Gesellschaft | 18.05.2009

Lieber Perlen als Bohnenstangen

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Warum verschwinden, wenn man auch auffallen kann? Die Amazone findet, dass üppige Frauen stolz auf ihre Rundungen sein können.
Bild: Stefan Wallimann.

„Francine Jordi hat den schönsten Ausschnitt der Schweiz.“ Wir sitzen gerade in einer ausgelassenen Runde und trinken Rotwein, als dieser Satz fällt. Ein Hinhörer. „Das hat die Glückspost neulich geschrieben“, erklärt die Regenbogenpresse-Leserin der Runde in die entstandene Stille hinein. Und ehe ich mich versehe, entfährt es mir: „Francine Jordi hat wirklich einen Wahnsinns-Ausschnitt.“ Die Männer in der Runde sagen plötzlich keinen Ton mehr, während die Eremitin unter lachen zu mir meint: „Ich kann mich nicht entscheiden, was mich mehr schockiert: Dass Du Dich für Francin Jordis Ausschnitt interessierst oder dass Du überhaupt weisst, wer Francine Jordi ist?“ (Francine Jordi ist eine Schlagersängerin, Anm.)

Gross gewachsene Frauen mit barocken Körpermassen sind schön. Und ich will das sagen können, ohne mich gleich dem Generalverdacht ausgesetzt zu sehen, dass ich etwas schön reden will, was sowieso nicht zu ändern ist. Ich würde üppige, vollbusige Frauen wie Francine Jordi, Cecilia Bartoli oder Marilyn Monroe auch dann schön finden, wenn ich selber eine keine solche wäre. Es ist ein nettes Geschenk der Natur, dass ich bekommen habe, was mir auch an anderen gut gefällt.
Doch wir leben in einer widersprüchlichen Welt. Überall herrscht Überfluss, aber ausgerechnet unsere Körper sollen nicht überfliessen dürfen? Dabei ist es doch ein herrliches Gefühl, zu überfliessen! Man kann vor Liebe überfliessen, sodass man dem Liebsten auf offener Strasse ungestüm einen Kuss aufdrückt oder man kann vor Kreativität überfliessen, sodass man vor lauter Ideen  des nachts kaum schlafen kann. Wenn wir überfliessen, spüren wir es als eine innerliche Erregung, eine Mischung aus Tatkraft, leichte Überforderung und Aufgeregtsein. Es ist doch so: Wer mager ist, ist krank. Wer rund ist, ist gesund. Eine Ode an die üppige Frau ist also gleichzeitig eine Anrufung an ein pralles und verrücktes Leben, an Lebensmut- und Lebenskraft.

Dieser Hunger nach Leben
Vollbusige Frauen haben meistens etwas sehr Nährendes an sich. Doch ist das keine Anspielung auf Mutterschaft. Mit „nährend“ ist mehr ein Wesenszug, eine Charaktereigenschaft gemeint. Menschen, die diese Art von Frauen lieben, sind von ihrer sprühenden Lebenskraft fasziniert, möchten sich von ihrem Sinn für den Lebensgenuss verführen lassen. Im Verlauf der Geschichte hat es immer wieder Maler gegeben, die dafür bekannt waren, dass sie dralle Frauen gezeichnet haben: Rubens zum Beispiel, oder Picasso. Üppige Frauen haben diesen Künstlern Modell gestanden, waren deren Musen und damit eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Maler, die eine Vorliebe für dürre Frauenmodels hatten, sind mir nicht bekannt. Dürre Frauen wirken kalt, leer, tot. Eine Bauchspeck-Diva belebt den Geist, meistens ist sie feinsinnig, sie liebt das schöne Leben, das Essen die Musik und den Wein. Sie ist grossherzig, spontan, sinnlich, leidenschaftlich und… sie lacht viel. Sie ist eine grosse Gesellschafterin mit einem grossen Herzen. Bauchspeck-Diven skandieren deshalb lautstark in die Welt hinaus: „Rolle an Rolle, Speck an Speck – wir bleiben rund!“ Persönlichkeit hat eben immer Gewicht.

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