Eine Bewilligung für den Nationalpark

Zürich-Prag-Minsk mit Czechairlines inklusive zwei Gummisandwiches und schon bin ich im wilden Osten. Schon beim Verlassen der Maschine werde ich von einem Typen in grobstoffiger, blassgrüner Uniform gemustert. Zusammen mit einem Finnen versuche ich die obligatorische Krankenversicherung an einer kleinen schlecht beleuchteten Theke auszufüllen. Pässe werden gereicht, Zettelchen ausgefüllt und Stempel geknallt bis wir letztendlich die insgesamt acht Euro auf zehn aufrunden, da kein Wechselgeld vorhanden ist. Die Passkontrolle verläuft zügig und nach dem Wechseln von 200 Euro (ungefähr das Monatsgehalt eines Lehrers in Belarus) in 740’000 Rubel fahre ich mit dem Bus nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Der Finne und seine belarussische Freundin helfen mir freundlicherweise, die Adresse meiner Autovermietung zu finden und so bin ich schon bald auf dem Weg aus der Stadt.

Ganzjährlicher Nikolaus

Es sei erwähnt, dass entgegen dem ersten Eindruck des baufälligen Flughafens Minsk die sauberste und architektonisch grosszügigste Stadt ist, die ich je bereist habe (und es waren nicht wenige). Zudem hängen überall bunte Fahnen sowohl für den Tag der Arbeit wie auch für den in acht Tagen stattfindenden Victory-Day, wo die Befreiung von der deutschen Besatzung durch die Ostarmee gefeiert wird. Belarus (Die Bezeichnung “Weissrussland” ist verpönt) ist genau fünf Mal grösser als die Schweiz, auch ein Binnenland und hat um die zehn Millionen Einwohner. Nur Berge gibt es hier, im Gegensatz zur Schweiz, keine.

In einem Supermark decke ich mich mit Proviant ein, was für mich günstig, für einen Belarussen aber recht teuer ist. Zudem kaufe ich ein Dutzend CDs, jede für weniger als zwei Euro, mit je um die hundert mp3-Songs drauf. Das ist hier legal und ich werde noch zwanzig weitere im Verlaufe der Reise erstehen. Nach einer Nacht im Auto, irgendwo ein einem Wald, weckt mich Vogelgezwitscher und so fahre ich bald weiter zum Bielavieskaja Pustscha Nationalpark (leider eher eine phonetisch Übersetzung des kyrillischen Namens) im Südwesten des Landes. Hier leben etwa tausend der einst auf vierzig Tiere reduzierten europäischen Bisons. Einige dieser grössten Säugetiere des Kontinents sind in einem Gehege zu bestaunen. Ebenfalls bestaunen kann man etwas weiter im Wald den Nikolaus, der hier in kitschigem Ambiente das ganze Jahr durch wohnt.

Eine Bewilligung für den Nationalpark

Ich buche ein Zimmer in einem staatlichen Hotel mit dem einladenden Namen Komplex 4. Dies ist notwendig, damit ich registriert werde, was jeder Ausländer innerhalb von drei Tagen machen muss. Wieder werden Personalien, Pass- und Visumnummer in grosse Bücher und kleine Zettel geschrieben und abgestempelt. Mein weiterer Weg führt mich über Brest der ukrainischen Grenze entlang nach Turau, wo ich versuche in den Prypiatski Nationalpark zu gelangen. Fehlanzeige, ich brauche eine Bewilligung vom Tourismusbüro. Das finde ich auch, und nach diversen Telefonaten und mit der Hilfe einer Übersetzerin via Handy kann ich am nächsten Morgen um neun einen Boottrip mit Ivan durch die Fluss- und Moorlandschaft buchen. Nach dem Besuch des Friedhofs in Turau, wo zum Teil Tische und Bänke direkt neben den Gräbern stehen, und des kleinen aber interessanten Museums vor Ort wird mir die Bewilligung ausgestellt und was folgt sind die schönsten zwei Stunden, die ich je in einem kleinen Boot verbracht habe. Es fehlen nur die Krokodile, um mit den Everglades in Florida mithalten zu können.

