Kultur | 13.07.2009

„Ein Kraftfeld breitet sich aus“

Wo früher die Maschinenfabrik Sulzer Lokomotiven herstellte, wird heute getanzt und Tischtennis gespielt. Das Kraftfeld in Winterthur verbreitet viel Spannung.
Tink.ch berichtet in einer losen Serie über die besten Kulturplätze in Winterthur.
Bild: Martin Sturzenegger Das Kraftfeld liegt mitten im alten Sulzerareal. Fotos: Andrea Pfister & Markus Roost Auch Leute aus Zürich lassen sich vom Winterthurer Kraftfeld anziehen. Drinnen herrscht eine gemütlich-alternative Atmosphäre.

Seit wann gibt es das „Kraftfeld“ und wie ist es entstanden?

Am 6 Juli 1996 entstand im Gebäude 161 des ehemaligen Sulzer-Industrieareals das Biotop der Alternative. Anfänglich wurden mit monatlichen provisorischen Festwirtschafts-Bewilligungen Bar-, Party- und Konzertabende veranstaltet und das Lokal lebte während circa vier Jahren nur dank dem Idealismus seiner Betreiber. Erst ab 2000 erhielt das Kraftfeld eine offizielle Gastrobewilligung und die Angestellten einen symbolischen Stundenlohn von 10 Franken.

Wer hatte die Idee und welche Ziele werden verfolgt?

Eine Gruppe von vier Individualisten verkündete die Gründung des Kraftfeld- Vereins und lud zur Eröffnung ein. In den Statuten stand und steht noch heute: Der Sinn und Zweck des Kraftfeld-Vereins ist die Betreibung eines Lokals der anderen Art, zur Förderung lebendiger Kunst und Kultur.

Was war früher im „Kraftfeld“ und woher kommt der Name?

Ursprünglich war das Gebäude, in dem sich heute das Kraftfeld befindet, eine Lok-Remise. Später wurde das Gebäude umgebaut, unten als Labor und oben als Büro genutzt. Der Name Kraftfeld war der Kompromiss der Gründerväter. Weiter zur Auswahl standen zum Beispiel Hauptschalter oder Generator. Auf dem Eröffnungsflyer stand dann sinngemäss „Ein Kraftfeld breitet sich aus“.

Welches Publikum möchtet Ihr ansprechen, wie sieht euer Programm aus? Gibt es spezielle Schul- und Jugendprojekte?

Unser Publikum ist sehr breit gefächert und das gefällt uns auch so. Von jung bis alt, von alternativ bis brürgerlich, von schrill und frech zu gepflegt und gehoben ist alles bei uns vertreten. Bei unserem Programm sieht es ähnlich aus: Vielfalt ist uns sehr wichtig. Musik verschiedener Couleur, Konzerte, Partys, Spielabende und noch viel mehr. Das Kraftfeld ist im stetigen Wandel – zum Beispiel bei der stilistischen Ausrichtung der Konzerte: Zu Urzeiten lag der Schwerpunkt bei elektronischem Pop, dann bei Folk, Country, Singer-Songwriting und Weltmusik. Seit Anfang Jahr kommen auch vermehrt Bands zum Zuge, die sich dem Independent-Pop und -Rock verschrieben haben. Weiter stellt das Kraftfeld verschiedene Eigenproduktionen auf die Beine, die in dieser Form niemand sonst bietet und treibt so Weiterentwicklungen im stagnierenden Party-Zirkus voran und zeigt neue Wege auf. So zum Beispiel die „Spiel.wiesen“, die „Sonnenwenden“ oder Konzerte mit Partyrahmen, bei denen die Genre- und Stilgrenzen überschritten werden.

Weshalb habt ihr seit der Eröffnung vieles verändert?

Zum einen wollen wir uns immer weiterentwickeln und zum anderen kommen immer wieder neue Leute mit neuen Ideen an Bord. Früher wurden Konzerte zum Teil sehr spontan angesetzt, heute buchen wir Bands bereits Monate im Voraus. Gewisse Angebote wie der Mittagstisch oder eine Zeitschrift mussten wegen zu geringer Nachfrage oder wegen fehlender Kapazität leider wieder abgesetzt werden.

Welche Vorichriften habt ihr und welche Bedingungen müsst ihr erfüllen? Wie werdet Ihr finanziert?

