Gesellschaft | 26.05.2009

Eine Bewilligung für den Nationalpark

Zehn Tage Belarus: Der Jugendarbeiter Andreas Engelhard hat es gewagt. Fünf Tage reiste er mit dem Mietauto durchs Land, weitere fünf Tage nahm er an einem "Short Study Visit" der Jugendorganisation Salto Youth teil.
Ein Gebäude in Minsk. Fotos: Andreas Engelhard Alt trifft Neu: Die Ästhetik des kommunistischen Regimes wird mit farbenfrohen Installation aufgelockert. Auf der Land geht alles noch etwas langsamer. Noch immer das Zentrum jeder Stadt in Belarus: Die Lenin-Statue.

Zürich-Prag-Minsk mit Czechairlines inklusive zwei Gummisandwiches und schon bin ich im wilden Osten. Schon beim Verlassen der Maschine werde ich von einem Typen in grobstoffiger, blassgrüner Uniform gemustert. Zusammen mit einem Finnen versuche ich die obligatorische Krankenversicherung an einer kleinen schlecht beleuchteten Theke auszufüllen. Pässe werden gereicht, Zettelchen ausgefüllt und Stempel geknallt bis wir letztendlich die insgesamt acht Euro auf zehn aufrunden, da kein Wechselgeld vorhanden ist. Die Passkontrolle verläuft zügig und nach dem Wechseln von 200 Euro (ungefähr das Monatsgehalt eines Lehrers in Belarus) in 740’000 Rubel fahre ich mit dem Bus nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Der Finne und seine belarussische Freundin helfen mir freundlicherweise, die Adresse meiner Autovermietung zu finden und so bin ich schon bald auf dem Weg aus der Stadt.

Ganzjährlicher Nikolaus

Es sei erwähnt, dass entgegen dem ersten Eindruck des baufälligen Flughafens Minsk die sauberste und architektonisch grosszügigste Stadt ist, die ich je bereist habe (und es waren nicht wenige). Zudem hängen überall bunte Fahnen sowohl für den Tag der Arbeit wie auch für den in acht Tagen stattfindenden Victory-Day, wo die Befreiung von der deutschen Besatzung durch die Ostarmee gefeiert wird. Belarus (Die Bezeichnung „Weissrussland“ ist verpönt) ist genau fünf Mal grösser als die Schweiz, auch ein Binnenland und hat um die zehn Millionen Einwohner. Nur Berge gibt es hier, im Gegensatz zur Schweiz, keine.

In einem Supermark decke ich mich mit Proviant ein, was für mich günstig, für einen Belarussen aber recht teuer ist. Zudem kaufe ich ein Dutzend CDs, jede für weniger als zwei Euro, mit je um die hundert mp3-Songs drauf. Das ist hier legal und ich werde noch zwanzig weitere im Verlaufe der Reise erstehen. Nach einer Nacht im Auto, irgendwo ein einem Wald, weckt mich Vogelgezwitscher und so fahre ich bald weiter zum Bielavieskaja Pustscha Nationalpark (leider eher eine phonetisch Übersetzung des kyrillischen Namens) im Südwesten des Landes. Hier leben etwa tausend der einst auf vierzig Tiere reduzierten europäischen Bisons. Einige dieser grössten Säugetiere des Kontinents sind in einem Gehege zu bestaunen. Ebenfalls bestaunen kann man etwas weiter im Wald den Nikolaus, der hier in kitschigem Ambiente das ganze Jahr durch wohnt.

Eine Bewilligung für den Nationalpark

Ich buche ein Zimmer in einem staatlichen Hotel mit dem einladenden Namen Komplex 4. Dies ist notwendig, damit ich registriert werde, was jeder Ausländer innerhalb von drei Tagen machen muss. Wieder werden Personalien, Pass- und Visumnummer in grosse Bücher und kleine Zettel geschrieben und abgestempelt. Mein weiterer Weg führt mich über Brest der ukrainischen Grenze entlang nach Turau, wo ich versuche in den Prypiatski Nationalpark zu gelangen. Fehlanzeige, ich brauche eine Bewilligung vom Tourismusbüro. Das finde ich auch, und nach diversen Telefonaten und mit der Hilfe einer Übersetzerin via Handy kann ich am nächsten Morgen um neun einen Boottrip mit Ivan durch die Fluss- und Moorlandschaft buchen. Nach dem Besuch des Friedhofs in Turau, wo zum Teil Tische und Bänke direkt neben den Gräbern stehen, und des kleinen aber interessanten Museums vor Ort wird mir die Bewilligung ausgestellt und was folgt sind die schönsten zwei Stunden, die ich je in einem kleinen Boot verbracht habe. Es fehlen nur die Krokodile, um mit den Everglades in Florida mithalten zu können.

Langwierige Ansprachen und spannende Begegnungen

Leider muss ich danach sofort nach Minsk rasen, denn am Abend beginnt der „Short Study Visit“ von Salto-Youth über „Youth Work Reality“ in Belarus. 26 Teilnehmer aus dreizehn Ländern lassen sich über fünf Tage in die nicht einfache Situation der Jugendarbeit und der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) in einem zentralistischen und nach wie vor von sowjetkommunistischen Strukturen geprägten Staat einführen. Auf das Treffen werden wir von der Vizeministerin für Bildung gut vorbereitet. Leider folgt danach eine unglaublich langweilige Ansprache eines EU-Vertreters, der überhaupt nicht an der Meinung seiner Zuhörerinnen und Zuhörer interessiert zu sein scheint. Oder wenn, dann nur, wenn sie nicht politisch kritisch ist.

Am 9. Mai findet wie dann der lang vorbereitere Victory-Day statt und Kriegsveteranen mit ordengeschmückten Heldenbrüsten versammeln sich auf dem Victory Square. Vor der Siegessäule werden rund um das ewige Feuer hunderte von Blumen niedergelegt und sogar Stalin schaut streng von einigen Plakaten herunter. Lenin steht ja sowieso in jeder Stadt übergross im Zentrum auf einem Steinsockel. So verfliegen die fünf Tage viel zu schnell und mit vielen Umarmungen und Küsschen verabschiedet sich die Gruppe und reist zurück in die jeweiligen Herkunftsländer. Stefanie aus Frankreich und ich verpassen noch fast unseren Flug nach Prag, weil unser Billett erst für den späteren Bus gültig ist. Reisen ohne Stress macht ja irgendwie auch keinen Spass, und rennen mit schweren Koffern und Rucksäcken kann manchmal richtig witzig sein.

Mehr zu Salto-Youth und Jugend in Aktion


Salto-Youth steht für "Support, Advanced Learning and Training Opportunities" innerhalb des "Youth"-Programms der Europäischen Union. Diese Jugendaustausche und Trainingseinsätze werden in der Schweiz von der Organisation "Jugend in Aktion" vermittelt. www.jugend-in-aktion.ch oder info@jfeuropa.ch.

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