Langwierige Ansprachen und spannende Begegnungen

Leider muss ich danach sofort nach Minsk rasen, denn am Abend beginnt der “Short Study Visit” von Salto-Youth über “Youth Work Reality” in Belarus. 26 Teilnehmer aus dreizehn Ländern lassen sich über fünf Tage in die nicht einfache Situation der Jugendarbeit und der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) in einem zentralistischen und nach wie vor von sowjetkommunistischen Strukturen geprägten Staat einführen. Auf das Treffen werden wir von der Vizeministerin für Bildung gut vorbereitet. Leider folgt danach eine unglaublich langweilige Ansprache eines EU-Vertreters, der überhaupt nicht an der Meinung seiner Zuhörerinnen und Zuhörer interessiert zu sein scheint. Oder wenn, dann nur, wenn sie nicht politisch kritisch ist.

Am 9. Mai findet wie dann der lang vorbereitere Victory-Day statt und Kriegsveteranen mit ordengeschmückten Heldenbrüsten versammeln sich auf dem Victory Square. Vor der Siegessäule werden rund um das ewige Feuer hunderte von Blumen niedergelegt und sogar Stalin schaut streng von einigen Plakaten herunter. Lenin steht ja sowieso in jeder Stadt übergross im Zentrum auf einem Steinsockel. So verfliegen die fünf Tage viel zu schnell und mit vielen Umarmungen und Küsschen verabschiedet sich die Gruppe und reist zurück in die jeweiligen Herkunftsländer. Stefanie aus Frankreich und ich verpassen noch fast unseren Flug nach Prag, weil unser Billett erst für den späteren Bus gültig ist. Reisen ohne Stress macht ja irgendwie auch keinen Spass, und rennen mit schweren Koffern und Rucksäcken kann manchmal richtig witzig sein.

Mehr zu Salto-Youth und Jugend in Aktion


Salto-Youth steht für "Support, Advanced Learning and Training Opportunities" innerhalb des "Youth"-Programms der Europäischen Union. Diese Jugendaustausche und Trainingseinsätze werden in der Schweiz von der Organisation "Jugend in Aktion" vermittelt. www.jugend-in-aktion.ch oder info@jfeuropa.ch.

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Destination WG Teil 2: Die Jagd

Der Auszug nahm in meinem Kopf immer konkretere Formen an. Innerhalb kürzestmöglicher Zeit angelte ich mir meinen Job (official ghostwriter of her Majesty the Queen) und konnte so offiziell zur WG-Jagd aufbrechen. Zimmergrösse und Lage weiss man ja schon vorher aufgrund der netten Anzeigen. Die Aussicht aus dem Fenster ist relativ irrelevant, der Waschplan ist ziemlich egal, wie hoch schon wieder die Miete ist, kann man getrost noch danach Zuhause nachgrübeln – vorausgesetzt, man hat ein gutes Gefühl. Denn das eigentliche Jagdziel ist die Kommune selbst. Die vordergründig lockerflockigen WG-Bewohner gilt es zu sezieren, denn sie sezieren auch dich.

“Also, ähm, tschüss”