Wir erfüllen die normalen Gesetzesvorschriften. Anfänglich haben wir nur provisorische Gastrobewilligungen erhalten. Nach Einbau einer Belüftung und weiteren Sanitäranlagen erhielten wir 2000 eine offizielle Gastrobewilligung. Die Finanzierung geschah anfänglich allein über Eigenmittel und dank der Frohnarbeit der Kraftfeld-Aktivisten. Für die grösseren Investitionen in die Infrastruktur mussten wir dann bei Freunden zinslose Darlehen aufnehmen. Seit 2006 erhält das Kraftfeld zusammen mit den drei anderen Winterthurer Livemusikklubs (Albani, Gaswerk und Salzhaus) Subventionen von der Stadt, unter der Bedingung, dass wir eine gewisse Anzahl Konzerte pro Jahr durchführen.

Wie  sieht die Zukunft aus?

Für die Zukunft haben wir verschiedene Pläne. Nach bangen Jahren der Unsicherheit durch den drohenden Verkauf und Abriss des Lagerplatz-Areals ist seit anfang Jahr die Zukunft wieder rosig. Die neue Besitzerin des Areals hat uns unbefristete Mietverträge in Aussicht gestellt. So können wir definitiv noch lange auf dem Sulzer-Areal bleiben und endlich wieder in unsere Infrastruktur investieren. Auf der Pendenzenliste stehen unter anderen der Umbau des Barbereichs und die Erweiterung in angrenzende Räumlichkeiten. Weiter sollte auch die Ton- und Lichttechnik aufgemöbelt werden.

Für alle, die das „Kraftfeld“ nicht kennen: Was ist speziell und wie würdet ihr es beschreiben?

Das Kraftfeld ist die Alternative zum kommerziellen Mainstream. Es bezieht seine Energie durch motivierte Aktivisten, die Freude daran haben, Kultur zu machen und Neuland zu betreten. Dabei legen wir grossen Wert auf fairen Handel und nachhaltige Strategien. So besteht die Inneneinrichtung vorwiegend aus geretteten Industriegütern, die umfunktioniert wurden.

Die Räumlichkeiten umfassen zwei Bereiche: Die Gaststube mit Theke und den durch eine Glaswand abtrennbaren „Ballsaal“ mit Bühne. Die Bar bietet eine grosse Auswahl hochwertiger und innovativer Produkte, mehrheitlich aus regionalen Betrieben. Selbst die hauseigenen Flyer und das Monatsprogramm werden von jungen, talentierten Grafikern und Künstlern gestaltet. Unter der Woche sind wir eine gemütliche Bar mit Hintergrundmusik von lokalen DJs. An den Wochenenden finden verschiedene Veranstaltungen statt. Unter dem Label „Schau.platz“ veranstalten wir Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen. Zwischen 60 bis 80 Bands stehen pro Jahr auf der Kraftfeld-Bühne.

Unter dem Label „Nacht.tanz“ darf getanzt werden, bis der Holzboden im Ballsaal bricht. Die verschiedenen Partyreihen haben Namen wie Sputnik, Guete.Stoff, Rub A Dub Club und Stilrichtungen wie 60ies-Beat, Minimal, Dancehall Reggae oder HipHop. Unter „Spiel.wiese“ laufen Spiel und Spass für Jung und Alt. Die „Spiel.wiese“ hat Kultstatuts und erregt immer wieder die Aufmerksamkeit der nationalen Medien: Schneckenrennen, Bastelbogen-Basteln, Räbeliechtli-Schnitze, Kerzenziehen, Indoor-Drahtesel-Grand-Prix, Ping-Pong-Rundlauf, Tupperparty, Kasperlitheater und noch viel mehr – die „Spiel.wiese“ ist eine Erfolgsgeschichte. Die aufwendigsten Anlässe im Kraftfeld sind die legendären „Sonnen.wenden“, die jeweils Mitte Juni und Dezember stattfinden. Die Deko- und Verkleidungspartys widmen sich oft einem bestimmten Thema.

Aktuell läuft bei uns die „Ueberleb.bar“, unser Sommerprogramm. Dabei bieten wir Dienstags und Donnerstags einen offenen Grill an und es darf im Ballsall Ping-Pong-Rundlauf gespielt werden. Auch am Samstag öffnen wir unsere Tore. Dann aber erst ab 21 Uhr und ohne Grill. Jeden Abend haben wir einem bestimmten Land gewidmet und bieten entsprechendes Bier und Musik an.

Serie: „Winterthurer Kulturplätze stellen sich vor“


In einer losen Serie stellt Tink.ch empfehlenswerte Winterthurer Kulturplätze vor. Damit soll auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Eulachstadt sich in den letzten Jahren zu einer ernstzunehmenden Ausgangs-Alternative zu Zürich entwickelt hat. Von wegen Zürich für Arme!

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