Gesellschaft | 22.06.2009

Keine Zeit für das Kind

Text von Tess Zürcher | Bilder von Nathalie Kornoski
Wenn Mutter und Vater berufstätig sind, kann das Vorteile haben. Oftmals auf Kosten der Kinder, die unter mangelnder Betreuung leiden. Ein Pamphlet.
Wenn beide Elternteile berufstätig sind, sollte das gut überlegt sein.
Bild: Nathalie Kornoski

Nicht selten kommt es vor, dass beide Elternteile arbeiten. Vielfach ist es notwendig, bei anderen jedoch nicht. In letzterem Fall ist nicht die finanzielle Lage der Grund, warum beide 100 Prozent arbeiten, sondern es geht um Anerkennung, Emanzipation und Selbstverwirklichung. Was dadurch schnell geschehen kann:, Die Eltern verlieren vor lauter Stress und Terminen die Aufmerksamkeit für ihr Kind. Alles konzentriert sich bei ihnen auf den Beruf und die Karriere. Zuwendung, Unterstützung und Liebe wird den Kindern nicht genügend geschenkt. Stattdessen erfüllt man ihnen jeden anderen, käuflichen Wunsch. Das Geld dazu ist ja vorhanden. Und wie kann es einem Kind an etwas fehlen, das vermeintlich schon alles besitzt? Weil die Eltern oft vor den Sprösslingen das Haus verlassen und meist nach ihnen nach Hause kommen, bemerken sie gar nicht, wie es ihrem Kind geht; weder in der Schule, noch in seinem Innern. Das Zeugnis am Semesterende verdeutlicht ihnen den schulischen Erfolg oder Misserfolg. Doch sagt ihnen niemand, wie es ihrem Kind seelisch geht.

Kindermädchen als Ersatz?

Auch ein Kindermädchen ist nicht zwingend die Person, der sich ein Kind oder Jugendlicher vollkommen öffnet. Obwohl sie möglicherweise sogar öfter zu Hause ist, als die Eltern selbst. Mit Konsequenzen: Wie soll das Kind wissen, dass es Sonnencrème mitnehmen muss, wenn ein sommerlicher Schulausflug zum See geplant ist? Die „Nanny“ hat vielleicht sogar das Informationsschreiben des Lehrers nicht richtig lesen und verstehen können, weil die Kleinen möglichst mehrsprachig aufwachsen sollen und deshalb die Eltern ein Kindermädchen engagierten, das sich mit dem Kind ausschliesslich in einer Fremdsprache unterhalten soll. Oder ein Kind aus begünstigtem Hause hat eine Woche lang die selben Socken an. Die Eltern hatten in der Eile nicht daran gedacht, dass es für das Klassenlager mehrere Sockenpaare einpacken sollte.

Erziehung erfordert viel Zeit

Spätestens dann kommt ein gewisser Eindruck der Verwahrlosung, obwohl es ihnen materiell gesehen blendend geht. Reich aber verwahrlost. Ihnen fehlt es an Zuwendung, an elterlicher Fürsorge. Für die überforderten Eltern scheint der Aufwand zu gross, um dauernd bei dem Kind nach dem Rechten zu schauen. Man muss sie eben immer wieder daran erinnern, was sie alles zu bedenken haben, auch noch in der Pubertät. Es fehlt ihnen meist noch an Lebenserfahrung. Erziehung erfordert viel Zeit, Geduld. Ein Kindermädchen ist nie fähig den Platz der Eltern einnehmen zu können. Die Nanny kann nur weitergeben, was sie selber gelernt hat und ist im Haushalt genug beschäftigt, da der ja auch perfekt sein muss.

„Es fehlt ihm an nichts“

Sätze wie: „Meine Nanny hat vergessen mir das einzupacken!“, sind in der Schule keine Seltenheit mehr. Wenn man solche Eltern dann auf die möglicherweise schlechten Leistungen anspricht, dann können sie sich das beim besten Willen nicht erklären. Schliesslich habe das Kind ein grosses Zimmer mit einem grossen Pult zum Lernen. Es fehle ihm an nichts! Was sie aber noch weniger hören wollen, dass sie ihr Kind vielleicht etwas zu oft alleine lassen und es möglicherweise mehr Liebe, Nähe und ein geborgenes „Nest“ bräuchte, um sich gut und gesund zu entwickeln. Erst fatale Konsequenzen oder negatives Geplapper von Leuten aus dem Umfeld, wirbelt sie auf und macht ihnen vielleicht ein schlechtes Gewissen. Was aber meistens nicht reicht, um eine Veränderung herbeizurufen.