Eine Tatsache ist zuerst absurd und dann belustigend, und zwar, dass der als nicht-der-Norm-entsprechende  Szeni-WG-Bewohner mit seinen Röhrlijeans sich nicht um weitere Diskussion mit dem potenziellen WG-Mitglied bemüht, wenn letzteres solch einen ausserordentlichen Fauxpas begeht, wie etwa die Businessklamme nach der Arbeit, huch!!, anzubehalten, sich NICHT!!, nochmals huch!!, extra in einer winzigen Toilette umzieht, und dann gar – sehr frevelhaft – in dieser Kleidung bei der Besichtigung aufzukreuzen. Kleider machen Leute und zwar so sehr, dass die durchschnittliche as-if-WG-Kommune nicht sehr bemüht war, hinter die brave Fassade zu blinzeln.  Nach einer Viertelstunde eisigem Schweigens in der Küche, an etwas lieblos in die Schüssel geschütteten Paprika-Zweifel-Chips und ein paar vagen “Ähm, ihr ruft dann also nächste Woche an, also, ähm, tschüss” wurde jedem Kandidaten klar, nicht besonders erwünscht zu sein. Nur weil man im “Kreis Cheib” wohnt, ist man offensichtlich nicht automatisch etwas aufgeschlossener. Wie schade, dass sich das knapp verpasste WG-Bewohnerli nun als Kolumnenschreiberin entpuppt und sich jetzt mal Luft macht.

Künstlertypen und Sportskanonen

Eine ziemliche Schlacht war die Erfahrung, die ich aus einer Besichtigung einer runden WG machen konnte. Nicht die Bewohner waren rund, es lief auch nicht besonders rund; vielmehr  folgte die Wohnung den Konturen der Tankstelle, über der sie sich befand und fiel deshalb ziemlich uneckig aus. Im gemütlichen Esszimmer lieferten sich WG Kandidatin “sportlich-verschrobene Schneiderin” und ich uns ein erbittertes rhetorisches Gefecht. Die WG bestand aus einer gemütlichen durchschnittlichen Frau, Typ lustige Lehrerin, einem Künstlertyp der abstrakte nackte Frauen und Katzen malt, zwei Sportskanonen und einem durch Abwesenheit glänzenden Architekturstudenten (wie denn auch sonst, der läuft wahrscheinlich den ganzen Tag mit dem Abdruck seines ETH-Atelier -Spannteppichs im Gesicht herum). Die gemütliche zukünftige Lehrerin hatte ich auf meiner Seite, doch die sportliche Fraktion konnte ich nicht für mich gewinnen. Fing doch die Verschrobene an, von Kletterwänden und vom Snowboard erschrecktem Wild im Wald zu reden. Ich will nun nicht jammern und deshalb sage ich einfach, dass ich mit meiner Figur niemandem ein A für ein U vormachen kann und so ging ich mit dem beruhigenden Gefühl, eine weitere WG von meiner Liste zu streichen, Richtung hohe Instanz.

Denn morgen ist ein neuer Tag und jeder Tag ist ein guter Tag für die Jagd.

Fortsetzung


Nächstes Mal in Destination WG: "Die Jagd geht weiter"

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Schwing den Rock’n’Rollschuh

Im Neuen Testament wird erzählt, dass an Pfingsten der Heilige Geist auf die Apostel und Jünger herabkam, als sie sich zum grossen Fest in Jerusalem versammelten. Am kommenden Pfingstsonntag steigt ebenfalls ein grosses Fest, doch der Heilige Geist wird vermutlich nicht auftauchen. Dafür aber viele bunt gekleidete Gestalten auf Gummirollen – es ist wieder Rollschuhparty in Zürich. In der Zukunft findet am Sonntag die nächste Ausgabe, der bereits etablierten Partyreihe “Crash-Flow” statt. Diesmal unter dem Namen Rock’n’Rollschuh. Für die musikalische Live-Untermahlung konnte der aus Hamburg stammende Elektromusiker “Erobique” (International Pony) gewonnen werden, von dem auch Alice LaBoum überzeugt zu sein scheint: “Ich habe mich diese Februar bei eine von seine Auftritte bitzeli verliebet in ihn”, sagt die Gastgeberin des Abends, die an diesem Abend nebst Robby Naish und Malik auch als DJ in Erscheinung treten wird.

