Gesellschaft | 11.05.2009

Blinde Kuh nach dem Abendessen

Text von Tobias Soeldi
Die Organisation Workcamp Switzerland ermöglicht weltweit Freiwilligeneinsätze. Ein Volunteer erzählt von seiner Zeit als Englischlehrer in Thailand.
Sie lernen mit der Hilfe des Autors Englisch: Schüler der Wat Prasatwittaya School. Fotos: Tobias Soeldi Hier wird Fussball gespielt, oder auch Blinde Kuh. Auf thailändischen Märkten kann man fast alles kaufen, auch frittierte Heuschrecken. Beten gehört zum Alltag in Thailand: Eine Tempelanlage.

Jenseits der PalmensträndeVogelgezwitscher, Autolärm, Gelächter und Gerede von der Strasse: Schon am frühen Morgen ist in Thailand an Ruhe nicht mehr zu denken. Jetzt ertönt die Nationalhymne aus den Laut-sprechern auf der Strasse, es muss also acht Uhr sein. Zeit zum Aufstehen: die Arbeit ruft. Arbeit, dass heisst für mich aufs Velo steigen und ab zur Wat Prasatwittaya School, an der ich Englisch unterrichte. Der Weg zur Schule führt durchs Dorf, wo bereits ein geschäftiges Treiben im Gange ist: Marktfrauen verkaufen ihr Gemüse und ihre Gewürze, es wird gekocht und diskutiert. Hunde, von denen es im Dorf nicht wenige gibt, liegen auf der Strasse und machen widerwillig den Autos und Motorrädern den Weg frei.

Am Ende der Strasse liegt die Schule. Wie viele Schulen in den ländlichen Gebieten ist auch diese in eine buddhistische Tempelanlage (Wat) integriert. Tagsüber sieht man oft Mönche in ihren orangefarbenen Kutten, die unter der Bevölkerung grosses Ansehen geniessen. Kaum bin ich im Klassenzimmer, ertönt das obligatorische „Good morning, teacher“ aus allen Mündern gleichzeitig. Auf die Frage „How are you“ kommt die Antwort ebenfalls von allen Schülern: „I’m fine, thank you, and you?“. Es scheint ihnen jeden Tag gut zu gehen.

Gesten und Zeichnungen

Da die thailändische Sprache und Schrift völlig verschieden von der unsrigen ist, benutze ich für den Unterricht vor allem Gesten, Bilder und Wandtafelzeichnungen. Nach dem Mittagessen, das es für alle in der Schule gibt, spiele ich zusammen mit den Schülern eine Art Volleyball, bei dem ein kleiner Ball mit den Füssen über ein Netz gespielt werden muss. Für die Kinder ist es immer ein grosser Spass, wenn sie mit den Lehrern zusammen spielen können. Sie verlieren dadurch ihre anfängliche Ängstlichkeit und Zurückhaltung gegenüber einem Ausländer, was sich auch im Unterricht positiv bemerkbar macht. Am Nachmittag unterrichte ich zwei weitere Klassen. Um 16 Uhr ist mein Arbeitstag zu Ende. Für die meisten Thailänder ist Religion ein zentraler Bestandteil ihres Lebens, und so wird auch am Ende des Schultages gebetet.

Kurz nachdem ich im Hause angekommen bin, erscheinen auch schon Alix, Charlotte und Palm, die drei Menschen, mit denen ich im Dorf ein Haus teile. Alix und Charlotte sind wie ich 19 Jahre alt und unterrichten ebenfalls Englisch, aber an einer anderen Schule im Dorf. Palm ist von der thailändischen Organisation „Greenway“, welche Freiwilligeneinsätze wie die unseren koordiniert. Sie ist unsere Betreuerin, unterstützt uns beim Unterrichten und hilft auch anderweitig in der Schule aus. Da heute Mittwoch ist, fahren wir zusammen auf die andere Seite des Flusses, wo jede Woche ein grosser Markt stattfindet. Wir decken uns mit Fleisch, Früchten und Gemüse ein. Für Feinschmecker gibt es hier sogar gegrillte Heuschrecken und andere Insekten zu kaufen. Märkte gibt es überall und zu jeder Zeit, und wer einmal in Thailand ist, sollte sich diesen Anblick nicht entgehen lassen. Es gibt Morgenmärkte, Tagesmärkte und Nacht-märkte, auf denen alles verkauft wird: Von Lebensmitteln aller Art über Kleider bis zu elektronischen Geräten und religiösen Bildern, Amuletten und Büchern.

Ein Frosch im Bad

Am Abend sind wir zum Essen eingeladen. Die Mutter eines Schülers tischt uns ein fabelhaftes thailändisches Gericht auf. Kaum haben wir fertig gegessen, kommen auch schon die Kinder aus der Nachbarschaft, und nach kurzer Zeit spielen wir Fussball oder blinde Kuh.Erschöpft und verschwitzt (die Energie der Kinder scheint unendlich zu sein) kehren wir später in unser Haus zurück. Als erstes muss ich duschen, denke ich mir. Aber bevor ich mir mit Hilfe einer Schüssel Wasser über den Kopf schütte, muss ich den Frosch loswerden, der es ständig schafft, durch das Abflussloch ins Badezimmer hinein zu kommen.Ein weiterer interessanter und anstrengender Tag neigt sich langsam seinem Ende, ich ärgere mich noch über die Moskitos, die es irgendwie unter mein Moskitonetz geschafft haben, und schlafe dann ein… bis ich am nächsten Morgen wieder durch das Vogelgezwitscher, den Auto-lärm und das Gelächter und Gerede von der Strasse her erwache.

Workcamp Switzerland


Willst du ebenfalls etwas von der Welt sehen und dich dabei zugleich für eine gute Sache einsetzen? Dann könnte ein zwei- bis vierwöchiger Workcamp-Einsatz das Richtige für dich sein. Mehr Infos dazu findest du auf der Website der Organisation www.workcamp.ch

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