Gesellschaft | 16.06.2009

Journalismus im multimedialen Vorwärtsdrang

Print- und Onlinejournalimus haben beide eine Daseinsberechtigung. Entscheidend ist die Präsentationsform und die Bereitschaft neue Wege zu gehen.
Bild: Nathalie Kornoski

In den Medienverlagen wurden die Weichen in den letzten Jahren klar (um-)gestellt. Die Notwendigkeit des Online-Journalimus wurde erkannt und neue Redaktionen eigens für die Onlineportale geschaffen. Im Printbereich werden gleichzeitig Arbeitsplätze abgebaut. Als aktuelles Beispiel: Die Streichung von rund 70 Stellen beim Tamedia-Verlag von der das Traditionsblatt „Tages-Anzeiger“ am stärksten betroffen ist, währenddem die Online-Redaktion ungescholten davonkommt. An Parolen wie „Print hat Zukunft“ glauben inzwischen nur noch Branchennostalgiker. Das Internet ist schneller, flexibler und moderner –  so der allgemeine Tenor.

Das Internet als Newslieferant

Den frühzeitigen Tod des Zeitungsgeschäftes heraufzubeschwören, wäre trotzdem falsch. Der Print hat immer noch seine Daseinsberechtigung. Er wird es immer haben. Nicht zuletzt, weil viele Leser Inhalte lieber auf dem Papier als auf dem flimmernden Bildschirm partizipieren, hat das gedruckte Erzeugnis einen Vorteil: Längere Texte, das heisst journalistische Eigenleistungen mit Hintergrundinformationen, werden bevorzugt in der Zeitung oder im Magazin gelesen. Während es auf Onlineportalen vor lauter Werbung und weiterführenden Links blinkt und fiept und der reizüberflutete Onlineleser nach den ersten beiden Textabschnitten meist schlapp macht, um sich der nächsten Headline, dem nächsten Teaser, der nächsten Bildstrecke zuzuwenden. Bitte — immer—- nur —- Häppchen-weise.

Der Onlinejournalimus ist dann unverzichtbar, wenn es schnell gehen muss. Dies betrifft vor allem den Newsjournalimus, bei dem gilt: Älter als eine Stunde gleich unbrauchbar, da vermutlich schon anderswo gelesen. Nicht umsonst gibt es die Devise „first shoot and control later“, die in den redaktionellen Richtlinien der meisten Onlineredaktionen verankert ist. Die Neuigkeit ist blitzschnell zu publizieren und allfällige Schreibfehler werden später korrigiert –  falls es dann noch jemanden stört. Im Newsbereich hat das Internet alle Trümpfe in der Hand. Zeitungen müssen sich demgegenüber mit Analysen, Meinungen oder nicht alltäglichen Hintergrundberichten abheben.

Beliebte Wochenmagazine

Anders verhält es sich mit Gefässen, in denen nicht die pure Information, sondern der Lesegenuss im Vordergrund steht. In der Schweiz gehören Wochenmagazine wie die „Weltwoche“ oder „Das Magazin“ für viele zur Pflichtlektüre: Es ist Samstagnachmittag, das Katerfrühstück ist endlich aufgetischt und auf dem Tisch liegt das „Tagi-Magi“ – ein exemplarisches Wochenendritual, dem die Leute trotz digitalem Zeitalter immer noch gerne frönen. Darunter auch viele Jugendliche und junge Erwachsene. Oder die Sonntagspresse, die trotz allseits heraufbeschwörter Medienkrise mit stets steigenden Leserzahlen auftrumpft. Das Verhalten der Leser scheint eindeutig: Schnelle Informationsbeschaffung übers Internet, Konsumieren von Hintergrundartikeln und weiterführenden Aspekten eher im Print.

Neue Wege gehen

Doch was bleibt übrig für nicht-tagesaktuelle Internetmagazine wie zum Beispiel Tink.ch? Gibt es für die eine Daseinsberechtigung? Mit einem schielenden Auge auf das Zauberwort „Multimedia“ lässt sich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Mit Bildstrecken, Audiomittschnitten von Interviews oder Videoergänzungen zum Printtext wird das herkömmliche Geschichtenerzählen erweitert. Ein Mehrwert, der nur dem Internet vorbehalten bleibt. Eine eindrückliches Beispiel wie das Lesen im Netz plötzlich zum dynamischen Partizipationsgenuss wird, bietet das New Yorker Onlinemagazin „flypmedia.com“ (passendes Motto: „More than a magazine“ – siehe Link). Tink.ch steht diesbezüglich, wie die meisten anderen Internetmagazine, noch am Anfang. Der Tatendrang ist aber schon weit fortgeschritten und der Weg für einen neuartigen Journalimus ist geebnet. Jetzt muss er nur noch genutzt werden.

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