Gesellschaft | 22.06.2009

Baba: Der Fänger im Roggen

Text von Baba | Bilder von Michael Baumann
Von der Kirche hält Baba nicht viel. Und schon gar nicht von Esoterikern. Lieber liesst er Buchklassiker und beobachtet gestresste Leute im Feierabendverkehr.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

London, 22. Juni 2009

Ja Moritz,

Die Sonntagabende scheinen deine Boxenstops zu sein. Ein Zeitpunkt dein Hirn auf Reflexion zu schalten und die vergangenen sieben Tage durchzukauen. Analysierende Selbstgeisselung.  Die Anwendung der neunschwänzigen Katze, ja ist ne Peitsche, wurde zwar von Gott zur Sündenbekämpfung erlaubt, je nach Interpretation, ist jedoch auch für die Anwendung im Gehirn nicht geeignet. Konzept Gott ist schon was sehr abstraktes, irgendwie. Und Institution Kirche …fragwürdig. Hassmails erwünscht! Nur denkt daran liebe Gläubige, dass ihr damit euren eigenen Glauben negiert, so wegen nächsten Liebe und auf die Backe hauen.  Ist es nicht erschütternd wie guttuend es sein kann, zu polarisieren! Nebenbei sollte allen Esoterikern das schadenfreudige Lachen im Hals stecken bleiben, denn im Gegensatz zu euren Überzeugungen, welche ich als schlicht dämlich bezeichne, hat die Kirche wenigstens eine 1000-jährige Tradition. Ob das gut ist, sei dahingestellt, aber als Argument doch schön tönend.

«He’s merely miscast in a play. He was born in the wrong era, on the wrong side of the river… with the ability to be able to do anything that he wants to do and findin‘ nothin‘ that he wants to do. I mean nothing.- (Rumble Fish)

Nur kleiner Tipp: Du fandest ein Lied, geboren um deinen Gemütszustand mit besseren Worten als deinen eigenen zu beschreiben. Ich kaue auf einem Zitat dass den meinen… ja wass denn? Och bin ich doch klever und hinterlistig.

Letzten Dienstag hab ich ne spontane auf dem Nachhauseweg-Grossstadt-Stress-Pause eingelegt. Nachdem ich, an einem sonnigen Londoner Nachmittag,  ca. 20 Minuten auf meinem Tretesel sass, erschuf ich mir meine kleine Oase. Mit Musik in den Ohren legte ich mich irgendwo zwischen Liverpoolstreet-Station und Bricklane auf eine vorgewärmte Bodenplatte und verlohr mich in einem Buch, „Catcher in the Rye“. Aufgefressen vom Schatten eines Hochhauses, gefangen zwischen der aufgesaugten Buchwirklichkeit und der nicht ganz alltäglichen Ruhe, kreirt in meiner Oase, musste ich plötzlich wieder meinen Platz in der Londoner Realität finden. Sodann spatzierte ich verträumt los und ertappte mich dabei, wie ich an einer etwas exponierten Stelle, die ganze Halle überblickend, im Bahnhof „Liverpool Station“ stehen blieb und die Menschen um mich herum zu beobachten begann. Sie strömten durch weitläufigen Halle. Häufigster Gesichtsausdruck: Neutral bis gestresst. Kleiderfarben: Grau, Schwarz, Weiss mit eingeworfenen Farbtupfern. Treppe runter, laufend, rennend, schnörkelnd, zielsuchend und manchmal auch etwas verloren bewegten sich hunterte von Planetenkriechern um mich herum. Was mich dann aber zu einem genüsslichen Lächeln zwang, war das überdimensionale Werbedisplay, zentriert und Gottähnlich, platziert am Ende der Halle, beidseitig natürlich. Der Kontrast zwischen all den von uns herbeigewünschten materiellen Gütern, die sich da auf dem Display präsentierten, teure Autos, schmucke Handys, extravagante Taschen und den dauergestressten Gesichtern in der Bahnhofshalle, war irgendwie paradox. Es schien mir als gäben Leute zu viel auf im Leben, um genau diese materialistischen Genüsse zu befriedigen, wenn sie dadurch, mich zu Zeiten nicht ausgenommen, so subjektiv unglücklich und gestresst durch einen Bahnhof gehen müssen. War komisch, obwohl niemand lächelte.

Best and all

Baba