Gesellschaft | 12.05.2009

Destination WG: Der Beginn

Text von Ruzica Lazic | Bilder von www.dataloo.de
Bliebe sie länger Zuhause, würde sie neurotischer werden als eine Kunstfigur in einem Woody Allen Film - fürchtet unsere Tink-Autorin.
Unsere Kolumnistin ist auf der Flucht.
Bild: www.dataloo.de

Mein überwältigendes Verlangen, das elterliche Domizil fluchtartig zu verlassen, äusserte sich erstmals mit siebzehn. Nein, Korrektur, sieben. Worum es damals ging, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls waren die Weichen für ein erfolgreiches Sehnen nach einem melodramatischen Weg-Von-Hier-Weit-Weit-Weg gelegt.

Mit siebzehn wurde der Wunsch nicht unbedingt grösser, lag aber eher im Bereich des Möglichen. Ausgangspunkt waren ein immenser Druck und Einschränkung der Privatsphäre – DISCLAIMER: Von Einschränkung kann man nicht unbedingt reden, denn aus der Sicht meiner Eltern sind sie völlig befugt, sich in das Leben ihrer Kinder einzumischen, denn wer hat diese schliesslich gezeugt? Genau, also! – und vor allem: Mangelnde Diskussionsfähigkeit bei gleichzeitiger konstanter Einforderung von Respekt vor der elterlichen Authorität (welche sich wodurch begründet? Siehe oben.)

Die „perfekte Tochter“

Kurz: ich musste realisieren, dass meine Eltern auch nur Menschen sind, und nicht einmal Menschen mit Rückgrat, sondern eher kafkaeske Opportunisten, welche sich ihre Argumente so hinbiegen dass es passt, mal so und mal so. Ich musste realisieren, dass der Respekt, welchen ich Ihnen entgegenbringen muss, sich mehr oder weniger in anerzogenenem oberflächlichem Gehorsam erschöpfen sollte und auch beinhaltet, dass ich meinen Charakter ihnen zu liebe – oder aus Respekt – abändern muss, bis ich in die Gussform „perfekte Tochter“ passe, was meine zwei Schwestern, die eine relativ mühelos, die andere schlussendlich nach seelischem Biegen und Brechen, auch schon erfolgreich absolviert haben. Ich bilde mir übrigens nicht ein, die Einzige zu sein, welche derart desillusioniert wird. Daher nicht allzu fest bemitleiden bitte, da draussen sind noch ganz viele andere und du gehörst vielleicht auch bald dazu oder bist schon im Club.

Flucht aus der Neurotik

Respekt ist schön und gut, aber bevor ich ein neurotischeres und schizophreneres Wrack werde als die Kunstfigur von Woody Allen, muss ich raus – beschloss ich vor etwa drei Jahren. Natürlich lässt sich hier das Churchill-Argument „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ wunderbar anwenden, aber ich will mich eigentlich gar nicht bis zur Unkenntlichkeit abhärten. Will gar nicht noch rationaler und verquerer werden, als ich es bin, will nicht jede meiner Handlungen auf meine Eltern oder meine Familie zurückführen und rechtfertigen, wie ich es in diesem ganzen Artikel schon ausführlich zelebriert habe. Ich bin mitten in der Quarterlife-Selbstfindungs-Krise. Fehlt nur noch, dass ich den Steppenwolf von Hesse auf meinem Nachttischchen liegen habe, fremde Leute umarme und mich dazu inspiriere, einfach mal spontan Gefühle rauszulassen und in Tränen auszubrechen. Fühlsch-mi-gspürsch-mi-Groove kann ich sehr selten ernst nehmen, und ich bin schlichtweg nicht dazu im Stande, einzuschätzen, wieviel davon mir gut tun würde. Denn ehrlich: gut würde mir eine gewisse Portion davon schon tun.