Kultur | 08.06.2009

Fluchtgeschichten

Mit "Crazy" wurde er berühmt, nun legt der 1982 geborene deutsche Autor Benjam Lebert seinen vierten Roman "Flug der Pelikane" vor. Leider endet das Buch nicht so fulminant, wie es beginnt.
Pelikane im Abendlicht vor der Golden Gate Bridge.
Bild: Jakob Müller/www.youthmedia.eu Mit 17 Jahren gab Benjam Lebert bereits Kurse in Creative Writing an der New York University. www.benjamin-lebert.de / Copyright by Jim Rakete

Das Buch erinnert mich an meine Kindheit: „Pelikan, komm zurück! Pelikan, komm zurück!“ Mein kleiner Bruder stand im Kreise der Kinder und rief die verzweifelten letzten Worte eines bekannten Bilderbuches so herzzerreissend und markerschütternd in die Runde, dass den Kindergärtnern und der versammelten Elternschar zum Ende der Theateraufführung das Tränenwasser in die Augen schoss. Doch der Pelikan blieb in die Freiheit entflohen und kam nicht wieder.

Ähnlich verzweifelt muss der Gefängnisdirektor von Alcatraz am Junimorgen 1962 auf dem kargen Felseiland gestanden und die drei verschwundenen Häftlinge zurückgewünscht haben. Benjamin Lebert erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte der grossen Flucht vom scheinbar unbezwingbaren Gefängnisfelsen in der Bucht von San Francisco. Er verwebt die abenteuerliche Ausbruchssage geschickt mit anderen, alltäglicheren Fluchten. Anton entflieht seiner Geschichte: Seiner Heimat in Hamburg, dem abgebrochenen Studium, dem Nervenzusammenbruch. Er reist im Sommer nach New York, wo er in der Luncheonette von Onkel Jimmy Pfannkuchen brät. Jimmy ist gar nicht Antons Onkel, sondern die zerflossene Jugendliebe von Antons Mutter, ein mexikanischer Immigrant, auf der Suche nach der versprochenen amerikanischen Zukunft. Letztendlich ist Onkel Jimmy in New York gelandet, wo er sich ein Lokal in Manhattan eingerichtet hat und auf kleinstem Raum Pancakes und Grillspezialitäten serviert.

Insel der Pelikane

Alcatraz, was im Spanischen für Pelikan steht, galt als das amerikanische Hochsicherheitsgefängnis schlechthin. Das eiskalte Wasser und die reissende Strömung der Bucht verunmöglichten Fluchtpläne. Nur notorische Verbrechergrössen wie Al Capone wurden auf die Insel verdammt, Gauner vom übelsten Schrot und Korn. Das Gefängnis auf der Vogelinsel – heute beliebtes Ausflugsziel für Touristen – war selbst von den schweren Jungs gefürchtet; wer hierhin gebracht wurde, galt als verloren.

Onkel Jimmy ist besessen von der grossen Flucht. In einer Schuhschachtel hat er alle Informationen über die drei Ausreisser gesammelt: Frank Lee Morris und die Brüder John und Clarence Anglin. Alle Indizien sprechen gegen eine geglückte Flucht. Obwohl die ausgebüxten Bankräuber, Autodiebe und notorischen Ausbrecher nie gefunden wurden, weder tot noch lebendig, kann man davon ausgehen, dass sie den eiskalten Todesstreifen nicht hatten überwinden können. Doch Onkel Jimmy glaubt es besser zu wissen. Von Angestellten und Liebschaften für seine Obsession belächelt, gelingt es ihm, Anton allmählich für seine Theorie zu begeistern.

Gebrochene Versprechen

„Flug der Pelikane“ ist ein spannender Roman. Die Verknüpfung des tatsächlichen Ausbruchs und der persönlichen Fluchtgeschichten von Anton und Jimmy gelingt Benjamin Lebert. Der Roman fesselt den Leser und ist eines der Bücher, die man ohne abzusetzen in einem Zug liest, was für die gute Geschichte spricht. Der junge Autor, dem bereits im zarten Alter von 17 Jahren mit dem Debütroman „Crazy“ ein beachtlicher Coup gelang, versteht es blendend, Spannung aufzubauen und die Leser zu fesseln. Dann aber treibt er das Spiel zu weit. Die raffiniert konstruierte Erzählung verspricht den Lesern ein fulminantes Ende. Die Indizienkiste zum mysteriösen Ausbruch der Häftlinge, Antons Flucht vor seiner Vergangenheit an den Herd einer Imbissbude, die unerklärte manische Faszination des mexikanischen Flüchtlings für die drei Ausreisser; diese Erzählstränge wollen zu Ende geführt, geklärt und verstanden werden.

Der Autor vermag sein Versprechen aber nicht zu halten, der Abgang bleibt unbefriedigend nüchtern, wirkt überhastet und fällt von der Geschichte ab. Zu durchsichtig, zu geplant kommt die erlösende Entwirrung im sonst so spannungsgeladenen Roman. Ein wenig rühmliches Ende mit schalem Nachgeschmack. Das hat die grossartig gestrickte Erzählung nicht verdient. Darum breitet sich zum Schluss bei Leserinnen und Lesern wohl eine leise Enttäuschung aus. Vielleicht aber kann man waghalsige Fluchtmythen gar nicht aufklären, ohne dabei den trüb schimmernden Spannungsreiz des Unerklärlichen verlieren. Es sei Benjamin Lebert nachzusehen

Zum Buch


"Flug der Pelikane" von Benjam Lebert ist im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet ungefähr 25 Franken.