Sport | 15.06.2009

Mit den Beinen im Latte macchiato rühren

Text von Céline Graf | Bilder von www.balanceinme.com
Die Wirbelsäule ist lang, die Schultern nicht zu den Ohren ziehen, das Zentrum aktivieren. Die grünen Turnmatten des Tojo im Untergeschoss der Unisporthalle Bern sind an diesem Nachmittag trotz des sommerlichen Wetters rege besetzt: Eine Pilates-Lektion steht an.
Dynamik, Atmung und Konzentration: zentrale Grundprinzipien des Pilates,
Bild: www.balanceinme.com

Pilates, eine Methode des Körpertrainings, ist in Zeiten des Anti-Aging gefragter denn je. Für viele, die sich fit halten wollen, sind „Power-House“, „flex“ und  „Beckenboden“ schon längst keine Fremdwörter mehr. Gezielt trainiert wird vor allem der Beckenboden, ein Verbund von Muskeln, der sich zwischen Schambein, Steissbein und den beiden Sitzknochen befindet. Beim Pilatestraining werden tiefe und kleinste Muskeln beansprucht, die sonst im Alltag weniger gebraucht werden. Die Muskulatur von Rücken, Bauch, Hüften, Oberschenkel und Gesäss wird dabei konsequent vernetzt. Einflüsse anderer Körpertrainings wie Yoga sind zu erkennen, so zum Beispiel die fliessende Abfolge der Bewegungen, wie sie im Tai-Chi vorkommt. Neben Dynamik und Atmung, bilden Konzentration, Zentrierung auf das Power-House (Raum zwischen Brustkorb und Hüfte), Präzision und Kontrolle die Grundprinzipien der Trainingsmethode. Gezielte Entspannung ist genau so wichtig wie Anspannung.

Dann die Worte der Trainerin: „Hüfte neutral stellen, Blick nach vorne, die Füsse sind hüftbreit, die zweitäussersten Zehen parallel zueinander. Einatmen zur Vorbereitung, beim nächsten Ausatmen abrollen, Wirbel für Wirbel. Zieht euren Bauchnabel zur Wirbelsäule, wie wenn ihr über einer Wäscheleine hängen würdet!“ Die Anweisungen der Trainingsleiterin werden getragen von einzelnen Atmungsgeräuschen und dezenter rhythmischer Hintergrundmusik. Die eigenen Füsse sind fest im Boden verankert.

Mehr als ein temporärer Wellnesstrend

Entwickelt wurde Pilates vom Deutsch-Amerikaner Joseph Hubertus Pilates, unter anderem Boxer, Taucher und Gymnastiker. Während der Kriegsgefangenschaft im ersten Weltkrieg feilte er an seinen Techniken des Körpertrainings. Dem „Aufpumpen“ von Muskeln durch Bodybuilding stand er kritisch gegenüber, er suchte eine neue, gesundheitsorientierte Form des Muskeltrainings. Die Pilates-Methode war zunächst in der Tanzszene populär, entwickelte sich schliesslich zu jener beliebten Fitnessmethode unserer Wellness-Gesellschaft. Es klingt so einfach: „Auf den Rücken liegen. Füsse table top, Arme unter den Kopf, Kinn zur Brust. Ein: vorbereiten, aus: hoch, ein: Arme senkrecht, aus: Arme zu den Ohren. Schlüsselbeine breit lassen. Bauchnabel ist bei der Wirbelsäule! Dann criss cross. Linker Ellbogen zum rechten Knie und umgekehrt. Zweimal langsam, viermal schnell. Jetzt the hundreds…“ Pilatesstunden sind auch Englischstunden.

Der Bauchnabel in die entgegengesetzte Richtung

Pilates ist mehr als ein temporärer Wellnesstrend. Tatsächlich hat die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur eine gewisse Funktion zur Vorbeugung von späteren Unterleibsbeschwerden wie Inkontinenz oder bei Männern Errektionsschwierigkeiten. Schliesslich schützen die Muskeln unsere Knochen und, wie im Falle des Beckenbodens, auch die Organe. Die Stärkung der inneren Bauch- und Rückenmuskulatur kann ausserdem die Körperhaltung verbessern. Pilatestraining fördert das Bewusstsein für eine gesunde Ausrichtung der Wirbelsäule. Sollten Übungen jedoch falsch ausgeführt werden, kann dies genau die gegenteilige Wirkung haben, weshalb, zumindest bis zum einem gewissen Level, eine ausgebildete Person das Training leiten sollte. Noch einmal die Trainerin: „Roll up, spürt jeden Wirbel, Blick zu den Knien, Ellbogen nicht nach vorne. Zehen- und Fingerspitzen ziehen zur Wand – der Bauchnabel in die entgegengesetzte Richtung. Becken in neutraler Position halten. Mit dem Einatmen aufrichten, beim Ausatmen  wieder runter. Knie anziehen. Stellt euch jetzt vor, ihr hättet einen langen Löffel zwischen den Beinen eingeklemmt und müsstet einen Latte Macchiato umrühren, der an der Decke klebt.“ Ein flüchtiges Grinsen wischt über die konzentrierten Gesichter.