Infos und Wettbewerb:


Crash-Flow am Sonntag, 31. Mai ab 22 Uhr in der Zukunft, Dienerstrasse 33, 8004 Zürich. Mit Erobique aus Deutschland und den DJs Alice LaBoum und mit mit kleiner Unterstützung von Rumory und Robby Naish / Malik (Beatpirates)

Tink.ch verlost für diesen Anlass 3×2 Tickets. Für eine Teilnahme sende eine Mail mit Name, Adresse und dem Betreff "ich bin auch eine kleine Französin" an martin.sturzenegger@tink.ch

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Ein Berner in der Ostschweiz

Wenn Herr und Frau Berner ein Ziel mit Namen “St. Gallen” vor Augen haben, gibt’s einige Hindernisse zu überwinden. Wie so oft nehme ich den Weg über die Gleise von Bern nach St. Gallen. Der Schnellzug bringt mich ohne Halt direkt nach Zürich und mit Spielen auf meinem Mobiltelefon geht alles etwas schneller. Dass Zürich einen so genannten Kopfbahnhof besitzt, ist kein Geheimnis. Und dennoch bleibt meine Orientierung stecken und begleitet mich nicht weiter nach St. Gallen. Schon bei der Station nach Zürich Flughafen lassen meine Geographie-, oder eben Deutschkenntnisse, zu wünschen übrig: Wintherthur, Winthertur, Wintertur oder doch Winterthur? Und schon die nächste Blamage: Uzwil, Flawil oder einfach nur Wil? Doch glücklicherweise nutzt die SBB eine altbekannte Stimme. Sie soll den Passagieren die Station ankündigen: “Nächster Halt, Biel”. Da soll einer noch die Welt verstehen.
 
Sind die Schriftzüge, die an der Überdachung des Bahnhofs St. Gallen hängen, teuer bezahlte Kunst – in der Bahnhofshalle in Zürich hängt schliesslich auch ein Engel – oder alte vergessene Schokoladenwerbung? Es bleibt vorübergehend ein Geheimnis und ich lasse mich vom Menschenstrom in die Unterführung treiben. Sofort wird klar: Die St. Galler sind sauber, keine Zweifel. Nebst einigen Bierflaschen vom letzten Fussballmatch ist die ehemals weisse Kaugummischicht blitzblank geputzt. Aus der Unterführung aufgetaucht mache ich mich an die Suche nach dem richtigen Bus. Kaum habe ich meine Nummer gefunden, fährt ein ganzes Busquartett los, ohne mich. Weshalb die Busse immer im Zweier-, Dreier- oder Viererpack fahren, verstehen Mann und Frau mit langsamer Aussprache nicht: Gibt’s in St.Gallen randalierende Autofahrer oder besteht bei den St.Galler Verkehrsbetrieben die Angst, den Passagieren könnten häufige Fahrgelegenheiten auf den Wecker gehen? Das nächste Transportmittel lässt auf sich warten und das Geschehen am Bahnhof  nimmt seinen Gang. Leute kommen und gehen, stellen Fragen und geben Antwort, suchen Busse und finden sie (oder auch nicht). Der Omnibus fährt heran und ich steige ein. Das Billet kostet für Hunde, Velo, unter 16 Jährige und halbe Leute stolze 2 Franken. Natürlich nur wenn man den Touchscreen im stark schwankenden Bus bedienen kann. Und ansonsten läuft es sich ja ganz gut in der autofreien Zone. Wenn ich bloss wüsste, in welche Richtung.

Die Flucht aufs Klo Nr. 20

Solothurn, 24. Mai 2009

Yeah Baba,

Okay Baba, my peace offer was not quite likable, very american. I`m sorry for that.

Mein treuer alter Kämpfer. Heute vermiss ich dich. So viele Gedanken. Wann gehen wir auf die Insel? Diejenige, die weit weg ist vom ständigen Anspruch, Bespruch und Zuspruch. Weit weg von Moral und Religion und Kultur und Konfliktbewältigungsstrategien und Verantwortlichkeiten. Dort wo Henne hin ist, um wild und frei zu leben, damit er nicht mehr Kalbsbratwürste grillieren muss. Ich habe den ständigen Badehosenzwang satt. ER KOTZT MICH AN!

