Gesellschaft | 29.06.2009

„Marihuana ist keine Droge“

Text von Felix Unholz | Bilder von wikimedia.org/Chmee2)
Es ist Sommer, die Sonne durchdringt die Baumkronen im Stadtpark, in der Luft liegt ein illegaler, aber verlockend süsslicher Duft: Cannabis. Fast jeder zweite 15-Jährige hat es schon einmal ausprobiert.
"Ich rauchte davon und meinte, ich käme nicht mehr zur Welt." (
Bild: wikimedia.org/Chmee2)

Sentimentale Kiffer mögen umnebelt davon träumen, wie der Inhalt ihres Joints einst in Jamaika am Strassenrand wuchs. In Wirklichkeit gedieh ihr „Stoff“ aber im Keller eines Growers. Unser Redaktor traf einen Marihuana-Produzenten.

Wie wurdest du ein Grower?
Rolf (Name geändert): Ich reiste nach Jamaika. Noch am Flughafen stiess mich jemand an und bot mir Marihuana an. Ich gab ihm hundert Dollar und da brachte er mir einen Coop-Sack voll. Ich kam nicht mehr aus dem Staunen. Ich rauchte davon und meinte, ich käme nicht mehr zur Welt. Da sagte ich mir: Das musst du haben. Ich organisierte Samen von diesem Typen und begann anzubauen.

Wie hast du angefangen?
Ich holte mir zuerst Informationen und las Bücher. Dann stellte ich in einem Keller sieben Lampen auf. In einem Raum stand die Mutterpflanze, im anderen zog ich Stecklinge.

Hast du das nur für dich selbst gemacht?
Anfangs. Aber dann schoss der Gras-Preis in die Höhe. Früher, als ich begonnen hatte, bekam man fast zwanzig Gramm für hundert Franken, heute sind es noch etwa acht Gramm. Grund für den Anstieg ist der Staat. Denn der unterbindet alles und versucht Leute wie mich zu kriegen, dann steigt der Wert der Ware und du verdienst locker richtig viel Geld.

An wen hast du das Marihuana weiterverkauft?
An die gleichen drei Dealer, an die ich es auch heute noch verkaufe. Bei ihnen weiss ich, dass das Zeugs nur an erwachsene Leute geht.

Ist das Alter der Konsumenten für dich wichtig?
Ja. Ich würde nie einem Pubertierenden etwas geben. Man sollte erst rauchen, wenn man über 20 ist. Denn THC geht ins Blut und kreist dadurch im Körper. Und das Hirn ist bis etwa 22 im Wachstum. Dann bleiben gewisse Züge hängen. Siehst du das Bild da oben? Das ist ein Freund von mir: Er ist tot, weil er zu früh schon kiffte.

Wann hast du selbst begonnen?
Mit 27 Jahren.

Nimmst du sonst noch Drogen?
Nie. Drogen machen dich kaputt, da bist du nachher nicht mehr du selbst.  Marihuana ist für mich keine Droge, sondern ein Naturheilmittel mit einer gewissen Funktion.

Welche Funktion?
Relax. Dich frei zu fühlen, es gemütlich zu haben. Darum gibt es die Flowerpowerzeit. Aber damals hatte das Marihuana eben zehn Prozent THC und jetzt baut man schon Zeugs an, das hat dreissig Prozent. Jetzt darf man schon langsam über Drogen reden. Ich finde die ganze Entwicklung nicht gut.

Also haben die Pflanzen, die du züchtest, nur einen THC-Gehalt von zehn Prozent?
Nein. Jeder, der sagt, sein Gras habe nur zehn Prozent, kann direkt aufhören.

Wie gross ist denn deine Plantage?
Momentan umfasst sie 2’000 Pflanzen, also eine Tonne. Ich fing erst kürzlich wieder an, nachdem ich zum wiederholten Male im Knast gesessen hatte.

Warst du immer wegen Marihuana-Anbaus im Gefängnis?
Nein. Auch wegen schwerer Körperverletzung, Betrugsdelikten und Steuerhinterziehung. Aber das letzte Mal war es, weil ich angebaut hatte. Als es aufflog, staunte sogar die Polizei über die Grösse meiner Plantage. Der Grammpreis stieg damals von zehn auf zwölf Franken.

Wohl nicht wegen dir?
Doch. Ich war damals einer der Grössten im Geschäft. Mit Arbeiten verdienst du heute kein Geld mehr, mit Anbauen schon.

Lebst du nur von Straftaten?
Nein, ich bin als führende Person in einer Unternehmung tätig und habe meine 8’000 im Monat.

Wie viel verdienst du momentan mit dem Anbau?
60’000 Franken pro Quartal.

Und trotzdem lebst du ziemlich bescheiden. Weshalb?
Früher hatte ich schon einige Villen, aber da fällt man auf. Und eigentlich will ich diesen protzigen Reichtum auch gar nicht haben. Ich will nur eine Summe auf der Bank für meine Kinder und dann höre ich auf. Vielleicht behalte ich noch einige Pflanzen für den Eigengebrauch, aber sonst ist Schluss.

Glaubst du nicht, dass es dich irgendwann reizen wird, wieder anzufangen?
Es reizt vielleicht einen Idioten, der sonst nichts kann. Aber zum Anbau musst du auch etwas können. Das ist nicht leicht.

