Gesellschaft | 18.05.2009

„Wir leben unsere Kunst 24 Stunden am Tag“

Wenn sie in wärmeren Jahreszeiten nicht von Dorf zu Dorf ziehen, lassen sich die zwei Artisten Nicole und Martin mit ihrem zweijährigen Sohn im Tessin nieder. Das Theater mit artistischen Einlagen geht über die Bühne hinaus, Beide sind mit vollem Herzen dabei.
Nicole und Martin bei der Aufführung des Stücks "Die Bremer Stadtmusikanten".
Bild: Compagnie Nicole et Martin Nicole Schranz in der Wohnwagen-Küche: "Ich habe mir als Kind nie vorgestellt Künstlerin zu werden." Fotos: Deborah Imhof Schön aufgeräumt: Der Wohnwagen von aussen. "Erfüllt dich die Arbeit, ist diese Unruhe egal", sagt Martin Gubler. Das Team beim Aufbau des Zelts.

Hektisches Treiben in mitten dem gerade erwachenden Veryier, einem Vorort von Genf. Die „Compagnie Nicole et Martin“ ist gestern auf der Wiese neben dem Sportzentrum angekommen. Das Zelt ist schon zur Hälfte aufgebaut und rundherum stehen die Fahrzeuge und Anhänger. Es nieselt an diesem grauen Dienstagmorgen, doch das hält die Helfer und Martin überhaupt nicht davon ab, die Arbeit nach der alltäglichen Kaffeepause um zehn Uhr fröhlich vorzusetzen.

„Ich habe mir als Kind nie vorgestellt Künstlerin zu werden“, erzählt die in Genf aufgewachsene Nicole Schranz, währenddem sie in der kleinen Küche im Wohnwagen die Kaffeetassen abtrocknet. Nicole ist 38 Jahre alt, klein und ihre glatten, dunkelbraunen Haare hat sie am Hinterkopf zusammengebunden. Immer wieder fallen ihr Strähnen ins Gesicht, die sie gleich darauf mit einer Selbstverständlichkeit oder fast einstudierten Bewegung wieder aus dem Gesicht streicht. Ihre grünen Augen schauen bestimmt, ruhig und mit einer feinen Melancholie zwischen ihren langen dunklen Wimpern hindurch. „Ich wusste nur, dass ich etwas mit Kindern machen will.“ Ihre Bewegungen sind klar, jeder Handgriff scheint durchdacht.

Während Nicole sich um den Abwasch kümmert und das Mittagessen vorbereitet, wird draussen emsig das Zelt aufgebaut. Nebst dem Lichttechniker und den zwei Technikerinnen, die immer mit der Compagnie mitreisen, kommen an jedem Ort noch weitere Helfende dazu. Mit einer freundlichen Zielstrebigkeit gibt der Basler Martin Gubler Aufträge an die Anpackenden weiter. Um seine Ohren zeigen sich erste graumelierte Haare und eine ausgeprägte Gesichtsgestik begleitet seine Worte.

„Wir haben immer einen Platz gefunden“

Nicole und Martin haben sich 1993 in der Scuola Dimitri kennengelernt. Zusammen absolvierten sie die drei Jahre Artistik, Musik und Schauspiel und fanden auch privat zueinander. Als sie beide nach der Ausbildung in die „Compagnia Dimitri“ aufgenommen wurden, hat sich ihre Beziehung verfestigt und eine gemeinsame Idee begann zu wachsen: „Compagnie Nicole et Martin“. Ein Traktor, der vom gelernten Zimmermann Martin gebaute Wohnwagen und ein kleines Zelt: zwei junge Artisten machten sich im Jahr 1999 zusammen auf den Weg.  Ungewöhnlich und gewagt versuchten sie mit dem inszenierten Grimm-Märchen „Der Fischer und seine Frau“ auf öffentlichen Plätzen die Aufmerksamkeit zu erlangen. „Anfangs war das alles nicht immer so einfach, doch irgendwie hat es sich so entwickelt, dass wir immer wieder einen Platz gefunden haben“, erinnert sich Nicole, „weitergekommen sind wir vor allem durch Mundpropaganda und Empfehlungen.“

Das Leben auf den Rädern begann; ohne grosse Pläne, einfach weil das Herz sie trieb, versuchten sich die zwei Artisten auf diesem unsicheren Weg. Fast jede Woche trifft man die Compagnie an einem anderen Ort wieder. „Erfüllt dich die Arbeit, ist diese Unruhe egal“, erklärt Martin, für ihn ist das Sesshaftwerden überhaupt kein Thema. Von Spanien bis Irland, kein Land blieb unerreichbar, vom einfachen Traktor bis zum Lastwagen, die Compagnie wuchs in allen Facetten. Heute, nach zehn Jahren aufbauen, aufführen, Erfolg geniessen, abbauen und weiterreisen,  zählt die Compagnie stolze zwei Wohnwagen, einen Lastwagenanhängen und einen bewohnbaren Jeep sowie drei mitreisende Helfer und einen Hund. „Wir sind keine typischen Künstler, wir leben unsere Kunst 24 Stunden am Tag, ich glaube das macht uns so authentisch“, sagt Martin. Zwei ausdrucksvolle Menschen, die durch ihre Lebensfreude eine schlichte, aber wahre Schönheit haben.

„Ruhig wäre übetrieben“

Wenn der Herbst anbricht, reist die kleine Familie mit ihrem Wohnwagen ins Tessin um für ein paar Monate die Räder ruhen zu lassen. „Im Winter ist es anders, aber ruhig wäre übertrieben“, fügt Nicoles Mutter, die in Genf lebt, hinzu. Wenn die Compagnie in der Nähe ist, packt sie hie und da auch mit an. Nicole lacht. „Nein, ruhig ist es bei uns eigentlich nie. Im Winter wird geprobt und organisiert.“ Natürlich gebe es Momente, in welchen Martin und Nicole lieber eine Bleibe ohne Räder hätten, gestehen sie nach einigem Nachhacken. „Und der, der im Haus wohnt, wünscht sich vielleicht auch mal Räder ans Haus“,  Nicole lächelt mit einem zufriedenen Schulterzucken, dreht sich nach dem klingelnden Telefon um und in einem herzhaften französischen Redeschwall erklärt sie, dass sie gerade keine Zeit zum Telefonieren habe.