Gesellschaft | 23.06.2009

„Will es gelten, mach es selten“

Unsere Autorin - eine selbsternannte Modekennerin - spürt bei ihren Rundgängen durch Zürich Modeopfer und -trends auf und bekommt dabei auch einiges zu hören.
Weder zum Hinduismus konvertiert noch direkt aus der Wanne gestiegen. Der Turban ist wieder in Mode.
Bild: www.welt.de Auch die "Haremhosen" erleben ein bemerkenswertes Revival. www.www.schweizer-illustrierte.ch

Wer kennt das nicht: Hochglanzmagazin gelesen, Boutique geplündert, stolz wie ein Pfau die Beute nach Hause verfrachtet. Doch was geschieht bei einem Zusammentreffen von Modeliebhabern und „Unwissenden“? Wie reagiert der Normalverbraucher auf das zur Schau Stellen von „the latest trends“? Folgendes Szenario: Wild toupierte Haare, in denen ein zartes Wildlederhaarbänchen flaniert. Dazu ein Nude-Pailletenkleid. Die Herzen der Fashion Victims würden höher schlagen. Wie kann man dieses elfengleiche, sanfte Haarband nicht lieben, seine Bedeutung in der Modeszene ignorieren (eiskalt und ohne Rücksicht auf Verluste!). Also läuft Frau glücklich durch die Strasse, als sie ein dumpfes: „WOODSTOCK’S ALIVE!!!“ vernimmt. Wer steht da? Ein Barbesitzer, mitte Vierzig und er lacht über seinen brillanten Spruch.

Das Blumenmädchen im Fokus

Einige Stunden und gefühlte 300 Kommentare später, steht unser Blumenmädchen in der Bahnhofshalle und hört, wie ein junger Herr (Der Herr hat Eleganz, nun ja, nicht gerade mit Löffeln gegessen. Todsünde: Die Hosen werden in die Socken gestülpt) klärt seinen äquivalent gut gekleideten Kollegen auf. „Du hast keine Ahnung was du verpasst“. Referierend zum Outfit des Blumenmädchens, versteht sich von selbst. Ebenfalls ein passendes Beispiel. Blumenmädchen schlendert gemütlich durch die Strasse, als ihr ein völlig nervöser Mann ins Gesicht fuchtelt und mit stolz seinen selbsterdachten Spruch zum Besten gibt: „HEY. Bist du Robin Hood?“ Auffallen kann man auch mit dem in der Modeszene vergötterte, Turban. Coco Chanel hat ihn schon vor langer Zeit salonfähig gemacht. Inzwischen ist der Turban als gleichwertiger Hut zu werten. Modelaie’s Kommentar  dazu: „Na, gerade aus der Wanne gestiegen?“ „He, bist du zum Hinduismus konvertiert?“ Dies sind selbstverständlich nur Auszüge, es existieren noch weitaus „geistreichere“ Kommentare.

Auffälliges wird kommentiert

Auch eine beliebte Zielscheibe: Die Haremshose. Es gibt alles, von simplen „Deine Hose ist zu gross“ zu weitaus kreativeren „Die Yogastunde ist zwei Strassen weiter“. Zwar ist mir dieses Phänomen in den letzten Tagen verstärkt aufgefallen, es war vermutlich schon immer da. Liegt es in der Natur des Menschen, Unbekanntes und/oder Auffälliges zu kommentieren? Ist es Neid, Unwissenheit oder schlicht ein Nichtgefallen? Alle drei. Was kann die Frau „en vogue“ in solchen Situationen tun? Wer’s hier mit Argumentieren versucht, ist verloren. Menschen, die nicht wissen wer Anna Wintour ist, lassen nicht mit sich über Mode diskutieren. Was auffällt ist anders, was anders ist, ist falsch. Ein charmantes Lächeln wirkt besser als jeder schnippische Spruch, und die Freude über nette Kommentare ist umso grösser.  Denn auch hier gilt, will es gelten- mach es selten. Auf der Strasse trifft man von zehn Menschen durchschnittlich einen Modekenner. Und seien wir ehrlich, diese brennenden Blicke auf der Strasse machen das Tragen eines auffälligem Outfits umso spannender.