Gesellschaft | 15.06.2009

Ursprünglichkeit des Handelns

Text von Emina Konjalic
Wer den öffentlichen Kulturbetrieb Südpol im Luzerner Vorort Kriens kennt, würde nicht zwangsläufig auf die Idee kommen, dass dort auch so etwas Banale« wie ein Flohmarkt stattfinden kann. Weshalb ist ein Flohmarkt das Paradebeispiel für gelebte Kultur?
Die ersten Ausgaben von "Bravo"... Fotos: Samantha Hauri ... ein attraktiver Luftbefeuchter... ... oder etwas für die Plattensammlung: Was darfs denn sein? Der Flohmarkt ist ein Stück gelebte Kultur. Ein Ort, an dem die ganze Familie willkommen ist.

Eine etwas andere Kulturveranstaltung findet im Südpol in der Form eines Flohmarktes jeden ersten Sonntag des Monats statt, ausser im Juli und August. Es ist Juni und bei hauptsächlich sonnigem Wetter ergab sich für die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Waren auch im Freien der geneigten Kundschaft feilzubieten.

Wie eine Zeitreise
Für Kaufinteressenten begann die Schnäppchenjagd um halb elf Uhr. Keine halbe Stunde später waren die Grosse Halle und das Bistro voller potenzieller Kunden und der Feilschprozess bereits in vollem Gange. Haufenweise Bücher, DVDs, CDs und Brettspiele warteten preisgünstig auf ihre neuen Besitzer. Nostalgiker konnten sich hier mit Langspielplatten, Musikkassetten und den ersten Ausgaben der Jugendzeitschrift „Bravo“ aus den Fünfzigerjahren versorgen. Wer sich bis anhin der DVD- und Blue-Ray-Revolution entzogen hatte, konnte sich hier weiterhin erfolgreich dagegen wehren, indem er sich mit VHS-Kassetten eindeckte. Sammlerfreaks kamen ebenfalls auf ihre Kosten, seien es Sammler von Briefmarken, Spielkarten- oder Überraschungseierfiguren.

Frisch eingeweihte Wohngemeinschaften hatten die Möglichkeit, ihren Hausrat mit Haushaltswaren oder Kleinmöbeln zu ergänzen. Holztruhen für zehn Franken waren übrigens im Nu weg. Langweilige Büros könnten dafür mit Luftbefeuchtern in Froschform freundlicher gestaltet werden. Auch die Kleinkundschaft im Alter von null bis zwölf Jahren wurde nicht ausser Acht gelassen: Teddybären, Bilderbücher, Hello-Kitty-und Diddl-Figuren suchten ihren Platz im Kinderzimmer und der Papa konnte den Kindersitz fürs Auto auch gleich einpacken.

Aussergewöhnlich eingerichtet
Die Organisation dieses eher ungewöhnlichen Flohmarktes wird ehrenamtlich von Steffi Wyss und Martin Dolder gemeinsam mit Südpol durchgeführt. Und zu organisieren gibt es einiges, seien es nun die Zuweisung der 50 zur Verfügung stehenden Tische oder die Sicherstellung, dass die Marktordnung eingehalten wird.

Warum der Flohmarkt ungewöhnlich ist, merkt man an der vorhandenen Infrastruktur, die vom Südpol bereitgestellt wird. Bühnenpodeste dienen als Verkaufstische und der Markt findet  jeweils bei schlechtem Wetten  in den Räumlichkeiten des Südpols statt. Für das leibliche Wohl sorgt die hauseigene Kantine, selbst an Flohmärkten selten auffindbare Toiletten sind vorhanden. Zusammensitzen und miteinander schwatzen kann man jederzeit an den reichlich vorhandenen Sitzgelegenheiten, sei es nun in der Kantine oder auch auf der Terrasse. Ungewöhnlich ist auch das Unterhaltungsangebot, bei dem Luzerner Musikern eine Plattform geboten wird. Die Teilnahme am Flohmarkt ist ausschliesslich für Privatpersonen gedacht. Nichtsdestotrotz lassen sich auch professionelle Händler die Gelegenheit nicht nehmen, an preiswerte Ware heranzukommen, die sie, wie Steffi und Martin bestätigen, anderswo zum Mehrfachen des Preises weiterverkaufen möchten. Um dem Einhalt bieten zu können, ist die Teilnahme auf drei Mal im Jahr begrenzt.

Lockere Geschäftigkeit
Auch für Philippe Bischof, dem Leiter von Südpol, ist der Flohmarkt eine besondere Veranstaltung. Die Teilnehmer unterscheiden sich teilweise stark von der üblichen Südpol-Besucherschaft, was gerade im Sinne der Veranstalter ist. Familien mit Kindern, junge Menschen aber auch neugierige Pensionäre sind gleichermassen vertreten. Der Wunsch, ein niederschwelliges Angebot zu bieten, beispielsweise in Form eines kleinkommerziellen Anlasses, war ein wesentliches Ziel bei der Vorbereitung. Die Vermischung von Markt, Kunst und Zusammenkommen verschiedenster Menschen abseits des Elitären findet Phillippe wunderbar und wird durch die allseits herrschende Atmosphäre der legeren Geschäftigkeit der Besucher bestätigt. Das hat sich sehr schnell herumgesprochen, weswegen der Flohmarkt jedesmal rund 1000 Besucher pro Veranstaltung vorweisen kann.

Eintauchen in eine andere Welt
Alles in allem ist der Flohmarkt im Südpol ein Ort, an welchem die Leute auf der Suche nach Gebrauchtem oder Aussergewöhnlichem zusammenkommen oder angesammelten Ballast loswerden und so gleichzeitig ein paar Franken generieren. Durch den Vorgang des Kaufens und Verkaufens entstehen interessante Gespräche, Bekanntschaften werden geschlossen, der Haushalt und die Sammlung ergänzt. Abseits der grossen Welt des Kommerzes und der anonymen Onlinebörsen stellt der Flohmarkt die Ursprünglichkeit des Handels wenigstens für eine kurze Zeit wieder her. Ein Stückchen gelebte Kultur eben.

 
Info


Der nächste Flohmarkt im Südpol findet am 6. September 2009 statt. Wer sich selbst als Händler am Flohmarkt beteiligen und für seine Ware ein Plätzchen ergattern möchte, sollte sich sputen. Die Innenplätze sind bis Ende Jahr bereits alle ausgebucht. Im September und Oktober können noch draussen Plätze reserviert werden. Die Reservationsmöglichkeiten für 2010 werden erst im Herbst aufgeschaltet.

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