Gesellschaft | 08.06.2009

Viel Geduld, viel Lob

Text von Michèle Däppen | Bilder von www.ggz.ch
Die Waldschule Horbach in Zug betreut und fördert verhaltensauffällige Kinder im Primarschulalter. Das Ziel ist die Integration in die öffentliche Schule.
In der Waldschule Horbach wird Kindern mit Leistungsdefizit wieder mehr Selbstvertrauen gegeben.
Bild: www.ggz.ch

Es regnet wie aus Strömen. Trotzdem haben es sich erstaunlich viele Leute nicht nehmen lassen, am Tag der offenen Tür bei der Waldschule Horbach auf dem Zugerberg vorbeizuschauen.  Ein Shuttle-Bus bringt uns die kurvige Strasse hoch, wo wir schon von fröhlichem Kindergeschrei erwartet werden. Auch ihnen scheint der Regen nichts auszumachen.

Das 1833 erbaute Bauernhaus ist heute eine IV-anerkannte Sonderschule für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen und Teilleistungsschwächen. Es ist nicht nur eine Schule sondern auch ein Internat. Für rund 20 Kinder ist es ein zweites Zuhause geworden. Zwei „Interne“ führen uns stolz durch ihr eigenes Reich. Es gibt drei Wohngruppen, die den Alltag wie eine kleine Familie meistern. Ältere Kinder haben ein eigenes Zimmer, die Kleineren jeweils eines zu zweit. Ein grosser „Kuschelraum“ lädt zum gemeinsamen Relaxen ein. 

Täglich wird zusammen gegessen und manchmal können die Kinder sogar selbst kochen. Natürlich immer alles begleitet von einer geschulten Betreuungsperson. Mit viel Liebe zum Detail ist alles eingerichtet und dekoriert. Die Wände sind voll von gebastelten Sachen und Bildern der Bewohner. An einem zentralen Ort hängt der „Ämtliplan“. Feste Regeln sind ein sehr wichtiger Teil eines geregelten Alltags. So werden in der wöchentlichen Jugendsitzung  Ämtchen neu verteilt und besprochen. Die Kinder können auch Wünsche äussern, wie zum Beispiel diese Woche : „DVD-Abend am Donnerstag“. Mit Hilfe von Wochenzielen kann auf das Verhalten jedes Kindes individuell eingegangen werden. Wird das Ziel erreicht,  darf das Kind das Magnet mit seinem Namen eine Zeile hoch ruecken. Ist man ganz oben, gibt es eine Belohnung. „Meist ein Ausflug mit einem Betreuer“, so ein Interner.

Manchmal gibt es „Pommes“

Um den Gruppenzusammenhalt zu stärken gibt es ein wöchentliches Gruppenziel. Sowieso fällt auf, dass die Gemeinschaft und die Wünsche der Kinder im Vordergrund stehen. „Man muss die Kinder loben um weiter zu kommen“, sagt eine Betreuerin. Die Regeln sind sehr streng, so haben die Kinder zum Beispiel eine Sitzordnung beim Essen. So können unnötige Streitereien und Uneinigkeiten verhindert werden.

In der Küche hängen bunte Zettel an der Wand. Jedem Kind gehören drei davon. Hier wird festgehalten, welche drei Sachen es überhaupt nicht essen mag. „Alles Andere muss man aber probieren“, sagen die Kinder. Doch meistens sei das Essen gut. Es gibt sogar manchmal Pommes.  Aber eben nur manchmal.

Schulung der motorischen Fähigkeiten

Doch nicht nur das gemeinsame Wohnen, auch die Schule wird gross geschrieben. Es gibt Kleinklassen zu jeweils etwa sieben Kindern. Die Lehrpersonen haben eine heilpädagogische Zusatzausbildung und zeigen grosses Engagement für ihre Kinder. Eine ganztägige Betreuung ist möglich. Das Werken ist ein zentraler Teil. Die Kinder können dort ihre motorischen Fähigkeiten schulen und lernen sich länger auf etwas zu konzentrieren. Es wird gebastelt, gesägt und geklebt. So zum Beispiel eine Reliefkarte vom Kanton Zug. Mit einer normalen Karte ist es für die Kinder schwierig zu verstehen, um was es eigentlich geht. Das Selbermachen bringt ihnen enorm viel. Manche Kinder haben allerdings wegen motorischen Störungen nur schon Mühe etwas auszuschneiden, oder exakt auszumalen.

Trotzdem ernten sie viel Lob von den Betreuern. Denn wie ein Lehrer erzählt, tritt heute das primäre Problem, nämlich die eigentliche Entwicklungsstörung des Kindes, immer mehr in den Hintergrund. Unser Schulsystem versucht zuerst, alle Kinder in normale Klassen zu integrieren. Dadurch kommen die Kinder meistens sehr spät in die Waldschule. Das sekundäre Problem, die Psyche, ist dadurch viel ausgeprägter. „Sie haben dann oft schon drei, vier Jahre eine normale Schule besucht und dort gelitten“, meint ein Betreuer.  Die Kinder sind nämlich kaum in der Lage  in einer normalen Schule mitzukommen. Sie werden oft als „anders“ bezeichnet, gehänselt und ausgeschlossen. Es ist sehr schwierig für sie damit umzugehen und deswegen gut möglich, dass sie überhaupt kein Selbstvertrauen mehr haben, wenn sie in der Waldschule Horbach ankommen. Sie trauen sich nichts zu und sind nicht genug gelöst um überhaupt etwas zu probieren. So stehen sie einer positiven Entwicklung praktisch selbst im Wege.

Von der Sonderschule in die Berufslehre

Diesem Problem begegnet das Team mit viel Geduld und mit noch mehr Lob. Sie konzentrieren sich auf die Stärken der Kinder. Schlechte Eigenschaften werden ignoriert oder im schlimmsten Falle unterbunden. Die Kinder werden gelöster und ihr Selbstvertrauen wächst. Dies ist ein wichtiger Teil auf dem Wege zum Ziel: Die Kinder wieder in eine „normale“ Schule zu integrieren können. Das klappt auch häufig. So zum Beispiel bei Marco. Der ehemalige Schüler der Waldschule Horbach besucht momentan die 3. Sekundarschule. Im Gespräch mit ihm wird klar, dass er, als ehemaliger Interner, fast nur gute Erinnerungen hat. Zwar gibt es ein paar trotzige Ausrufe über die strengen Regeln, vor allem was Fernsehen und das frühe Schlafengehen betrifft, aber im Grossen und Ganzen hatte er hier eine gute Zeit.

Im Sommer wird er eine Lehre als Sanitär antreten und immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf seine Zeit in der Waldschule Horbach zurückblicken, die ihn wieder ins Berufsleben geführt hat.

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