Gesellschaft | 08.06.2009

Vom elterlichen Ehrgeiz getrieben

Es ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder schulisch unterstützen. Die Fürsorge kann aber auch zu weit gehen, was aus vermeintlichen Wunderkindern schnell einmal gesellschaftliche Opfer werden lässt.
Eltern müssten mehr auf ihre Kinder hören.
Bild: Jerome Quiesser/www.youthmedia.eu

Die Resultate sind bekannt. 48 Prozent der Gymiprüfungsbestreiter haben es in diesem Jahr geschafft. Doch die Vornoten und der Schulunterricht alleine genügen heute scheinbar nicht mehr. Schon mindestens ein halbes Jahr bevor die grossen Prüfungen stattfinden, stehen viele Eltern schon total Kopf. Ihre Tochter oder ihr Sohn soll die Prüfung bestehen, koste es, was es wolle. Das kann man sogar wörtlich nehmen, wenn man die wöchentlichen Besuche bei den privaten Gymi-Vorbereitungslehrpersonen (ausserhalb der Schule) berücksichtigt, die die Kinder optimal vorbereiten und hochtrimmen müssen.

Die Kleinen werden heute zum Prestigeobjekt der Eltern gemacht. Viele Eltern brüsten sich damit, wie aussergewöhnlich gescheit und begabt ihre Nachkommen doch sind. Diese werden um 16 Uhr von der Schule abgeholt, kurz im Auto verpflegt und sofort zum privaten Englischunterricht gefahren. Danach geht’s gleich weiter zum Musikunterricht oder zum Sport. Ist halt beeindruckend, wenn eine Mutter sagen kann:  „Mein Sohn spricht fliessend Englisch und spielt Klavier wie ein kleiner Mozart.“ Die Klavierlehrerin ist begeistert von ihm und die Schule meistert er ohne Probleme. Er langweilt sich sogar oft, weil er die Aufgaben viel schneller als alle anderen löst!“

Ungesunder Ehrgeiz

Aber wurden die Kinder jemals gefragt, ob sie das gerne tun? Bestimmt nicht, wieso auch, wenn es doch zu ihrem Besten ist? Noch vor 30 Jahren waren viele noch „normal“ und „durchschnittlich“. Woher kommen also plötzlich all diese „hochbegabten“ Kinder? Liegt es an der Erkenntnis der gesunden Ernährung? Ist Wunderkind nur ein Modewort? Diese „Superkinder“ sind heute oftmals so dünn, wie ihre vom Ehrgeiz getriebenen Mütter oder so dick wie sie, weil jene ihrem so süssen Sprössling die vielen Donuts und Kuchenstücke nicht verbieten können mit der Begründung: „Mein Süsser mag die doch so gerne!“ Starker Leistungsdruck kann sich auch negativ auf die Kinder auswirken: Der verklärte Blick lässt die Eltern ihre Kinder solange pushen, bis jene beginnen während der Pupertät Drogen und Alkohol zu konsumieren, gewalttätig zu werden, die Leistungen in der Schule nicht mehr zu bringen, an Magersucht, Bulimie und Neurosen aller Art zu erkranken. Völlig entsetzt und verzweifelt verstehen die „fürsorglichen“ Eltern nicht, was mit ihrem so hoch intelligenten wie braven Kind passiert ist. Dann sind alle Schuld: Die Freunde, die Schule, der Trainer, die Musiklehrerin aber nur nicht sie selbst.

Ausbruch aus dem Korsett

Dass die Jugendlichen ausbrechen, sich selber sein und finden wollen, bemerken die Eltern nicht. Die Jugendlichen brauchen die Rebellion gegen das Korsett und dessen Designer. Hoffentlich lässt dieser Trend der Förderungen und Wissenseintrichterung bald nach. Kinder sollten möglichst natürlich aufwachsen und dort unterstützt werden – sei es Sport, Musik oder eine Sprache – wo sie es selber wünschen. Die Eltern sollten ihre Kinder endlich wieder mehr spüren und weniger sich selber.