Kultur | 22.06.2009

Ist Gesang nicht Sache der Band?

Text von André Müller
Man nehme eine Burgruine, baue eine Bühne daraus, schicke ein paar Bands und 3400 Zuschauer hin und begiesse das Ganze mit reichlich Regenwasser. Zwei Tage lasse man die Sosse gären und heraus kommt das Quellrock Festival Bad Ragaz - ein Rezept zum Nachmachen.
Die wahren Leidtragenden des schlechten Wetters. Fotos: Manuel Oberhänsli Jennifer Rostock in Festlaune. Die Ruhe nach dem Sturm: Zeltplatz am Samstagmorgen.

Was für eine Schnapsidee, in der schnapslosesten Zeit einen Openair-Bericht verfassen zu wollen. Es ist Samstagmorgen. Derjenige Teil des Freudenbergs, der irgendwann mal beschlossen hat zu schlafen, erwacht, ruft nach Helga und weckt damit den ganzen Rest auf dem Zeltplatz. Ein paar mutige Bündner wollen ihren biergesättigten Mägen Kaffee und Gipfeli antun, ob das wohl gut kommt?

Petrus, der Störenfried
Endlich erbarmt sich auch die Sonne, trocknet Schlammpfützen aus und beschert mir in meinem Zelt das Sauna-Feeling, welches man einfach nur an Openairs geniessen kann. Am Freitag versuchte Petrus noch, das Quellrock Festival ins Wasser fallen zu lassen, was ihm aus meteorologischer Sicht durchaus gelang, wie wir auch an unserem Schuhwerk feststellen konnten. Auf musikalischer Ebene hatte er keine Chance, zu aufpeitschend, antreibend und ausgelassen waren die Auftritte der Bands auf der Burgruine. Gerade die beiden Rockröhren Jennifer Rostock und Marta Jandová (Die Happy) riefen ekstatisches Gehüpfe in den ersten Reihen hervor, welches kein Wolkenbruch aufhalten konnte. Beide Bands spielten wuchtige Riffs ohne viel Solofirlefanz, was bei der Menge gut ankam.

Die Stimmung stimmte, bereits beim Opener Hospitalfood aus Altstätten und bei Elijah and the Dubby Conquerors, auch wenn der Tink.ch-Reporter sich noch nicht in der Lage fühlte, „Ayoos“ und „Aywees“ zu den Refrains beizutragen. Ist der Gesang nicht Sache der Bands? Schliesslich werden die dafür bezahlt. Spätestens bei Gimma’s Hip-Hop-Popsongs gingen solch vernünftigen Vorbehalte verloren und ich bekannte mit der Menge, dass ich wie alle ein Hippie bin, ein bisschen sowieso und an diesem Openair ganz besonders. Die friedliche Gesinnung zeigte sich auch daran, dass es ausser den üblichen auf Bierkonsum basierenden Meinungsverschiedenheiten („Wer hät mini Fründin beleidigt? Bisch du das gsi?“) kaum nennenswerte Zwischenfälle gab.

Rhythmen und Rosen
P.S.: Vielleicht war es eine dumme Idee, bereits zur Halbzeit des Openairs einen Bericht darüber verfassen zu wollen. Der Samstag brachte nämlich zu viele Highlights, welche nicht unerwähnt bleiben dürfen. Die Stimmung steigerte sich im Verlaufe des Nachmittags mit dem lieblichen Sound von Anshelle, den etwas lauteren Tönen von Red Charly und den funkigen Greements de Fortune, bis sie mit dem Auftritt der US-Band Dog Eat Dog ihren ersten Höhepunkt erreichte. Die nicht mehr ganz so jungen Jungs aus New Jersey, welche in Bad Ragaz ihre Europatournee lancierten, brachten die Meute mit ihrem Crossover zwischen Metal, Hardcore und Hip-Hop auf Trab. Der treibende Bass, die Saxofon-Einwürfe und der Gesang von John Connor riefen jeden Zuschauer, der mit etwas Rhythmusgefühl ausgestattet war, Kopfnicken und Wippen hervor.

Vor vollem Haus hatte Bligg mit seiner „Musigg i dä Schwiiz“ anschliessend ein echtes Heimspiel. Das Publikum kannte alle Refrains und sang diese lautstark mit. Auch der Zürcher Rapper war in Topform und immer zu Scherzen aufgelegt. Er telefonierte mit dem Freund einer Konzertbesucherin, warf seine CDs ins Publikum und beschenkte einige Zuschauer, nicht bloss Rosalie und Melanie, mit mitgebrachten Rosen.

Favez rundeten den Abend auf der Hauptbühne schliesslich mit ihrem Westschweizer Hardrock ab. „Die sääährr gute Publikum“ hatte es ihnen durchaus angetan und sie brachten sogar einen neuen Song auf die Bühne, den sie erst eine Woche zuvor geschrieben hatten.

Alles in allem lohnte sich der lange Weg ins Rheintal allemal. Sollten die Wettergötter im nächsten Jahr den bestellten Sonnenschein abliefern, wird das Openair auf dem Freudenberg mehr als bloss ein Geheimtipp sein.