Manchmal schenkt mir das Leben aber solche Inselmomente. Ich weiss nicht ob ich dir jemals davon erzählt habe, nun will ich es tun.

Wenn man in grossen Schulhäusern in Zeiten unterwegs ist, in denen sich nicht mehr so viele Menschen darin aufhalten, oder in riesigen Fabrikarealen, die zwar immer geschäftig sind, aber doch so gross, dass man eine Pause erwischt, ja, wenn ich da, in einer solchen Zeit mindestens zwei lange Gänge heruntergehe und vielleicht noch vier Treppenabsätze in ein kühles Kellergeschoss, wo der ständige Lärm der Welt nur noch entfernt herunter dringt und nur alle paar Tage jemand sich hin verirrt. Wo es nach Kernseife und Putzplan riecht und man eine Tür erblickt, hinter der man die Erleuchtung erwarten kann, durch die ich dann in eine WC Anlage eintrete, die vor 60ger-Jahre-Funktionalität nur so blitzt und funkelt, dann weiss ich, dass ich der Welt entfliehen werde. Und sei es auch nur für wenige Minuten. Ich suche mir die hinterste Kabine von 20 in den gleichen Grau -und Grüntönen aus, sichere den Riegel und…scheisse mir den ganzen Ballast vom Herzen.

Nachher lehne ich mit dem Kopf gegen die graugrüne Wand und denke nichts! Und es ist wunderbar kühl, still und geordnet und ich denke mir, jetzt könnte die Welt untergehen, ich würde einfach hier sitzen bleiben und würde nichts und niemanden vermissen und einfach so in die Ewigkeit treiben. In meiner Kabine Nr 20.

Mir kommt in letzter Zeit oft der Gedanke, dass ich mich, obwohl ich seit einiger Zeit klar denke und handle, mich immer mehr in mich zurückziehe. Kennst du das Gefühl. Man mag nicht mehr immer über dieselben Dinge sprechen und ist deshalb einfach auch mal still. Man drängt sich anderen Menschen nicht mehr auf und schaut einfach auch mal zu. Man sucht nicht mehr immer nach neuen Attraktionen, man hat seine Ziele definiert und akzeptiert, dass die Erlangung seine Zeit in Anspruch nehmen wird. Und da bin ich einsam geworden. Ups. Aber ich kann einfach nicht mehr frei geben, keine Erwartungen haben. Ich habe mich neulich mit einem Mann unterhalten, der jetzt 35 Jahre alt ist und der hat mir, ohne, dass ich etwas von mir erzählt hätte, seine Geschichte erzählt. Wie mir, ist ihm mit 28 alles anders geworden. Schon fast biblisch. Ich mein, Entwicklungsschritte waren für mich bis anhin eher schleichend und nicht so wie jetzt eine Nahtoterfahrung.

Nun. Ich werde da durch gehen.

Und ich muss dir wieder einmal sagen, wie schön ich es finde, deine Briefe zu erhalten und dir meine zu schicken. Und letztes Wochenende war ich auf dem Farmfest. Und da lesen viele, was wir uns schreiben. Danke Babamio, du hast mit deiner treibenden Art was geschaffen. Row em in…… Rowhigh

