Kultur | 04.05.2009

Ein Fernsehquiz ist auch eine Suchmaschine

David Gugerli unternimmt einen Streifzug durch die Institutionen der Datensammlung. Dabei wird selbst das Fernsehquiz zur Suchmaschine.
Suschmaschinen sollen uns Übersicht verschaffen im Labyrinth der Datenautobahn.
Bild: www.grafhp.ch David Gugerli taucht mit seinem Buch ein, in die Geschichte der Suchmaschinen. Foto: Claudio Notz

Datenbanken und Suchmaschinen regieren die Welt. Heute gehören sie zum Alltag: Die Milchpackung, die man beim Grossisten einkauft, war in verschiedenen Datenbanken verzeichnet, bis sie beim Kunden ankommt, Fleischstücke können von den Kundinnen gar dem Hof zugeordnet werden, von dem sie stammen.

Die Geschichte der Datenbanken hätte an manchen Punkten anders verlaufen können, als sie dies getan hat. Dies wird einem bei der Lektüre des Essays von David Gugerli klar. Die Hoffnungen und Ängste, die mit Datenbanken und Suchmaschinen geweckt werden, sind mannigfaltig. Hoffnungen setzt man in die Demokratisierung des Wissens, indem jeder zu jeder Zeit auf die für ihn wichtigen Wissensfragmente zugreifen kann; Ängste werden geweckt durch Überwachungsfantasien, die den Nutzen von Datenbanken und Suchmaschinen zutiefst in Frage stellen. Die Daten von Mitbürgerinnen und Mitbürgern sollen schliesslich nicht gegen sie eingesetzt werden.

Was bin ich?

Gugerli zeigt in seinem Streifzug durch die Welt der Suchmaschinen, dass die Idee von Suchmaschinen schon viel älter ist, als diejenigen Suchmaschinen, die wir täglich benutzen: Bevor man seinen Namen googeln konnte, fragte sich eine Fernsehsendung: „Was bin ich?“  und an „Aktenzeichen XY ungelöst“ wird festgemacht, wie das Erraten von Datenbankeinträgen Zuschauerinnen und Zuschauer fesselt. Im Fall von „Was bin ich?“ wird das Fernsehpublikum Zeuge eines Beruferatens, das die Identität der erratenen Person zeigen soll, in der Sendung Aktenzeichen wird das Publikum selbst Teil der Sendung. Zuschauerinnen und Zuschauer sollen Hinweise zur Lösung der Fälle in die Sendung übermitteln und so die Positionen der Datenbanken mit Information füllen.

Gesellschaftlich umstrittener sind Datenbanken da, wo sie dabei helfen sollen, ungehemmt Daten über Personen zu sammeln und zu verbinden. Sammlungen von Daten über Personen, wie sie bei Polizeidienststellen angelegt werden, können mit Datenbanktechniken vernetzt werden und so ein erhöhtes Potenzial zur Aufklärung von Verbrechen aufweisen. Plötzlich können Verbindungen hergestellt werden, wo dies mit Karteikarten nur äusserst umständlich der Fall war. Mindestens eines haben Datenbanken den Zettelkästen nämlich voraus: Suchabfragen können variiert werden nach den verschiedenen Einträgen, wo man bei Zettelkästen erst mühsam Indizies erstellen müsste.

Suchen vor Google

Das Buch „Suchmaschinen. Die Welt als Datenbank.“ macht klar, dass es vor Google auch schon Suchmaschinen gab, die grosses Publikum anlockten. Es zeigt auf unerwartete Weise, wie Suchmaschinen vor den heute prototypischen Suchmaschinen funktionierten. Dabei demonstriert Gugerli die interessanten Zusammenhänge zwischen Suchmaschinen und den Gesellschaften, die sie benutzen.

In seiner neuen Reihe „Edition Unseld“ geht der Suhrkamp-Verlag neue Wege: Er versucht den Spagat zwischen den Disziplinen, vor allem zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften. David Gugerli zeigt mit den Suchmaschinen, dass dieser Spagat auf recht unterhaltsame und doch äusserst lehrreiche Art funktionieren kann.

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