Kultur | 04.05.2009

Eurokrem und Rakija am Trenchtown-Festival

Dank dem Programm "Jugend in Aktion" verbringt eine junge Schweizerin mehrere Monate in Subotica, der fünftgrössten Stadt Serbiens. Auf Tink.ch erzählt sie, wie junge Serbinnen und Serben den 1. Mai verbringen.
Am "Trenchtown"-Festival in Serbien wird am 1. Mai nicht demonstriert, sondern getanzt. Fotos: Noemi Anne Helfenstein Weil das Essen auf dem Festivalgelände so teuer ist, nutzen einige junge Leute die Kochgelegenheit im Hinterhof eines Hauses in der Nähe.

Der erste Mai ist in Serbien kein Tag der Demonstrationen von Gewerkschaften und Linken, sondern ein Feiertag des Volkes: Spazieren und Ausspannen mit Freunden und Bekannten ist angesagt. Zuckerwatte, über dem Feuer gekochtes PaprikaŠ¡, Eis, Bier und Rakija (selbst gebrannter Schnaps) gehören unbedingt dazu. Wer es vermag fährt zum ersten Mai ein verlängertes Wochenende an den Strand, Jugendliche gehen campieren, Familien verbringen den Tag im Vergnügungspark oder mit einem Picknick im Grünen. „Wo wirst du den 1. Mai verbringen?“, ist im April eine der geläufigsten Fragen. Von Subotica (fünftgrösste Stadt Serbiens, der Aufenthaltsort der Autorin) aus ist das beliebteste Ausflugsziel der nahe gelegene Palic-See. Obwohl der See kaum mehr als ein paar Quadratkilometer misst, gilt er als das pannonische Meer (Subotica liegt in der sogenannten Pannonischen Tiefebene). Zum Schwimmen ist das von Algen überwucherte Gewässer ungeeignet, aber die Strandpromenade vermittelt Ferienstimmung und lädt unweigerlich zum Flanieren ein.

Ein unbezahlbares Openair

Unweit des Palic-Sees findet seit 2001 alljährlich zum 1. Mai das Trenchtown-Festival statt das nebst dem EXIT-Festival in Novi Sad eines der grössten Openairs in Serbien ist. Während drei Tagen, oder besser gesagt drei Nächten, treten Bands aus gesamt Ex-Jugoslawien und aus weiteren Nachbarländern auf.

Jugendliche aus Subotica, Novi Sad und von weiter her, besuchen das Festival und campieren im «Etnocamp«. Allerdings ist das Festival für viele junge Menschen zu teuer, echte Campingausrüstung kann sich kaum jemand leisten. Als Iso-Matte dient oft auch Wellkarton, Schlafsäcke werden für die eiskalten Frühlingsnächte mit Wolldecken isoliert. Es ist verboten Nahrungsmittel und Getränke ins Festivalgelände mitzunehmen. Die Preise des einzigen Verpflegungsstandes sind für serbische Verhältnisse horrend. Also werden Schokoriegel im Schlafsack versteckt, Kekse im Necessaire und Rakija wird unter dem Zaun einem Kollegen zugeschoben. Als ein Pack Toast und eine Büchse Eurokrem, die serbische Entsprechung von Nutella, über den Zaun fliegen dauert es keine dreissig Sekunden bis die Security am Tatort ist. Im Auto sind sie durch das anliegende Feld angebraust. „Was habt ihr über den Zaun geworfen?!“. Und dann ein schuldbewusstes: „Brot.“ „Und was noch?“ „Eurokrem.“ „Zeigt her!“ Der Wache ist es peinlich. Solch ein Theater wegen ein wenig Brot und Schokoaufstrich. Sie zucken die Schultern, fahren wieder davon.

Findige Jugendliche haben einer alten Frau, die gleich beim Festivalgelände wohnt, die Erlaubnis abgerungen, in ihrem Hinterhof kochen zu dürfen. Drei Nachmittage verbringen sie dort und kochen über dem Feuer Hühner-, Fisch und Bohnensuppe. Die Frau findet unter den Festivalbesuchern Kundschaft für ihren Rakija, 350 Dinar pro Liter (umgerechtet etwas mehr als 3 Euro).

Volkslieder für die junge Generation

Am Freitag Abend spielt die slowenische Band Laibach ihr Programm „Volk“, eine provokative Interpretation von 14 Landeshymnen, darunter auch die Hymne Jugoslawiens. Musik, Gesang und Videoperformance sind perfekt durchdacht, aufeinander abgestimmt. Der wahre Star des Trenchtown 2009 ist aber Darko Rundek mit seinem internationalen Cargo Orchester, einer der bekanntesten Sänger und Kompositoren Ex-Jugoslawiens. Er singt kroatisch, englisch und französisch, interpretiert alte Volkslieder neu, und trägt seine Hits aus den 80er-Jahren vor. Die Menge drängt sich so dicht, dass das Tanzen unmöglich wird. Alle singen lauthals mit. Mädchen, aber auch Jungs kreischen, pfeifen und klatschen. Darko Rundek und das Cargo Orchester spielen beinahe zwei Stunden lang. Nach Ende des Konzertes ist das Festival, obwohl das Programm auf der Haupt-und Reggae-Bühne noch weiter geht, für die meisten aus. Um zwei Uhr morgens, mit Ruck-und Schlafsäcken beladen, warten sie auf den Bustransport zurück nach Subotica.

Mehr zur Autorin und zu „Jugend in Aktion“


Noemi Anne Helfenstein (23 Jahre), wohnt in der Schweiz und hat an den Unis Neuchatel Fribourg und Bern einen Bachelor-Abschluss in Geschichte und Slavistik gemacht. Seit März 2009 ist sie mit dem European Volunteer Service (Eine Aktion des Programms "Jugend in Aktion") in Subotica, wo sie für die Local Democracy Agency arbeitet. Ab September diesen Jahres kehrt sie vermutlich wieder in die Schweiz zurück, um in Genf ihren Master in Internationaler Geschichte und Politik zu machen.

 

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