Kultur | 23.06.2009

Sinn und Unsinn übers Läbe und de Chääs

Das Theater Ludomir aus dem Zürcher Oberland erfindet am Wildwuchs 2009 das Märchen des Rotkäppchens neu. Witzig und skurril.

«Wäh, isch dä Koffer grusig!«, sagt Herr Meier und Frau Meier fügt an: «Hey, das hätt ich jetzt miesse sage!«

Im Theaterstück «Brockehuus – Sinn und Unsinn übers Läbe und de Chääs« spielen fünf Personen mit einer Lernbehinderung mit. Das Theater spielt sich in einem Brockenhaus ab und die mitwirkenden Personen sind auffällig farbig gekleidet. In einzelnen Szenen werden Märchen wie das Rotkäppchen oder der Froschkönig erzählt, gespielt werden diese Szenen jedoch stark verfremdet. Es gab nicht nur ein Rotkäppchen, sondern gar vier und einen Grossvater. Immer wieder, wenn man sich sicher fühlt, den Sinn des Stücks erfasst zu haben, wird die Geschichte von Gesangs und Tanzeinlagen angehalten. Die ernsthaften Handlungen werden durch skurrile Dialoge und Töne unterbrochen, sodass man den Eindruck bekommt, die Geschichte beginne von neuem. Ein Beispiel dafür ist das Fondueessen gegen Mitte des Stücks. Alle Rotkäppchen und der Grossvater essen genüsslich ihr Fondue. Plötzlich beginnt ein Rotkäppchen mit Pfanne und Gabel zu musizieren und steckt die anderen an. Auch werden im Theater Kleiderbügel als Waffe bei einem Banküberfall auf das Brockenhaus gebraucht, was auf die Eigenheit des Theaterstücks hinweist. An Phantasie hat es nicht gefehlt.

Zu Beginn des Theaters hört man ein Telefon klingeln. Frau Huber vom Brockenhaus sucht in aller Ruhe zwischen ihren vielen Telefonapparaten und wird schlussendlich fündig: Es war ihr Mobiltelefon. Sie fragt uns, ob auch wir unsere Telefone ausgeschaltet haben. Ein sehr gelungener Auftakt, vor allem, weil er zum Schluss wieder aufgenommen wird. Es zeigt sich auch während der Aufführung, dass sich die Szenen wiederholen und verschiedene Momente erneut stattfinden.

Anhand des ersten Satzes stellt sich die Frage, ob dieser zur Improvisation oder zum vorgeschriebenen Skript gehört. Das Stück entstand im Rahmen eines Improvisationstheaters. Es war nie ganz klar, ob die Szenen improvisiert oder ein fester Bestandteil des Theaterstücks waren. Doch gerade dies ist ja das spannendste beim Improvisationstheater. Die Botschaft des Stücks soll wohl sein, dass man das Leben nicht allzu ernst, sondern locker nehmen sollte.
 


Theader Lubomir
Menschen mit einer Lernbehinderung, einer leichten geistigen Behinderung oder einer Sinnesbehinderung treffen sich seit 1995 mehr oder weniger regelmässig im Zürcher Oberland, um zusammen Theater zu spielen. Dies allerdings nicht im herkömmlichen Sinn einer Laientheatergruppe, die für ein ausgewähltes fertiges Stück die Rollen verteilt, den Text auswendig lern, Kostüme näht und Kulissen baut. Das Theater Lubomir arbeitet mir Techniken des Improvisationstheaters. Körperarbeit sowie Wahrnehmungs- und Konzentrationsübungen sind wichtige Bestandteile der Proben. Die Lust am Kreativsein steht im Vordergrund. Alles, was das Theater zeigt, sind also Eigenprodukte. Nicht nur das Ziel, die Aufführung vor Publikum, sondern auch der Weg dorthin, der gemeinsame Prozess ist wichtig. Auf diese Weise ist das Stück "Brockehuus" entstanden. 

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