Kultur | 25.05.2009

„Musik kann einsam machen“

Die Zürcher Band Telaphones ging für ihr drittes Album ins Exil. Ein Gespräch mit Schlagzeuger Adrian Schindler und Sänger Angelo Repetto über die Entstehung von "Unthink and Exile".
Martin Sturzenegger sprach mit Angelo Repetto (m.) und Adrian Schindler (ganz rechts). Fotos: www.telaphones.net Unthink and Exile ist das dritte Album der Telaphones.

Eure ersten Alben trugen mit „Go For Gold“ und „Jackpot Melodies“ Titel, die hohe Erwartungen weckten. Konntet ihr den Jackpot knacken?
Adrian Schindler: Wir konnten viele Ziele erreichen, die wir uns damals gesetzt haben. Das resultierte nicht in hohen Hitparadenrangierungen, aber die Leute kennen uns nun besser. Wir durften viele interessante Konzerte spielen, wie etwa den Support für Maximo Park.
Angelo Repetto: Ich hatte damals keine allzu hohen Erwartungen als das Album rauskam. Wir waren einfach froh, dass wir es fertig stellen konnten, denn die aufwändige Produktion ging schon ziemlich an die Nieren. Die positiven Feedbacks waren der Dank für die grosse Anstrengung.

Ihr studiert neben der Musik oder seid zu 100% berufstätig. Nun folgt nach knapp einem Jahr mit „Unthink and Exile“ das nächste Album. Wie bringt ihr das zeitlich unter einen Hut?
Schindler: Der enge Zeitplan brachte uns an unsere Leistungsgrenze. Wir trafen uns direkt nach dem Arbeiten und bis zu viermal in der Woche im Bandraum. Wir sind froh, dass die Qualität des Albums nicht unter dem Zeitdruck gelitten hat und wir alles so machen konnten, wie wir es uns vorstellten.

Repetto: Wir hatten das Glück, dass wir ein paar Songs aus der Jackpot Melodies-Phase in Petto hatten. Dennoch war es sehr streng, es war wie Music Star hoch 30.

Aber Spass macht es euch schon?
Repetto: Natürlich, es ist ja nicht so, dass wir die ganze Zeit am jammern wären. Und wenn wir nun all die positiven Feedbacks an Konzerten, aus den Medien und aus unserem näheren Umfeld erhalten, dann hat sich die Mühe mehr als gelohnt.

Auf was bezieht sich der Album-Titel „Unthink and Exile“ (Umdenken und ins Exil gehen)?
Angelo: Einerseits hört sich die Zeile „Unthink and Exile“ einfach gut an und sie kommt im Song „Black Angel“ vor. Andererseits befanden wir uns während den Aufnahmen wirklich wie im Exil. Musikmachen kann auch einsam oder gar asozial machen. Viele Freunde sehen wir aus Zeitgründen nicht mehr.

Schindler: Es hat bei uns auch ein Umdenken stattgefunden, dass wir unsere Songs anders entstehen lassen wollten. Beim letzten Album machten Sandro und Angelo vieles im Alleingang. Der Arbeitsprozess zu „Unthink and Exile“ war demokratischer und die Lieder veränderten sich noch stark im Bandraum. Das hört man den Songs auch an, das Album ist kompakter als „Jackpot Melodies“.

Ist das Thema Ausland für euch abgehakt?
Repetto: Ich möchte es unbedingt noch probieren. Ich bewundere Bands die einfach ins Ausland aufbrechen um alles auf eine Karte zu setzen. Man ist schliesslich nur einmal jung.

Schindler: Das Thema ist mit Vorsicht zu geniessen. Ausland klingt immer so glorreich. Oft vergisst man, wie gut es den Bands in der Schweiz eigentlich geht. Es motzen zwar immer alle, aber die kleineren Clubs in Deutschland bezahlen beispielsweise noch weniger. Ein Auslandaufenthalt mit den Telaphones müsste man als Spassprojekt betrachten, wie wir es im letzten Jahr in Liverpool taten (über MySpace erhielten die Telaphones eine Einladung um im legendären „Cavern Club“ zu spielen).

Ihr werdet immer noch oft auf euren Auftritt im chinesischen Wetten dass…? im Jahre 2006 reduziert, wo ihr vor einem Millionenpublikum spielten. Fühlt ihr euch stigmatisiert?
Repetto: Nein, für uns war es wie ein Segen. Der Auftritt hat uns viele Türen geöffnet.
Schindler: Es ist wie bei einer ehemaligen Miss Schweiz: Egal ob die nun das Wetter moderiert oder singt, sie wird immer wieder mit ihrem Krönchen in Verbindung gebracht. Wir sind jetzt halt die Band die nach China gegangen ist, um vor ca. 80 Mio. Zuschauern zu spielen. Letztlich sind das genau die Geschichten, die wir später unseren Enkeln erzählen, sollten wir denn je welche haben.

Gibt es musikalische Experimente, die ihr noch probieren möchtet?

Repetto: Ich möchte schon lange einmal mit einem HipHopper zusammenarbeiten. Gut möglich, dass wir Stress oder so einmal um ein Feature anfragen.

Über das Album „Unthink and Exile“


Jackpot Melodies war ein Sammelsurium mit vielversprechenden Songideen, an denen teilweise etwas zu viel herumgeschraubt wurde. "Unthink and Exile" erscheint kompakter, direkter und eigenständiger. Schon der ungezwungene Einstieg mit "What I Need" zeugt von einer neuen Lockerheit, die den Telaphones sehr gut steht. Die Songs mit Hitpotenzial sind dezenter versteckt, dafür umso zahlreicher: "Wellington" oder "Some Day" schleichen sich spätestens nach dem dritten Durchgang unwiderruflich in die Gehörgänge. Daneben zelebrieren die Telaphones Überraschendes wie eine Dub-Einlage, schleppende Westergitarren oder eine noisige Gitarrenwand. Der Aufenthalt im Exil hat sich gelohnt.

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