Gesellschaft | 29.06.2009

Die individuelle Buntheit der Seele

Text von Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Wer Ziele hat, kann man nicht immer stressfrei durchs Leben gehen, schreibt Mitzu seinem Freund Baba. Und zum Geburtstag wünscht er sich zweitklassige Küchengeräte von seinen Lesern.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 28. Juni 2009

Lieber Baba,

Zum Glauben:

Gelehrte erkennen den Gang der Geschichte und formulieren aus diesen Abläufen Regeln, welche den Aufstieg und Fall der Zivilisationen bestimmen. Meine Überzeugung geht in die Gegenrichtung, nämlich, die Geschichte lässt Regeln nicht zu, sondern nur Ergebnisse.

Und was führt Ergebnisse herbei? Verwerfliche Taten und rechtschaffene Taten. Und was führt Taten herbei? Der Glaube.

Der Glaube ist sowohl Lohn als auch das Schlachtfeld innerhalb des Geistes und in dem Geiste das Spiegelbild der Welt.

David Mitchell (Der Wolkenatlas)

Du beschreibst all diese Menschen und ich weiss diese Szene kann man immer und an jedem Bahnhof der Welt beobachten, wenn man will. Aber das hängt mit dir zusammen, mein Lieber. All diese Menschen glauben an etwas, oder zumindest hoffe ich das. Die glauben, dass sie ihr Leben und mit diesem Job ihre Träume erfüllen können, dass wenn Sie gestresst  durch die Halle eilen, sie nach hause zu ihren Liebsten gehen und ihr Leben leben, nach ihren Grundsätzen und mit ihren Regeln. Dass sie rechtzeitig an diesem Punkt ankommen, wo für sie das Leben weitergeht. Also ein Durchgang zwischen ihrem Lebensstrang. Ich glaube nicht, dass alle Menschen schlecht und undurchdacht der Werbung hinterherrennen. Ich glaube vielmehr, dass all diese Menschen einfach Menschen sind, die vielleicht zu schwach sind, ihre Grundsätze voll und unumstösslich leben zu können und deshalb einander hinterherlaufen und die gleichen Kleider wie Brad Pitt und Angelina Jolie anziehen. Sie haben einfach nicht den Mut zur individuellen Buntheit der Seele, aber eine individuelle Buntheit der Seele hat jeder und jede. Keine Oberflächlichkeiten. Nur Taten verändern die Welt. Und Taten kommen aus dem Glauben an Glumbo, Rikkscha und Michael, Gott, Buddha und Wetabix.

Ich glaube, also tu‘ ich. So müsste das Gleichnis heissen. Und wenn ich glaube, ich werde das und das erreichen, dann kann es passieren, dass ich unterwegs ein bisschen gestresst wirke. Aber jeden Moment geniessen und immer allem mit Liebe begegnen ist sowieso abgedroschene Hippie-Scheisse (Leserbriefe erwünscht). Man muss sich aber zuerst selber definieren, seine Ziele und Wünsche fassen, kanalisieren, die Spielregeln für sich selber festlegen und dann alles daran setzen, das imaginierte Selbst zu erreichen. Und unterwegs ändert man sowieso alles und schwupp’s, ist dieses Leben fertig. Tja. Da gibst nichts zu sagen.

Du darfst dir nicht von der Werbung suggerieren lassen, dass alle Menschen an die Werbung glauben, dann hast du schon verloren. Es stimmt nämlich nicht. Werbung gehört verboten. Wie Fernsehen auch.

Stattdessen würde ich Häkelkurse und Delphin-Schwimmkurse und Kurse, wie man Fixleintücher zusammenfaltet, dass sie aussehen wie im Laden, anbieten und andere solche Sachen. Und man sollte versuchen, die Bildung zu fördern, als wäre der Ausgang des Kalten Krieges gegen die Grossmacht Dummheit davon abhängig. Hoch die Tassen und sing along die Internationale. Dann kommt’s gut. Wir müssen zuerst an die gute Sache glauben, bevor wir irgendetwas ändern wollen.

And now to something completely different:

Es tut mir so leid, dass ich nicht an alle eure Grillparties kommen kann. Ich habe einfach nicht soviel Zeit und Lust auf Kartoffelsalat und soziales Engagement. Aber bitte: Ruft mich an und kommt zu mir einen Kaffee trinken und wir können über alles sprechen. Ich bin halt mehr der Kaffee-und-Zigaretten-Typ. Und wenn schon so viele nette Leute diese Kolumne lesen, noch ein bisschen Werbung in eigener Sache:

Am 12.Juli habe ich Geburtstag, also schon bald. Ich habe keine Liste für die Geschenke, ich will alles. Auch zweitklassige Küchengeräte!

In diesem Sinne, springt wieder einmal vom 10-Meter Sprungturm und gratuliert euch selber nachher.

Moritz