Mitzu

Auf der Suche nach Rock

Eine Stunde nach Türöffnung – die erste Band hatte ihren Auftritt bereits hinter sich – war der Bieler Gaskessel noch praktisch leer. Das Publikum bestand zum grössten Teil aus Tontechnikern und dem Barpersonal. Von Stimmung konnte keine Rede sein. Die wenigen zahlenden Gäste widmeten sich dem Bierkonsum oder tummelten sich an der frischen Luft. Die zweite Band, die deutschen Injection Fish, versuchte den Anwesenden einzuheizen. Doch auch sie überzeugten nicht. Das Interessanteste an ihrem Auftritt war die verblüffend hohe Stimme des Leadsängers und eine durchaus gelungene Version von Adrian Sterns “Ha nur welle wüsse” – auf Schweizerdeutsch, versteht sich. Nach Mitternacht stieg die Zahl der Gäste und mit ihnen der Alkoholgehalt im Blut – ganz nach Rock`n`Roll Manier. So trauten sich nun auch einige – mehr oder weniger Betrunkene- vor die Bühne, um die Tanzfläche zu eröffnen. Endlich bewegte sich etwas im „Chessu“ und es lag nicht nur am Alkohol. Die fünf Jungs der Berliner Band Rough Roostars beherrschten ihre Instrumente perfekt und spielten Punk vom Feinsten.

 

Rock à  la Muse und Foo Fighters

Nun waren die rockwütigen Zuschauer endlich wach und es war Zeit für das erste Heimspiel: Die Bieler Murphy`s Room hatten das Publikum von Anfang an auf ihrer Seite. Doch wer sich bereits gewundert hatte, wann bloss der technische Fehler auftauchte, der an Rock Konzerten schon fast üblich war, wurde beruhigt. Beim ersten Lied der Murphy`s setzte das Mikrofon des Leadsängers prompt aus. Davon liess sich allerdings niemand beirren und die drei Musiker legten einen souveränen Auftritt hin. Ihr Rock à  la Muse und Foo Fighters kam im inzwischen ziemlich gefüllten Gaskessel gut an und die Stimmung war endlich so, wie man sie sich gewünscht hatte und blieb auch für den Rest des Abends. The Minx, ebenfalls aus Biel, komplettierten die Palette mit gutem Rock`n`Roll, den man der jungen Band nicht zugetraut hätte. Als der letzte Ton Livemusik gespielt wurde, bedeutete dies noch lange nicht das Ende des Abends. Bandmitglieder und das Publikum feierten mit viel Alkohol noch stundenlang weiter bis die Sonne bereits wieder aufging.

 

 

 

“Musik kann einsam machen”

Eure ersten Alben trugen mit “Go For Gold” und “Jackpot Melodies” Titel, die hohe Erwartungen weckten. Konntet ihr den Jackpot knacken?
Adrian Schindler: Wir konnten viele Ziele erreichen, die wir uns damals gesetzt haben. Das resultierte nicht in hohen Hitparadenrangierungen, aber die Leute kennen uns nun besser. Wir durften viele interessante Konzerte spielen, wie etwa den Support für Maximo Park.
Angelo Repetto: Ich hatte damals keine allzu hohen Erwartungen als das Album rauskam. Wir waren einfach froh, dass wir es fertig stellen konnten, denn die aufwändige Produktion ging schon ziemlich an die Nieren. Die positiven Feedbacks waren der Dank für die grosse Anstrengung.

Ihr studiert neben der Musik oder seid zu 100% berufstätig. Nun folgt nach knapp einem Jahr mit “Unthink and Exile” das nächste Album. Wie bringt ihr das zeitlich unter einen Hut?
Schindler: Der enge Zeitplan brachte uns an unsere Leistungsgrenze. Wir trafen uns direkt nach dem Arbeiten und bis zu viermal in der Woche im Bandraum. Wir sind froh, dass die Qualität des Albums nicht unter dem Zeitdruck gelitten hat und wir alles so machen konnten, wie wir es uns vorstellten.

Repetto: Wir hatten das Glück, dass wir ein paar Songs aus der Jackpot Melodies-Phase in Petto hatten. Dennoch war es sehr streng, es war wie Music Star hoch 30.

