzen unter der Gürtellinie zündet, so geschieht dies nur als Mittel zum Zweck. Brüno, oder besser gesagt Sacha Baron Cohen, übernimmt die Rolle eines investigativen Journalisten gleich im doppelten Sinne: Durch seine gespielte Homosexualität mit indoktrinierter „Einfühlsamkeit“ und die daraus resultierenden Interviews, welche die starren Gesellschaftsbilder bestimmter Bevölkerungssgruppen bis zur schmerzhaften Peinlichkeit entlarven. Es dürfte nicht verwundern, wenn diese grandiose Realsatire noch einige Klagen der darin vorkommenden Protagonisten nach sich ziehen würde.

Sacha Baron Cohen ist mit Brüno das geglückt, was kaum jemand für möglich gehalten hat: Er lässt seinen Vorgänger Borat beinahe brav erscheinen. Und die Zeichen stehen nicht schlecht, dass dieser Kinosommer als „Funky Zeit mit Brüno“ in die A(n)nalen eingeht.

Brüno ab 9. Jüli in diversen Schweizer Kinos.

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