Politik | 08.06.2009

Calvins Rückkehr

Der Genfer Reformator Johannes Calvin war ein sittenstrenger Christ. Anlässlich seines 500. Geburtsjahres entdeckten nun Politiker das puritanische Gedankengut wieder. Ihre Mission lautet: "Verbietet Killerspiele! Schützt die Jugend vor sich selbst!»
Schiesst ein Spielverbot an der Realität vorbei?
Bild: pixelio.de / Gerd Altmann

Nur lasst die Jugend doch einmal selbst zu Wort kommen: Ich selbst habe solche Spiele schon gespielt – dabei tötet man Pixelmenschen, indem man die W, A, S, D und Leertaste drückt – und trotzdem habe ich keineswegs das Verlangen, Amok zu laufen. Ehrlich. Den meisten anderen Spielern geht das genauso. Gamen bringt Spass und Ablenkung vom stressigen Alltag. An der Konsole werden Prüfungsangst, die ungewisse berufliche Zukunft und die Erwartungen des Umfelds für ein paar Stunden aus den Gedanken verbannt.

Waffen- statt Gameverbot
Nun gibt es psychisch labile Jugendliche, die diese Trennung von virtueller Unterhaltung und Realität nicht vornehmen können. Einsam, gelangweilt, depressiv. Sie zocken Killerspiele und dann hängt da Papis Jagdgewehr im Keller. So sieht das vereinfachte Bild aus, welches Medien von potentiellen Amokläufern zeichnen. Warum aber konzentriert man sich bei der Zerschlagung dieser Wirkungskette auf das Element Ballerspiel und nicht auf die Ursachen Depression oder Langeweile? Sind denn die Depressionen von jenen Jugendlichen, die deswegen keine Amokläufe begehen, belanglos? Und würde nicht eine Entwaffnung der Bevölkerung dazu beitragen, Blutbäder zu verhindern?

Die meisten Gewalttaten haben gar nichts mit Gewaltspielen zu tun: In der Schweiz begehen jährlich bis zu 1500 Menschen Suizid, darunter auch viele Jugendliche. Ein Viertel davon benützt Schusswaffen, während sich in Deutschland nur jeder Zwanzigste auf diese Weise tötet. Ein solches Verhalten wird kaum in Gewaltspielen gelernt, sondern hängt eher mit der Perspektivlosigkeit vieler Menschen und der leichten Verfügbarkeit solcher Waffen in der Schweiz zusammen.

Sündenbock Gewaltspiel
Der Druck, dem insbesondere die Jugendlichen in der heutigen Arbeitswelt ausgesetzt sind, ist viel grösser als früher, als man mit einer richtigen Lehre seine Sorgen schon los war. Sind also die Anforderungen an Junge zu gross, sodass einige durchdrehen? Die Politik schliesst solche Überlegungen kategorisch aus. Sie mag auch keine heiligen Kühe wie den privaten Waffenbesitz schlachten, sondern stürzt sich auf den Sündenbock Gewaltspiel und metzelt diesen der Panikstimmung zuliebe nieder. Auch die Tatsache, dass im Militär junge Männer durch Training mit echten Waffen dazu gebracht werden, Menschen auf Befehl zu erschiessen, wird in diesem Kontext ausgeblendet.

Den Problemen ins Gesicht sehen
Anstatt Gewaltspiele in einem medial inszenierten Schauprozess zu verurteilen, sollten wir uns des ganzen Problemfelds Amoktaten und Suizide von Jugendlichen annehmen. Warum verlangt man Verbote statt alternative Beschäftigungsmöglichkeiten für Junge zu fördern, um diese aus Langeweile und Einsamkeit zu holen? Warum sind Waffen immer noch so leicht erhältlich? Doch in Krisenzeiten fallen Politiker anscheinend immer wieder in calvinistische Verhaltensmuster zurück und wollen die Jugend belehren, bessern, bevormunden. Ob durch diese reformatorische Sittenstrenge Probleme bekämpft oder nur verdrängt werden, bleibt äusserst fraglich.

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