Gesellschaft | 02.06.2009

Freund wie auch Feind

Text von Baba | Bilder von Michael Baumann
Über den positiven Wert von Inselmomenten sind sich die beiden Brieffreunde einig. Nur die Wege, wie sie dahingelangen, sind unterschiedlich.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

London, 1. Juni 2009

Lieber Mitz,

Jea we did it! So nach deinem letzten Brief habe ich das Gefühl, dass wir unser kleines gegenseitiges Abschlachten zu Ende brachten, um nun gestärkt hervorzupreschen. Obwohl ich etwas zittrig wie auch fragend ein Feedback über meine zu wirr geratene Kurzgeschichte erwartet hätte, die ich in meinem letzten Brief schrieb.

Wir sind immer unser eigener Feind wie Freund! Es ist erstaunlich wie sehr wir uns selber schmerzen zufügen. Wir sind unser eigenes Panopticon (Googeln). Stell es dir vor: Ein rundes Gefängnis, 10 Häuser hoch, mit hunderten von Zellen, in der Mitte eine Beobachtungsstation auf einer Säule. Es erlaubt der bewachenden Person in alle Zellen zu sehen, jedoch wird sie von den Zellen aus nicht gesehen. Ich sitze in allen Zellen, meine Persönlichkeiten, meine Gefühle, meine Hoffnungen, meine Ängste sind zerteilt und befinden sich einzeln in einem Raum! Die Idee meiner Selbst, der Mensch der ich glaube zu sein, sitzt in der Mitte und ist als Wächter tätig!

Inselmomente – solche, die nicht von ihrer Umgebung abhängig sind, erlebe ich als um einiges Intensiver, als die von dir beschriebenen. Kennst du sie? Du bist umgeben von Menschen, Geräusche. Gesprächsfetzen schleichen in dein Ohr, inmitten von Personen die du kennst oder auch nicht, vielleicht an einer Party, oder bei einem Znacht. Jedoch  partizipierst du nicht an den Handlungen, du bist das Auge, beobachtest, bist nicht wirklich an Ort und Stelle, dein Geist hat sich zurückgezogen, durch einen langen Tunnel hindurch beobachtest du. Wie der Junge Werther, einfach ohne das Depressive, Wahnsinnige, nimmst du alles durch eine Lupe wahr. Du bist konzentriert, deine Gedanken schiessen nicht wie sonst aus allen Himmelsrichtungen heran, sie sind gebündelt und erreichen dich wie eine Strasse, sie führen dich in eine Richtung.

Du lächelst.

Ich muss ehrlich sein, ich freue mich in diesem Sonner in die Schweiz zu kommen. Mich in meiner gewohnten Umgebung herumzutreiben, an Plätzen, die ich kenne wie eine Ameise ihren Bau. In der Aare zu baden, die „Rue de Blamage“ zu penetrieren, Leute, verteilt in der ganzen Schweiz, zu besuchen. Ich glaube ich freue mich, weil in der Kultur, die ich am besten kenne, umgeben von Menschen, die am meisten Spuren in meinem Leben hinterlassen haben, kann ich mich etwas erholen von meiner eigenen Neuentdeckung in London. Es ist eindrücklich wie wohltuend Ablenkung sein kann, wie erleichternd es ist, wenn man sich, auch nur für kurze Zeit, von den eigenen Ansprüchen lösen kann.

Sorry, dieser Brief genügt meinen eigenen Ansprüchen, wie meist, wiedermal überhaupt nicht. Doch ohne Fehler und Risiko wird’s öde, deshalb freue mich auf nächsten Montag.

Baba