Kultur | 15.06.2009

„Ein Sturz kann hier tödlich enden“

Text von Julian Perrenoud | Bilder von Julian Perrenoud
Busfahren vom und zum Festival-Gelände kann zu einem unangenehmen Abenteuer werden. Wer beim Hineindrücken als Sieger hervorgeht, kann sich dafür ein wenig Schadenfreude gönnen. Die Freude ist aber vorüber, wenn der Augenblick des Aussteigens gekommen ist.
24'000 Festivalbesucher wollen auch verköstigt werden.
Bild: Julian Perrenoud

Mittag: Es ist so eine Sache mit den Shuttle-Bussen am Greenfield Festival. Es fahren genau zwei Fahrzeuge die rund zehnminütige Strecke rauf und runter. Wobei dieses Aufgebot von zwei Bussen relativ wenig ist, bei ein paar tausend Festivalbesuchern, die sich in Interlaken Ost verpflegen wollen und dann schwer bepackt mit Bier, Würsten, Schlafsäcken und Zelten zum alten Flughafen zurück müssen. Es gibt natürlich Alternativen, an die ich jetzt denke, als ich in der brütenden Mittagshitze mit zwei gefüllten Einkaufstüten auf den nächsten Shuttle-Bus warte, und mich frage, warum ich mir das antue in dieser schwitzenden Menge. Die Busse sind meist klein und schneller gefüllt, als dass wir, die natürlich weit hinter den ersten Wartenden stehen, nachrücken können. So kommt es, dass die Sonne langsam beginnt, meine gesamte linke Körperhälfte zu verbraten. An die Pouletbrüstchen und die Crevettenspiesse in der Einkaufstüte will ich gar nicht erst denken.

Der Geizige wartet
Endlich, der Bus kommt. Demonstrative Aufregung, alle packen ihre Habseligkeiten und drängen nach vorn. Ich natürlich mit. Drücken! Es hat noch Platz. Verdammt, am Ende hat es wieder nicht gereicht. Der Bus ist voll, der schwarz gekleidete Security-Mensch breitet seine Arme aus, versperrt den Weg. „Auf den nächsten Bus warten“, sagt der Deutsche knapp. Es nervt mich. Da sitzen sie nun im Bus, die Vorderen, und winken uns grinsend zu. Schadenfreude gehört zum Festival-Busfahren wie die Wurst auf den Grill. Es gibt auch solche, die für fünf Franken im Taxibus fahren – nichts für mich. Da spare ich lieber. Geiz ist geil und Geiz fordert nun mal Opfer. Zu Fuss gehen mag ich nicht, das dauert sicher 30 Minuten; als Packesel doppelt so lange.

Drücken, Schubsen, Drängen
So warte ich eben. Beim nächsten Bus könnte es reichen. 20 Minuten später kurvt der Bus um die Ecke. Die Leute vor und hinter mir reagieren im gleichen Tenor, packen ihre Taschen, drängeln. Zur Bustür muss ich nicht hinaufsteigen, ich werde hochgedrückt. „Ein Sturz kann hier tödlich enden“, schiesst es mir durch den Kopf. Dann bin ich drin, hab sogar einen Sitzplatz ergattert. Als der Bus losfährt und um die Ecke biegt, stosse ich meinen Kollegen, zeige auf die in der Sonne wartenden Menschen. Schadenfreude überkommt mich. Mit der Bequemlichkeit ist es aber nicht lange her. Denn wer beim Festivalgelände nicht rechtzeitig aussteigt, wird von der hereinströmenden Masse im Bus unfreiwillig nach Interlaken Ost zurückgebracht. Also drücke ich, was das Zeug hält.