Was kann man denn alles falsch machen?
Falsche Lufttemperatur, Überdüngen, zu wenig Dünger, zu wenig Licht, zu viel Licht. Wenn mir einer sagt, er habe zuhause in seiner Badewanne fünf Pflanzen, dann lache ich ihn aus. Das ist Blödsinn. Um richtig anzubauen, musst du schon fast Biologe sein.

Wie funktioniert der Drogenhandel in der Schweiz? Kommt man sich da in die Quere?

Untereinander gibt es keine Probleme, da der Umschlagplatz so gross ist. Aber es gibt viele Betrugsfälle. Gras, das ein Gramm wiegt, wird mit Backpulver besprüht, damit es auf einmal zwei Gramm schwer ist. Und zum anderen gibt es Leute, die an Jugendliche verkaufen. Ich baue für Leute an, die sich gerne am Abend nach der Arbeit entspannen, und nicht für Jugendliche, die vor und nach der Schule kiffen. In der Schweiz sind Tausende am Marihuana-Handel beteiligt. Jeder will was vom millionen-, wenn nicht milliardenschweren Kuchen haben.

Rechnest du damit, jederzeit wieder aufzufliegen?
Berufsrisiko. Vor allem bin ich wegen meiner vielen Vorstrafen im Visier der Ermittler. Aber das Ganze ist lukrativ: Wegen Marihuana alleine musste ich nur für kurze Zeit ins Gefängnis. Dazu kam eine Strafe wegen Steuerhinterziehung. Aber nun rechne ich den Gewinn durch den Anbau über fingierte Aufträge meiner Firma ab. Ah, da kommen meine Partner (zwei Männer setzen sich dazu.)

Hallo zusammen. Weshalb baut ihr beide an?
Petar (Name geändert): In Deutschland kriegst du Gras mit Zucker drauf. In Leipzig verkaufen sie jetzt Stoff mit Bleipulver drauf.
Timo (Name geändert): Deshalb haben wir damit angefangen. In Deutschland bekommst du kein sauberes Gras mehr.

Wie kann ich als Konsument herausfinden, ob mein Gras gestreckt ist?
Petar: Du kannst das Gras anlecken. Wenn es süss schmeckt, ist Zucker drauf.
Timo: Oder du kaufst dir eine Lupe und wenn du die Struktur von normalem Gras kennst, erkennst du Gestrecktes sofort.

In welchem Alter habt ihr zu kiffen begonnen?
Petar: Mit 13 Jahren.
Timo: Ab 14 jeden Tag.

Hat euch das Rauchen geschadet?
Petar: Einmal wurde ich auf meinem Roller erwischt und musste sehr viel Strafe zahlen.
Timo: Ich hatte keine Motivation mehr, etwas durchzuziehen. Ohne zu kiffen hätte ich wahrscheinlich mein Fachabi (Anm.: Berufsmatura) gemacht. Aber so hatte ich keinen Bock mehr auf Schule. Meine ganze Familie studiert, ich bin das schwarze Schaf.

Wieso braucht man Marihuana?
Timo: Leute, die leicht beeinflussbar sind, brauchen einen Führer. Das klingt jetzt zwar rechtsradikal, aber einige Leute ohne Selbstbewusstsein brauchen jemanden, der ihnen sagt: „Mach du das! Mach du das!“ Diese Leute greifen auch gerne zu Marihuana, um ihre Sorgen zu vergessen.

Obwohl du mit dem Anbau genug verdienst, arbeitest du noch. Weshalb?
Timo: Damit ich nicht ins Gefängnis komme. Wenn die mich erwischen, fragen sie sich: „Was hat der Junge früher gemacht?“ Wenn du arbeitest, bekommst du eine gute Sozialprognose. Man nimmt an, dass du es wieder auf die gerade Bahn schaffst, und du musst nicht ins Gefängnis.

Wie viel habt ihr am Anfang in eure jetzige Plantage investiert?
Timo: Ungefähr 4’000 Franken.

Wofür?
Timo: Vor allem für Wissen. Du lernst aus Fehlern. Bis es wirklich klappt, dauert es lange. Aber dann, wenn du gut bist, machst du aus 500 Franken Investition bereits 8’000-9’000 Franken Gewinn.

Wo seht ihr euch in zwanzig Jahren?
Rolf: Im Knast.
(Petar lacht.)
Timo:  Ich möchte gerne mein Fachabi nachholen, damit ich irgendwann nicht mehr auf diese Sachen angewiesen bin.

Also willst du loskommen vom Marihuana-Anbau?
Ganz ehrlich: Du schläfst ja auch durch die Sachen nicht mehr gut. Du hast immer im Kopf, dass du eines Tages erwischt wirst. Irgendwann, wenn du das Gleiche verdienst, aber legal, dann fühlst du dich einfach wohler. Ich mache das nur so lange, bis ich bereit bin, eine legale Existenz aufzubauen.

Info


Dieses Interview ist im 2008 in der Schülerzeitung "Ultimatum" der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen erschienen. Tink.ch veröffentlicht das Interview in leicht abgeänderter Form mit der Genehmigung des Autors.