Gesellschaft | 04.05.2009

Erdnüsse zum Zmorge und Maisbrei zum Znacht

Text von Silvia Mettler | Bilder von Silvia Mettler
Tief empfundene Dankbarkeit und die Grosszügigkeit von Menschen, die selbst kaum etwas haben, lassen einen nicht kalt. Selbst ein Plumpsklo bekommt in Togo eine ganz andere Bedeutung.
Ganz hinten im Bild ist noch zu sehen: Silvia Mettler und die Kinder von Davié.
Bild: Silvia Mettler

Mit ein paar Schweizer Schokoladen, ein paar Balistostängeln aus Angst vor Hunger, einem Schlafsack aus Angst vor kühlen Nächten, einem Schweizerfähnli aus Stolz auf mein Vaterland, ein paar anderen bis anhin lebensnotwendigen Dingen und einem Kopf voller Vorstellungen steige ich ins Flugzeug.
Nun geht’s definitiv ab ins unbekannte Togo. Schon lange träume ich davon, einmal in dieser Welt zu leben, von der man sonst nur von Organisationen und im Fernsehen hört. Ich wollte endlich mal einen Bezug zu diesen Menschen haben und selber erfahren, wie es sich auf dem Existenzminimum leben lässt. Aber auch die Lust auf einen ganz einfachen Lebensstil treibt mich hierhin. Da ich Schneiderin bin, bietet sich vom Trägerverein „suisse-togo“ die Möglichkeit,
während fünf Monaten in der Schneiderinnenschule von „P2TP“ in Davié Fuss zu fassen. Die Organisation „P2TP“ umfasst eine Schneiderinnenschule mit 24 Lehrtöchtern, einen Kindergarten mit 66 Kindern und bietet Alphabetisierungskurse an. Sie wurde vom Trägerverein „suisse-togo“ ins Leben gerufen und finanziert.

Nicht nur Spass

Während meinem Aufenthalt wohne ich in der Familie des Schuldirektors. Ich bekomme einen Lohn von 100 Franken pro Monat, das sind 40-˜000 CFA (Zentralafrikanische Währung). Zum Vergleich: Ein Lehrer verdient dort etwa 30-˜000 CFA und ernährt damit die ganze Familie. Ich hatte zu kämpfen, dass es für mich selbst reichte. Die Hälfte meines Lohnes gab ich der Familie fürs Kochen und Essen.

Neue Leute, neue Kultur, andere Sprache – alles begeistert mich. Doch als mich nach der ersten Woche eine Grippe einholt und ich nur den mit Chlorwasser auf dem Feuer zubereiteten Zitronengrastee (der mehr nach Feuer riecht als nach Zitronengras) zu trinken habe, bin ich doch nicht mehr so begeistert. Ich begreife, dass dieser Aufenthalt nicht nur Spass bedeutet, nein, hier muss man sich  durchschlagen. Ich entscheide mich, alles zu geben, damit dieser Aufenthalt nützlich ist für die Leute in Davié, und die Grippe ist im Nu verflogen.

Gegenseitige Fürsorge

Die Schülerinnen wünschen sich Strickunterricht, also kaufen wir das Material dafür ein. Die Wolle ist kaufbar, aber keiner weiss sie zu verarbeiten. Leider gibt’s mehr interessierte Leute als Stricknadeln. Improvisieren ist angesagt, so werden die Stricknadeln eben geschnitzt. Die Finkli und Käppli sind wichtig für die Kinder, da sie sich während der Regenzeit oft erkälten.

Es ist beeindruckend, wie die Leute sich hier umeinander kümmern. Eine gelähmte Schülerin wird bei Regen auf dem Rücken nach Hause getragen. Wenn jemand einen Teller voll zu essen hat, ruft er laut „midunu“ was soviel heisst wie „essen wir“. Alle, die gerade in der Nähe sind, können von Hand mitessen, auch wenn die Menge nur eine Person satt machen kann. An einem Morgen war ich beim Morgengebet in der Schneiderinnenschule dabei. Es berührte mich so, dass ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen, aber ich verstand, dass sie sehr dankbar waren. Diese Schneiderinnenausbildung ist für die jungen Frauen eine grosse Hoffnung, einmal unabhängig zu sein. Einige haben schon Kinder, aber keine Einkommensquelle. Es ist kaum möglich, für mehr als die eigene Familie Acker zu bebauen, da nur eine Hacke zur Verfügung steht und die Nahrungsmittel selbst verarbeitet werden müssen. Die Prostitution ist für einige die einzige Möglichkeit etwas Geld zu verdienen, um die Kinder zu ernähren.

Das komfortabelste Bett

Eine Woche verbringe ich in einem Dorf ohne Stromanschluss namens „Nygbe“ bei einer einheimischen Familie. Die ganze Dorfbevölkerung freut sich riesig über meinen Besuch. Sie kommen gleich mit Trommeln und Rasseln daher, um mich mit einem Willkommenskonzert zu begrüssen. Mir wird das wahrscheinlich komfortabelste Bett, das in diesem Dorf existiert, angeboten. Es ist nicht möglich, dieses Angebot abzulehnen. Wir ernten Erdnüssli und Süsskartoffeln, und sie bringen mir alle ihre Spezialitäten auf den Teller. Beim Abschied kommen viele Dorfbewohner, um mir etwas von ihrem Feld mitzubringen. Am Ende habe ich so viel, dass ich nicht mal alles selber tragen kann. Einmal mehr beeindruckt mich die Grosszügigkeit und Gastfreundschaft dieser Leute.

Zusammen mit dem Schuldirektor reise ich in den Norden des Landes. Es ist schockierend, dass es Orte gibt, wo unter noch schwierigeren Bedingungen gelebt wird, als jene, die ich schon gesehen habe. Hier brennt die Sonne auf das flache Land, und man fragt sich wirklich, wovon die Menschen sich hier ernähren können. Wir übernachten bei Menschen im Busch, in kleinen Dörfern und in Städten. Solange mir ein Plumpsklo zur Verfügung steht und ich mein Geschäft nicht auf offener Steppe erledigen muss, bin ich zufrieden. Zum Morgenessen gibt es geröstete Erdnüsse, zubereitet von Kindern mit Hungerbäuchen und knochigen Armen. In der Statistik leben die Menschen hier mit weniger als einem Dollar pro Tag. Die einzige Einkommensquelle ist die Landwirtschaft, doch der Boden ist sehr kahl. Die Kinder müssen sich ihr Schulgeld selber verdienen. Die Organisation „P2TP“ möchte ganz im Norden des Landes, in Sagbiebou, eine zweite Schule errichten. Hier soll jungen Frauen eine Ausbildung ermöglicht werden.

Nach fünf Monaten geht es wieder heimwärts. Ich schaue aus dem Flugzeug auf die französischen Felder – alles bepflanzt und geordnet. Der Afrikaner neben mir schaut staunend aus dem Fenster und fragt mich: „C’est l’airport?“- „Non, c’est les Champs“, antworte ich. Mir ist bewusst geworden, wie mächtig wir sind. Mit unserem Kaufverhalten und Lebensstil bestimmen wir über das Schicksal vieler anderer Menschen.

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