Kultur | 22.06.2009

Literarisches Schlemmen

Text von Céline Graf
An der "Henkersmahlzeit" im Gaskessel, einer monatlichen Lesungsreihe zum Schweizer Kriminalroman, tafeln AutorInnen mit dem Publikum und zwischen den Gängen gibt es jeweils Lesehäppchen. Eine solch persönliche Lesung im Gaskessel-Atelier ist nicht nur für Krimifans ein Leckerbissen.
Verena Wyss will den Leser zum Denken anregen, Fotos: Adrian Streunder Nicht nur die Lesehäppchen waren Leckerbissen Gemeinsam mit der Autorin tafeln

Am 18. Juni 2009 las und speiste im Atelier des Gaskessels die Zürcher Schriftstellerin Verena Wyss. Sie brachte literarische Amuse-Bouches mit: „Die Schwarze Madonna“, eine Kurzgeschichte um einen geheimnisvollen Ich-Erzähler, die in Rheinfelden spielt und Teil der Anthologie „Gefährliche Nachbarn“ (2009) ist, sowie Ausschnitte aus ihrem neustem Werk „Todesformel“ (2008). Das Vorlesen des eigenen Textes muss nicht zu den Stärken von Autorinnen und Autoren gehören, was sich bei Wyss zeigte. Die feine Ironie und der intelligente Spannungsbogen ihrer Geschichten kamen stärker durch die Fokussierung auf den Inhalt als durch den Wechsel der Stimm- oder Tonlagen zur Geltung. Mit einem farbenprächtigen Amuse Bouche (Parmesankörbchen mit Gemüsesalat und Bärlauch) begann auch der Schmaus. Dem knackigen Appetithappen von beachtlicher Grösse fehlte leider ein Dressing.

Passend zur zweiten Lesepassage war der erste Gang: Die Pastetli mit „giftiger“ Füllung aus Kefen und Pilzen an Rahmsauce zergingen nur so auf der Zunge. Auf einem Spargelbett wurde im zweiten Gang Fisch im Speckmantel präsentiert – bekömmlich und leicht, da konnte die Mayonnaise ruhig etwas schwer sein. Kulinarischer Höhepunkt bildete der Hauptgang: Das Lammrack mit Olivenpaste und frischen Kartoffeln an pikanter Sauce sah toll aus und schmeckte auch so. Alternativen zum Fleisch waren schmackhafte Mozarella-Auberginen-Röllchen. Wer hätte gedacht, dass es süsses Sushi gibt? Das exotische Dessert aus Reis, Erdbeeren und Minze rundete die Henkersmahlzeit ab.

Nächstes Projekt: Berner Krimi

Die spannendsten Episoden bildeten Gespräche über Wyss‘ Schaffen und Eindrücke aus ihrem Leben als Schriftstellerin. Die Historikerin – nebst Geschichte studierte sie auch Biologie und Rechtsgeschichte – verfügt über ein profundes Wissen und eine ausgeprägte Neugierde. „Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich herumstöbern und das tun kann, was ich gerne mache“, verriet sie beim Hauptgang. Schon als Kind habe sie viel gelesen, manchmal sogar bis zu fünf Bücher parallel, „Die rote Zora“ war eines davon. Junge, starke Frauenfiguren finden sich auch in Wyss Romanen wieder. Verena Wyss ist eine selbstbewusste Persönlichkeit, sie weiss, was sie kann. Die Anforderungen der Autorin an sich selbst sind dementsprechend hoch: „Ich bin wahrscheinlich meine einzige Kritikerin – aber auch die strengste.“ Hinter den vermeintlich simplen Plots der Kriminalgeschichten stecken auch immer aktuelle Themen, welche den Leser zum Denken anregen. Die Wurzeln ihrer Romane liegen im wahren Leben, in Begegnungen mit Menschen. „Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis“, betonte Wyss. Schreiben helfe ihr, Erfahrungen festzuhalten und auch Platz für Neues zu schaffen. Ihr übernächstes Projekt wird wahrscheinlich ein Berner Krimi sein. „Die Stadt an der Aare bietet viel Stoff für ein Polit- und Wirtschaftskrimi“, schmunzelte sie. Das kulinarisch-literarische Schlemmen hat am 18. Juni zum vorerst letzten Mal stattgefunden. Ob die Henkersmahlzeit ab September 2009 wieder durchgeführt werden kann, hängt von der Möglichkeit der Finanzierung ab.