Gesellschaft | 02.06.2009

„50 Jahre zu spät geboren?“

Text von Noah Thoma
Schafe haben Markus Nyffeler schon immer beeindruckt. Seit 18 Jahren ist dergelernte Bauer und Metzger als Schäfer tätig und mit seiner Herde unterwegs. EinBeruf fernab der Stadt, ein Leben am Puls der Natur.
Markus Nyffeler und seine Schafe. "Ich kann alle sechshundert Schafe unterscheiden, einzelnen habe ich auch einen Namen gegeben." Fotos: Noah Thoma Wenn alle Tiere gesund und zufrieden seien, gehe es ihm gut, sagt Markus Nyffeler.

Der Nebel sitzt tief über den Hügeln des Aaretals. Markus Nyffeler steht auf seiner Weide. Mit einem lauten, deutlichen Ruf lockt er die Schafe zu sich. Sein Blick schweift über die Herde, alle Tiere traben munter den Hügel hinauf. „Alle gesund“, stellt er zufrieden fest und kratzt sich in seinem stoppeligen Bart. Markus Nyffeler ist Herr über rund sechshundert Schafe. Im Frühling und im Herbst weiden seine Tiere in den Hügeln um Kehrsatz. Er wohnt mit seiner Frau auf einem kleinen Hof. Im Winter zieht er mit seiner Herde den Wäldern und Feldern entlang durch das Gürbetal und das Seeland. Selbst bei eisigen Temperaturen schläft er bei seiner Herde in einem Zelt. Kalt ist ihm nie, das sei Gewöhnungssache, meint er und ergänzt: „Am Abend mache ich meist ein kleines Feuer, dann können die Kleider ein bißchen trocknen.“ Je nachdem wo er gerade unterwegs ist, wird er von einem befreundeten Bauer zum Essen eingeladen, ansonsten gibt es Käse und Brot oder dürre Bohnen. Im Sommer zieht er mit den Schafen ins Wallis auf die Alp.


Wölfe und Neureiche

Geld verdient Markus Nyffeler durch den Verkauf von Schafen. Meist kauft er den
Bauern im Herbst schwache Tiere ab und versucht diese so gut wie möglich aufzupäppeln und zu mästen. Die gesunden und gut genährten Tiere verkauft er an
Schlachthäuser weiter. „Die meisten meiner Tiere landen halt in der Migros“, sagt er
mit einem etwas wehmütigen Blick auf die Weide. Viel Geld springt dabei nicht
heraus. In der Regel kann er ein schwaches Schaf für rund 150 Franken kaufen. Ist es dick genug für den Schlachthof, bekommt er etwa 200 Franken. Nebst den Tieren die wegen Krankheiten sterben, fallen auch jährlich einige dem Wolf zum Opfer. Im vergangenen Sommer waren es 38 Schafe, die vom Wolf gerissen wurden.

Doch Markus Nyffeler hegt keinen Groll gegen die Wölfe. Unangenehm ist ihm aber, daß er sich jedes Mal beim zuständigen Förster melden muß, um eine Bestätigung für den Tod des Tieres zu erhalten, und dass das Tier anschließend auf Spuren untersucht wird. Für das tote Tier wird er dann mit 300 Franken entschädigt. Wie er jedoch erklärt, werden die von den Menschen berührten Tiere vom Wolf nicht mehr gefressen. „Die Wölfe sind auch klüger geworden. Früher wurden die Wölfe so von den Menschen vergiftet.“ Deshalb kommt es auch vor, dass er ein gerissenes Tier liegen läßt, ohne es dem Förster zu melden.

Die meisten Menschen die er während seiner Arbeit trifft, haben Freude an ihm und seinen Schafen. Probleme hat er in den Alpen höchstens mit den Häuschen Besitzern, er nennt sie die Neureichen. Es ist kein Neid zu spüren, wenn er von Neureichen spricht, auch ist es nicht abschätzig gemeint. „Manchmal muß ich einfach schmunzeln, wenn sie sich beschweren, daß ein Strauch angeknabbert worden sei.“


„Das ist eine Linde, keine Eiche“

Das Leben in der Stadt vermisst Markus Nyffeler nicht. „Die Menschen sind oft gestresst, am Abend sehen sie alle Fernsehen und alle haben ein Natel.“ Manchmal denkt er, dass es besser wäre, wenn nicht jeder ein Natel hätte. Er erzählt vom vergangenen Winter, als er mit seiner Herde in der Nähe einer Autobahnkreuzung verweilte. Ein jüngeres Schaf hat neben der frisch gesalzenen Autobahn den Boden abgeleckt. Zehn Minuten später waren zwei Kastenwagen der Polizei vor Ort, Verkehrsteilnehmer hatten über ihre Handys gemeldet, es seien Schafe auf der Autobahn. Sein Lachen verstummt und er wird nachdenklich: „Vielleicht bin ich als Schäfer einfach 50 Jahre zu spät auf die Welt gekommen.“ Eine ältere Frau eilt herbei. „Unter der Eiche da drüben liegt ein totes Schaf. Sie sollten besser Acht geben!“ Markus Nyffeler nickt und bedankt sich. Sein vom Alter etwas faltiges aber gesundes und vom Wetter gezeichnetes Gesicht erhält plötzlich noch ein bisschen mehr Farbe. Leicht verlegen sagt er, als die Frau um die Ecke verschwunden ist: „Das ist doch keine Eiche. Das ist eine Linde.“


Der Wunsch nach Ruhe und Freiheit

Beschäftigt mit 600 Schafen, wird es Markus Nyffeler nie langweilig und gut gehe es ihm bei seiner Arbeit sowieso. „Manchmal ist es zwar schon hart, ausnahmslos jeden Tag zu arbeiten. Aber geht es meinen Schafen gut, bin auch ich zufrieden.“ Oft wird Markus Nyffeler gefragt, ob er sich denn nie einsam fühle, wenn er tagelang mit seiner Herde und den Hunden alleine unterwegs sei. Fast bedauernd antwortet er dann, daß man in der Schweiz nie alleine sei. Insgeheim wünscht sich Markus Nyffeler mehr Einsamkeit, mehr Freiheit für sich und seine Herde. „Grosse Flächen ohne Menschen, ohne Häuser. Grosse, ruhige Weiden mit saftigem Gras für meine Schafe. Das wäre schön.“