Aber Spass macht es euch schon?
Repetto: Natürlich, es ist ja nicht so, dass wir die ganze Zeit am jammern wären. Und wenn wir nun all die positiven Feedbacks an Konzerten, aus den Medien und aus unserem näheren Umfeld erhalten, dann hat sich die Mühe mehr als gelohnt.

Auf was bezieht sich der Album-Titel “Unthink and Exile” (Umdenken und ins Exil gehen)?
Angelo: Einerseits hört sich die Zeile “Unthink and Exile” einfach gut an und sie kommt im Song “Black Angel” vor. Andererseits befanden wir uns während den Aufnahmen wirklich wie im Exil. Musikmachen kann auch einsam oder gar asozial machen. Viele Freunde sehen wir aus Zeitgründen nicht mehr.

Schindler: Es hat bei uns auch ein Umdenken stattgefunden, dass wir unsere Songs anders entstehen lassen wollten. Beim letzten Album machten Sandro und Angelo vieles im Alleingang. Der Arbeitsprozess zu “Unthink and Exile” war demokratischer und die Lieder veränderten sich noch stark im Bandraum. Das hört man den Songs auch an, das Album ist kompakter als “Jackpot Melodies”.

Ist das Thema Ausland für euch abgehakt?
Repetto: Ich möchte es unbedingt noch probieren. Ich bewundere Bands die einfach ins Ausland aufbrechen um alles auf eine Karte zu setzen. Man ist schliesslich nur einmal jung.

Schindler: Das Thema ist mit Vorsicht zu geniessen. Ausland klingt immer so glorreich. Oft vergisst man, wie gut es den Bands in der Schweiz eigentlich geht. Es motzen zwar immer alle, aber die kleineren Clubs in Deutschland bezahlen beispielsweise noch weniger. Ein Auslandaufenthalt mit den Telaphones müsste man als Spassprojekt betrachten, wie wir es im letzten Jahr in Liverpool taten (über MySpace erhielten die Telaphones eine Einladung um im legendären “Cavern Club” zu spielen).

Ihr werdet immer noch oft auf euren Auftritt im chinesischen Wetten dass…? im Jahre 2006 reduziert, wo ihr vor einem Millionenpublikum spielten. Fühlt ihr euch stigmatisiert?
Repetto: Nein, für uns war es wie ein Segen. Der Auftritt hat uns viele Türen geöffnet.
Schindler: Es ist wie bei einer ehemaligen Miss Schweiz: Egal ob die nun das Wetter moderiert oder singt, sie wird immer wieder mit ihrem Krönchen in Verbindung gebracht. Wir sind jetzt halt die Band die nach China gegangen ist, um vor ca. 80 Mio. Zuschauern zu spielen. Letztlich sind das genau die Geschichten, die wir später unseren Enkeln erzählen, sollten wir denn je welche haben.

Gibt es musikalische Experimente, die ihr noch probieren möchtet?

Repetto: Ich möchte schon lange einmal mit einem HipHopper zusammenarbeiten. Gut möglich, dass wir Stress oder so einmal um ein Feature anfragen.

Über das Album “Unthink and Exile”


Jackpot Melodies war ein Sammelsurium mit vielversprechenden Songideen, an denen teilweise etwas zu viel herumgeschraubt wurde. "Unthink and Exile" erscheint kompakter, direkter und eigenständiger. Schon der ungezwungene Einstieg mit "What I Need" zeugt von einer neuen Lockerheit, die den Telaphones sehr gut steht. Die Songs mit Hitpotenzial sind dezenter versteckt, dafür umso zahlreicher: "Wellington" oder "Some Day" schleichen sich spätestens nach dem dritten Durchgang unwiderruflich in die Gehörgänge. Daneben zelebrieren die Telaphones Überraschendes wie eine Dub-Einlage, schleppende Westergitarren oder eine noisige Gitarrenwand. Der Aufenthalt im Exil hat sich gelohnt.

