Gesellschaft | 25.05.2009

Die Flucht aufs Klo Nr. 20

Text von Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Am liebsten würde Mitzu auf eine einsame Insel verreisen. Doch vorerst sucht er die ruhigen Momente noch in verlassenen Schulhäusern und weitflächigen Fabriken.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 24. Mai 2009

Yeah Baba,

Okay Baba, my peace offer was not quite likable, very american. I`m sorry for that.

Mein treuer alter Kämpfer. Heute vermiss ich dich. So viele Gedanken. Wann gehen wir auf die Insel? Diejenige, die weit weg ist vom ständigen Anspruch, Bespruch und Zuspruch. Weit weg von Moral und Religion und Kultur und Konfliktbewältigungsstrategien und Verantwortlichkeiten. Dort wo Henne hin ist, um wild und frei zu leben, damit er nicht mehr Kalbsbratwürste grillieren muss. Ich habe den ständigen Badehosenzwang satt. ER KOTZT MICH AN!

Manchmal schenkt mir das Leben aber solche Inselmomente. Ich weiss nicht ob ich dir jemals davon erzählt habe, nun will ich es tun.

Wenn man in grossen Schulhäusern in Zeiten unterwegs ist, in denen sich nicht mehr so viele Menschen darin aufhalten, oder in riesigen Fabrikarealen, die zwar immer geschäftig sind, aber doch so gross, dass man eine Pause erwischt, ja, wenn ich da, in einer solchen Zeit mindestens zwei lange Gänge heruntergehe und vielleicht noch vier Treppenabsätze in ein kühles Kellergeschoss, wo der ständige Lärm der Welt nur noch entfernt herunter dringt und nur alle paar Tage jemand sich hin verirrt. Wo es nach Kernseife und Putzplan riecht und man eine Tür erblickt, hinter der man die Erleuchtung erwarten kann, durch die ich dann in eine WC Anlage eintrete, die vor 60ger-Jahre-Funktionalität nur so blitzt und funkelt, dann weiss ich, dass ich der Welt entfliehen werde. Und sei es auch nur für wenige Minuten. Ich suche mir die hinterste Kabine von 20 in den gleichen Grau -und Grüntönen aus, sichere den Riegel und…scheisse mir den ganzen Ballast vom Herzen.

Nachher lehne ich mit dem Kopf gegen die graugrüne Wand und denke nichts! Und es ist wunderbar kühl, still und geordnet und ich denke mir, jetzt könnte die Welt untergehen, ich würde einfach hier sitzen bleiben und würde nichts und niemanden vermissen und einfach so in die Ewigkeit treiben. In meiner Kabine Nr 20.

Mir kommt in letzter Zeit oft der Gedanke, dass ich mich, obwohl ich seit einiger Zeit klar denke und handle, mich immer mehr in mich zurückziehe. Kennst du das Gefühl. Man mag nicht mehr immer über dieselben Dinge sprechen und ist deshalb einfach auch mal still. Man drängt sich anderen Menschen nicht mehr auf und schaut einfach auch mal zu. Man sucht nicht mehr immer nach neuen Attraktionen, man hat seine Ziele definiert und akzeptiert, dass die Erlangung seine Zeit in Anspruch nehmen wird. Und da bin ich einsam geworden. Ups. Aber ich kann einfach nicht mehr frei geben, keine Erwartungen haben. Ich habe mich neulich mit einem Mann unterhalten, der jetzt 35 Jahre alt ist und der hat mir, ohne, dass ich etwas von mir erzählt hätte, seine Geschichte erzählt. Wie mir, ist ihm mit 28 alles anders geworden. Schon fast biblisch. Ich mein, Entwicklungsschritte waren für mich bis anhin eher schleichend und nicht so wie jetzt eine Nahtoterfahrung.

Nun. Ich werde da durch gehen.

Und ich muss dir wieder einmal sagen, wie schön ich es finde, deine Briefe zu erhalten und dir meine zu schicken. Und letztes Wochenende war ich auf dem Farmfest. Und da lesen viele, was wir uns schreiben. Danke Babamio, du hast mit deiner treibenden Art was geschaffen. Row em in…… Rowhigh

Mitzu