Gesellschaft | 04.05.2009

Lieblingsplätze VIII: Les Mines d’Asphaltes

Im tiefen Inneren des jurassischen Val de Travers versteckt sich ein besonderes Highlight: Die Asphaltminen. Gemeinsam mit der grünen Fee begaben wir uns auf einen Rundgang.
Die Minen und ihr Restaurant liegen mitten im Val de Travers. Fotos: Martin Sturzenegger Mit einem Kaffee d`Asphalt intus und Helm auf dem Kopf, sticht man gerade ins Jurakalk-Massiv hinein. Die einheimische Gruppenleiterin kennt sich in der Mine bestens aus. 350m im Berg drin und die Temperaturen sinken. Aus diesen Löchern wurde der Asphalt gewonnen, der Weltweit verwendet wurde. Als ob die Zeit stehen geblieben ist: Massive Maschinen wie diese kamen in der Schlusszeit des Minenbetriebes zum Einsatz. Eine lange Treppe führt uns näher zum Erdkern. Angelangt bei 570m - der Weg führte anschliessend noch ca. 300m tiefer in den Berg hinein. Et voilà  - le Jambon d`Asphaltes.

Val de Travers. Es setzte Regen ein, als wir den IC-Zug aus Zürich verliessen. Den Gleiswechsel in Neuenburg brachten wir spurtend hinter uns und nahmen schnaubend im Regionalzug platz, der uns innert Minuten von der Jurametropole ins ruhige Val de Travers bringen sollte. Bald wurde uns bewusst, dass sich die körperliche Anstrengung gelohnt hatte: Die dichten Tannenwälder in denen sich tiefe Schluchten zu Tale bohren, laden zum spektakulären Ausblick. Dazwischen immer wieder schwarze Büffel, die auf grünen Weiden grasen – sie würden später das Rohmaterial für eines der Spezialprodukte des Tales liefern: „Mozarella de bufflonne“. Über uns erhoben sich die schroffen Felswände aus Jurakalk und wir begannen uns zu Fragen, weshalb das Val de Travers niemals als Schauplatz für Winnetou-Western entdeckt wurde.

Italienische Gastarbeiter

La Presta, der exotische Name unserer Zielhaltestelle kommt einem zwar nicht spanisch vor, so aber doch italienisch. Ungewöhnlich für eine französischsprachige Gegend, wüsste man nicht, dass sich vor langer Zeit italienische Gastarbeiter in der Gegend ansiedelten. Ihr Ziel war damals das gleiche wie das unsrige am heutigen Tag: „Les Mines d’Asphaltes“. Während die italienischen Auswanderer hier herzogen, um mit harter Arbeit und über Jahrzehnte ihre Familien zu ernähren, war unser Ziel etwas bescheidener. Im Rahmen eines bequemen Halbtagesausfluges wollten wir dieses spektakuläre Zeitdokument besichtigen. Seit 1986 wird hier keine Schaufel mehr geschwungen. Dafür steht nun unterhalb des Stolleneingangs ein Restaurant mit lauschiger Gastwirtschaft. Wir nutzten das Angebot, bevor wir uns in den bedrohlichen Schlund der Mine wagten.

Mit einem „Café d’Asphaltes“ tranken wir uns ein wenig Mut an. Wie es der Name andeutet, handelt es sich bei diesem Getränk um eine lokale Spezialität. Herkömmlicher Kaffee angereichert mit einem geschichtsträchtigen Getränk, das seine Ursprünge im Val de Travers hatte und von da aus seinen Siegeszug durch die Bars dieser Welt vollzog: Absinth – aufgrund seiner mystischen Vergangenheit auch liebevoll „die grüne Fee des Tals“ genannt. Vielleicht haust die Fee nun in einem stillgelegten Schacht der ehemals grössten Asphaltmine Europas. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie in diesem 100 Kilometer langen unterirdischen Labyrinth zu Gesicht bekommen würden, war zwar klein, trotzdem fassten wir Mut, Helm und Taschenlampe und tasteten uns vorsichtig durch den dunklen Eingang.

Perfekt inszeniertes Gesamterlebnis

Jacqueline, die einheimische Leiterin der Besichtigungstour, öffnete uns das schwere Metalltor am Eingang der Mine. Ein feuchter Lehmboden führte uns in den Berg hinein. Metalltafeln an der Wand orientierten uns regelmässig: 50m, 100m, 200m…es gab kein Zurück. Die Steinwände wurden feuchter, die Temperaturen sanken auf 5° Celsius und das Tageslicht liessen wir für die nächsten 60 Minuten hinter uns. Willkommen in den Mines d`Asphaltes. Die Reisegruppe rückte nah zusammen, wer hier zurückblieb, würde es schwer haben, wieder rauszukommen. Eine Metalltreppe führte uns 50 Meter weiter gegen den Erdkern. Überall, wo die Bergarbeiter einst ihren wertvollen Asphalt abbauten, bohren sich auf der Seite riesige Löcher in die Wand. Elf Wagen à  500 Kilogramm hatte jeder der Bergmänner tagtäglich zu füllen – ohne Maschinen, mit purer Handarbeit. Die Mühseligkeit dieser Arbeit wird dem Besucher der Minen mit Videoinstallationen bewusst gemacht, die kunstvoll in den Rundgang integriert wurden. Dezente Lichteffekte, gespenstische Geräusche und schwere Arbeitsgeräte aus vergangenen Tagen, machten den Rundgang zum perfekt inszenierten Gesamterlebnis, in dem die Mine selbst, der grösste Star ist.

Als wir mit blinzelnden Augen das Tageslicht erblickten, hatte es aufgehört zu regnen. Die Enttäuschung über das Fernbleiben der grünen Fee wich schnell einem plötzlichen Hungergefühl, ausgelöst durch einen Duft, der aus dem Restaurant strömte. Im Anschluss dieses buchstäblich tiefschürfendes Erlebnis bot sich uns das perfekte Abschlussessen: „Jambon d`Asphalte“ – der einzige Schinken der Welt, der in Asphalt gekocht wird. Und dazu ein Gläschen Absinth.

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