Kultur | 15.06.2009

Kreatives, dafür friedliches Festival

Text von Julian Perrenoud | Bilder von Julian Perrenoud
Aggressive pöbeln herum, wollen Alkohol, das Handy oder Geld und schlagen grundlos zu. Das Nachtleben ist ganz schön gefährlich. Am Greenfield sei diese Behauptung relativiert: Obschon sich über 24'000 Menschen auf engem Raum aufhalten, fehlt von Aggressivität und Rücksichtslosigkeit jede Spur.
Der Oberkörper dient öfters auch als Werbefläche.
Bild: Julian Perrenoud

Das Festival scheint viel mehr ein Ort kreativen Schaffens zu sein. Die heutige Jugend besitzt keine Fantasie? Von wegen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich die Toi-Toiletten-Türen als Surfbretter eignen? Der Erfinder, ein junger Blondschopf mit Baseball-Mütze, musste seine Jungfernfahrt allerdings mit einem Sturz auf den Allerwertesten bezahlen.

Einnahmequelle
Da war aber auch der Banjo-Spieler, der auf dem Weg zum Festivalgelände nur in Unterhose (zurechtgedreht als Tanga) ein Ständchen klimperte. Sowieso: Derlei Kapriolen gab es zu Hauf – und sie fanden ihr Publikum. Dass die Finanzkrise auch übers Greenfield hinweg zog, zeigte sich auf der ehemaligen Landebahn, jetzt Festival-Boulevard. Da bettelte einer um „Fünfis“ im Stile von Fredi Hinz. Ob er dafür Bier oder ein Notbett in einem Zelt erkaufen wollte, sei dahingestellt. Das Konzept funktionierte. Nach nicht mal einer Stunde sass der Bursche mit schwarzem Hut und Sonnenbrille vor einem beachtlichen Berg Münzen. In der abendlichen Sonne glitzerten sie wie Goldnuggets.

Oberkörper als Werbefläche
An den Absperrgittern hingen zu Beginn zahlreiche Plakate – am Ende hingegen fast keine mehr. Das hat einen Grund: Mit diesem Material lässt sich prima basteln. Zwei Jungs trugen in selbstverständlicher Manier ein Absperrholz spazieren, zwei andere verpackten sich mit einem rot-weissen Plastikband gleich selber als Geschenk. «Hier ziehen«, stand mit Filzstift auf ihren nackten Oberkörpern geschrieben. Die Masche mit derlei Liebenswürdigkeiten war verbreitet: Die einen wollten Küsse und Umarmungen, andere gingen einen Schritt weiter und warben auf einem Kartonschild für Sex – zu günstigen Konditionen: „Blowjob= 1.50 Franken, Normal= 2 Franken; multiple Orgasm garantiert.“ Ob die Verfasser mit dieser offenen Strategie Erfolg hatten, ist zweifelhaft.

Simple Bierspiele
Kreativität statt Gewalt trifft aufs Greenfield zu, auch wenn ein Mann aus einem Dutzend Pfandbecher eine Bazooka gebaut hatte – richtig gefährlich war das nicht. Auf dem Festivalgelände oder am nahen Brienzersee waren hingegen Spiele gefragt, wie jenes, in dem ein Team versucht, mit einem Ball eine Bierflasche in der Mitte des Spielfeldes umzunieten und zudem Bierflaschen austrinken muss, während das andere Team den Ball fängt. Klingt kompliziert, ist aber ganz simpel. Simpel wie die anderen Spiele, in denen es im Grunde stets um Bier oder ums Trinken geht. Der Alkohol entfaltet für einmal seine ganze Kreativität.

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