Gesellschaft | 18.05.2009

Stall statt Studium

Studenten haben bekanntlich wenig Geld und brauchen einen Job: Ich entscheide mich für die Arbeit in einem Reitstall. Das fordert mich nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Für ein paar Wochen tauscht die Autorin den Hörsaal gegen den Pferdestall. Fotos: Stephanie Sonderegger Der strenge Einsatzplan lässt wenig Raum für Pausen -“ Kaffekränzchen gibt es trotzdem. Auch spontane Reitstunden gehören zum Ferienjob.

Es ist sieben Uhr morgens und der Wecker klingelt unaufhörlich, und das nicht zum ersten Mal die letzten Tage: Schon seit ganzen drei Wochen verbringe ich meine Ferien nun hier zu Hause in der Schweiz (Anm. d. Red.: Die Autorin studiert in Berlin). Leider hat das Ganze mit Ferien nicht viel zu tun, viel eher mit harter Arbeit. Jawohl, sogar Studentinnen können arbeiten und das schon zu früher Stunde. Das will ich jedenfalls meinen nicht studierenden Freunden und Familienmitgliedern beweisen.

Nachdem ich mich also krampfhaft aus dem Bett bewegt und mein Frühstück auf ein Glas Fruchtsaft beschränkt habe, kommt der Frühsport in Form von Fahrradfahren zum Einsatz und das ganze dreissig Minuten lang. Solange dauert es nämlich, um zu meinem Arbeitsplatz, dem Reitstall, zu kommen.Um acht Uhr wartet dann bereits meine Arbeitskollegin auf mich und die 35 Pferde. Die sind alle sehr hungrig, durstig und wollen vor allem eins: Raus an die frische Luft! Nach dem Motto: „Der Wunsch sei uns Befehl!“, ackern wir uns nun also von Pferd zu Pferd. Wer sich mit Pferden etwas auskennt, der weiss, dass jeder Tag neue Erlebnisse mit sich bringen kann: Der alte Schimmel stellt sich blöderweise auf meine Zehen, während die junge Stute nebenan in den Elektrozaun beisst und plötzlich quer über den ganzen Hof rennt. Eine aufregende Sache also.

Spontane Reitstunden

Sind die Vierbeiner erstmal draussen angekommen, werden deren Boxen ausgemistet und mit Stroh versorgt. Auch das stellt sich wieder als eine schwierigere Angelegenheit heraus als ich eigentlich dachte. Bekanntlich haben Studis keinerlei körperliche Kondition, und genau die sollte zumindest für die grossen Strohballen vorhanden sein. Und hätte man mir vorher gesagt, dass ich diese alte, knarrende Leiter zum Heustock hochsteigen muss, wäre mir das Wohl meiner Lieblingstiere vielleicht doch nicht ganz so wichtig gewesen. Aber nun ja, da muss ich durch, und das jeden Tag, in der Hoffnung, dass am letzten Arbeitstag die Arme dann doch nicht mehr ganz so schmerzen, wie sie es in den ersten Wochen taten.

Gegen halb elf gibt es endlich die heiss ersehnte Kaffeepause. Auch das gehört zur Arbeit, da wird nämlich unter den Reitstallbesitzern und uns Helferinnen und Helfern der neuste Klatsch und Tratsch ausgetauscht. So erfährt man zum Beispiel, welches Pferd wann ohne Reiter nach Hause gekommen ist, und warum Kühe eigentlich doch 30 Jahre alt werden könnten. Wenn die Arbeit im Reitstall nicht gerade an den köperlichen Kräften zehrt, dann bestimmt den mentalen. So ist es gut möglich, dass ein Reitlehrer seine Reitstunde einfach so vergisst, und die Reitschülerinnen und -Schüler, aber vor allem deren Mütter, sich auf mich stürzen und mich um Rat bitten. Spontane Reitstunden gehören also ebenfalls zu meinem Ferienjob und ich sehe mich dann plötzlich inmitten von vier Pferden stehen, die in Reih und Glied ihre Runden um mich drehen. Während dieser einen, mir ewig erscheindenden Reitstunde, bin ich also damit beschäftigt zu hoffen, dass die Pferde so nett sind und ihre Reitschüler auf dem Rücken behalten, und die Reitschüler wiederum so tun, als ob mein Unterricht immerhin ein wenig interessanter sei, als meine geliebte Kulturgeschichtsvorlesung an der Uni.

Nach einer guten Stunde ist dieser Spuk vorbei, und mir fällt ein, dass noch 35 hungrige, durstige Pferde draussen auf mich warten, um mir wieder auf meinen  Zehen rumzutrampeln oder mich im Vollgalopp quer durch den Stall mitzuziehen. Schlieslich wollen sie wieder zurück in ihre frisch gemachte Box, die am nächsten Morgen wieder genauso aussehen wird, wie zwölf Stunden davor… Wenn ich mir das so überlege, dann vermisse ich das Stadt- und Studentinnenleben doch ein wenig!