Gesellschaft | 22.06.2009

Lieblingsplätze X: Lebendiger Untergrund

Text von Roman Gibel
Ein Tink.ch-Reporter aus Luzern stellt seinen Lieblingsplatz vor. Es ist die Basel- und Bernstrasse, ehemals "Untergund" genannt, heute ein lebendiges Quartier, das nicht nur kulinarisch, sondern auch kulturell viel zu bieten hat.
Wohnblöcke, Bars und Curry-Restaurants: Die Baselstrasse in einer Grafik des "BaBeL-"-Projekts. Illustrationen: babelquartier.ch "La dolce Vita", der Slogan beim westlichen Eingang ins BaBeL-Quartier.

„Let’s take a walk through the deepest part of the hood…“ skandiert US-Rapper Masta Ace in seinem Song „Take a walk“. Dieser Artikel soll keine Lobrede auf Elendsquartiere in Gangster-Hip-Hop-Manier werden. Stattdessen soll er mein Lieblingsquartier in Luzern in einem anderen Licht als dem der Boulevardpresse zeigen. Mit Masta Aces Wortakrobatik im mache ich mich auf zu einem Spaziergang in den vermeintlich dunkelsten Teil Luzerns.

 

„Grösstes Ghetto der Schweiz“ titelte unlängst „20min“. Das Quartier um die Basel- und Bernstrasse in Luzern geniesst kantonal und national einen zweifelhaften Ruf. Zeit für einen Blick hinter die Kulissen des „BaBeL“-Quartiers, wie es von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern liebevoll genannt wird. Der Witz dieser Abkürzung liegt in der Assoziation mit dem biblischen Turmbau von Babel. Die Stadt Babel provoziert den Allmächtigen mit dem Bau eines Turms, der bis zum Himmel reicht. Zornig bestraft dieser diese Arroganz mit der Sprachverwirrung, sozusagen die biblische Erklärung für die Sprach- und Völkervielfalt dieser Welt. Die Ahnlehnung an besagten Turmbau lässt erahnen: Dieses Quartier und seine aus über 70 verschiedenen Nationen stammenden Bewohnerinnen und Bewohner wollen hoch hinaus. Um das Dilemma der Basel-Bernstrasse zu erfassen, führt der Spaziergang zuerst ein paar Jahre zurück in die Gründungsjahre der Schweizer Leuchtenstadt.

 

Luzerns Untergrund

Als das junge, expandierende Luzern aus allen Nähten zu platzen drohte, verfrachtete man Unerwünschtes in den schattigen, zwischen der Reuss und dem Gütsch eingezwängten „Untergrund“. So hiess das Quartier damals noch. Was nicht gefiel, musste raus. Siechenhaus, Gerberei, Schlachthaus, Strafanstalt, Weiberanstalt und Waisenhaus sind nur eine Auswahl der Institutionen, welche über die Jahre in der Basel-Bernstrasse ihren Platz fanden. Im Lauf der Zeit wurden diese allerdings durch Hanfläden und das Erotikgewerbe abgelöst. Das Untergrundquartier war Auffangstation für sozial Benachteiligte, Ausländer, Kriminelle und Prostituierte. Gastarbeiter und Einwanderer fanden hier ihre Bleibe. So berichtet Luzerner Archivmaterial von einem Arbeitsaufenthalt Benito Mussolinis in der Baselstrasse, vor seiner wenig ruhmreichen Karriere.

 

Aufwertung des Quartierlebens

Was hat sich verändert? Im Jahr 2003 setzte das städtisch unterstützte „Projekt BaBeL“ zur Quartieraufwertung an. Nebst optischen Sanierungen wurde der parzipative Ansatz in der Bevölkerung verankert. Die heutigen Untergrundbewohner haben das Selbstvertrauen gefunden, ihre jeweilige Kultur trotz nach wie vor präsenter Drogenproblematik und Bordellen nach aussen zu präsentieren. Das anfänglich initiierte Projekt „Shop and Food“ ist längst zum Selbstläufer geworden: Die mexikanischen, afrikanischen oder asiatischen Ladenbesitzer laden regelmässig zum Gruppenschmaus ein. Insbesondere Studenten schätzen das multikulturelle Ambiente und die erschwinglichen Essenspreise.

 

Wer den Kontakt mit dem Aussergewöhnlichen nicht scheut, sei angehalten,  sein Feierabendbier im Restaurant „Reussfähre“ an der Riviera zu geniessen. Künstler, Sozialarbeiter, Immigranten und stets betrunkene Stammgäste geben sich hier die Klinke in die Hand. Die Pforte der Baselstrasse bildet das „TexMex“, ein mexikanisches Restaurant mit weitreichend gutem Ruf und unermesslichem Corona-Vorrat. Sind die Ohren wegen dem Syntheziserclubsound kurz vor dem Abfallen und die Augen vor lauter Strassstein-Muscleshirts geblendet, bildet das „Transbarent“ eine interessante Alternative. Ein Mix aus afrikanischer Folklore und Reggae, untermalt mit dezentem Beat und das Little Africa im Luzerns Westside ist angerichtet. In der Regel begnügen sich die wenigen anwesenden Dealer mit einem höflichen Nein, so dass man sich ganz dem globalisierten Lifestyle hingeben kann.

 

Allerdings eignet sich das BaBeL-Quartier nicht nur zum flüchtigen Vorbeischauen. Menschen leben hier. Die Samstagseinkäufe lassen sich in Windeseile erledigen, unweigerlich kommt das Gefühl eines Dorfmarktes in Marrakesch oder Neu-Delhi auf. Couscous  und Curry statt Rösti und Cervelat, die Abwechslung macht’s aus. Die nächste WM, oder der Africa Cup, kommen bestimmt. An dieser Stelle ein Geheimtipp: Nirgends wird so mitgefiebert und selten sah man so viele Secondos im Schweizerdress wie im „Sentitreff“. Der Mut, den Vorhang zu lichten und dem bunten Treiben des ebenso bunten Volks der Basel-Berstrasse beizuwohnen wird belohnt. Masta Ace bestätigt: „Blue sky, sunshine, what a day to take a walk“.

 

So kommst du hin


Entweder zu Fuss, indem du vom Bahnhof aus einfach das linke Reussufer entlanggehst, bis du irgendwann mitten in der Baselstrasse stehst. Oder mit dem Bus Nr. 2 Richtung Emmenbrücke, Sprengi und dann einfach aussteigen bei der Haltestelle „Gütsch“ oder „Kreuzstutz“, je nach Lust und Laune.

 

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