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Nagelfeile als Retter eines Konzertes

“Ich habe einen aufgerissenen Fingernagel”, jammerte der Pianist Gil Goldstein durch die Garderoben, allerdings mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht – so ernst schien die Lage nicht zu sein. Trotzdem machte sich ein Backstage-Mitarbeiter gleich auf die Suche nach einer Nagelfeile. Maniküre-Utensilien zu besorgen gehört eher zu den selteneren Aufgaben von Mitarbeitern der Gala Night des Jazzfestivals Bern, welche am Freitag im Stadttheater Bern über die Bühne ging. Mitarbeiter im Backstage, bei der Ticketkontrolle oder der Platzanweisung – sie alle arbeiten ehrenamtlich, sowohl im März an der Blues Night zur Eröffnung als auch im Mai an der Gala Night zum Abschluss des Festivals. Als Entlöhnung können die restlichen Konzerte im Mariann’s Jazzroom gratis besucht werden. Es sind jazzbegeisterte, meist junge Leute, die unentgeltlich arbeiten, um dafür die Grössen der Jazzwelt live erleben zu können. Besonders nah kommt man den Musikern wenn man Backstage zur Künstlerbetreuung eingeteilt wird.

 

Bescheidene Wünsche

Mit besonderer Spannung wurde Bobby McFerrin, der grosse Star der diesjährigen Gala Night, erwartet. Wer denkt, der weltberühmte Jazzsänger und ausgebildete Dirigent, der auch schon die Wiener Philharmoniker geleitet hat, würde das Personal mit Starallüren und Sonderwünschen durch die Gegend hetzen, irrt: Höflich begrüsste der 59-Jährige die Mitarbeitenden des Festivals und sein einziger Wunsch bestand in einer Tasse Tee, für die er sich auch herzlich bedankte. So ruhig und sympathisch wie hinter den Kulissen blieb Bobby McFerrin auch, als er auf der anderen Seite des Vorhangs auf der Bühne des bis auf den letzten Platz ausverkauften Stadttheaters stand. Mit seiner lockeren, humorvollen Art und vor allem mit seinem genialen Gesang begeisterte er das Publikum, animierte es mit kleinsten Gesten zum Mitsingen und riss auch die anderen Musiker des Abends in seinen Bann. Auch die Betreuer, die das Konzert auf der Bühne stehend hinter den Vorhängen versteckt von ganz Nah genossen, waren fasziniert. Ihnen wird jedoch nicht nur die Musik in Erinnerung bleiben, sondern vor allem auch der Kontakt mit den Künstlern vor dem Auftritt – wie mit Gil Goldstein, der glücklich seine Fingernägel pflegte und dem Helfer, der ihm soeben die verlangte Nagelfeile gebracht hatte, zuzwinkerte: “You just saved the concert”.

 

Würziger HipHop im Salzhaus

Aus zwei wird eins: Wenn der Stuttgarter HipHopper Afrob zusammen mit seinem Freund und Tour-DJ Bombastico die perfekte Symbiose eingeht, dreht sich die Welt, oder auch genannt der tanzwütige Rap-Liebhaber, den ganzen Abend um die salzhäusliche DJ-Kanzel. Als Arkadas Soundsystem tun beide das, was sie am besten können: Pulsierenden HipHop und voluminösen RnB durch den Club jagen und dabei mächtig Spass haben. Direkt, spontan und unüberhörbar: Zu feinsten Beats lässt Afrob zu jeder Gelegenheit seine MC-Qualitäten aufblitzen.

Infos und Wettbewerb


Prime Style Hip-Hop feat. Afrob Arkadas Soundsystem. Am Samstag 6. Juni, ab 22.00 im Salzhaus Winterthur. Eintritt ab 18 Jahren.

 

Tink.ch verlost für diesen Anlass 3×2 Tickets. Für eine Teilnahme sende unter dem Stichwort "Afrob" Name und Adresse an: martin.sturzenegger@tink.ch

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