Kultur | 20.07.2009

Eine moderne Faust-Inszenierung

Wenn das menschliche Streben nach Macht, Ruhm und Reichtum ein Kasperlitheater mit Splatter-Movie Elementen ist und die Hölle an ein Ramstein Konzert erinnert, sitzt man auf der Holztribüne der Luzerner Freilichtspiele.
Faustus (Michael Wolf) bricht mit Gott.
Bild: Georg Anderhub / Luzerner Freilichtspiele

Auf der Halbinsel Tribschen, umzingelt vom Zentralschweizer Bergmassiv, inszenierte der Luzerner Regisseur Livio Andreina mit einem Ensemble aus Laien und Profis eine zeitgenössische Variante des klassischen Faust-Motivs. Faust, Goethe und die damit verbundene Erwartungshaltung von geschwollener Sprache und traditioneller Moral wird geschickt schon zu Beginn des Stücks zerstört. Mit dem Einbezug des „Splätterlitheater“, das in seiner speziellen Funktion, sozusagen als Theater im Theater, gleich zu Beginn mächtig den Tarif durchgibt. Ein anarchistischer Kasperli auf Speed, ein „goethiger“ Faust und ein kannibalischer kleiner Teufel mit „Louis de Funés“-Charakterzügen sorgen dafür, dass sich die Zuschauer auf einen etwas anderen Faust gefasst machen. Diese drei Handpuppen werden immer dann in ihrem mobilen Spielhäuschen auf die Bühne gefahren, wenn die Akteure auf der Bühne grosse zeitliche oder räumliche Distanzen zurücklegen müssen.

 

 

Das Bühnenbild besteht aus einer flachen Holzscheibe, was neben den rein praktischen Überlegungen auch das Weltbild des Ur-Fausts darstellen soll. Durch diese flache Konstruktion mit einer begehbaren Tribüne bleibt die freie Sicht auf das dahinter liegende natürliche Bühnenbild ungetrübt. Wenn Dr. Faust mit Gott bricht, schallt seine Blasphemie gegen die umliegenden Berge, welche sie diabolisch gedämpft als Echo wieder zurückwerfen. Doch dieser Effekt hat nicht lange Zeit, um auf die Zuschauer zu wirken. Das Geschehen auf der Bühne versorgt das Publikum dermassen mit einem Serienfeuer von Reizen: Da wird zum Beispiel ein Papst plötzlich mit Geilheit statt mit Heiligkeit konfrontiert während zurückgebliebene Hobby-Hip-Hopper auf Money-Girls aus der Hölle treffen. Das gute und das schlechte Gewissen tragen beide dasselbe rosa Tütü und die sieben Todsünden beweisen, dass Obszönität in der Unterwelt noch immer angesagt ist. Bei all diesen optischen Eindrücken geht fast unter, dass da noch eine Live-Band mitwirkt, die die Stimmung auf der Bühne akkustisch aufheizt.

 

Fazit: Eine gelungene Produktion, ich freue mich auf die nächste.