Gesellschaft | 27.04.2009

Ziel Guisanplatz

Text von Claudio Herger | Bilder von Claudio Herger
Ein Tink.ch Reporter fährt mit dem Tram 9 und berichtet über die Ruhe im Abteil, von den Ärgernissen des 21. Jahrhunderts und von Telefongesprächen seiner Mitpassagiere.
Das Tram 9 nähert sich,
Bild: Claudio Herger

Ein Tram eines älteren Baujahres mit der Aufschrift Guisanplatz biegt langsam und leicht quietschend um den Wendeplatz bei der Haltestelle Wabern. Ich begebe mich in den hinteren Teil des Trams, welches nicht mit modernem Luxus, jedoch mit viel altem Charme ausgestattet ist. Die Sitze sind aus Holz, statt der üblichen Stangen hängen Bügel von der Decke, welche während der Fahrt herumzutanzen beginnen werden. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt, doch die digitale Anzeigetafel und die Behälter für die Gratiszeitungen holen mich in die Gegenwart zurück. Von der aufdringlichen Werbung ist dieses Tram-Schmuckstück aus vergangenen Zeiten relativ verschont geblieben. Von aussen erstrahlt es im für Bern gewohnten Rot. Aber auch in diesem Tram hat die Moderne Einzug gehalten, denn die vielen Gratiszeitungen auf dem Boden sind ein Ärgernis des 21. Jahrhunderts. Doch die meisten einsteigenden Passagiere sind froh über den Lesestoff im Tram. Sie kommen von den umliegenden Bürogebäuden und sind wohl auf dem Weg in den Feierabend, wobei die leichte Lesekost aus den Zeitungen gerade richtig kommt. Die meisten meiner Mitpassagiere sind allein unterwegs. Die Stille im auf weitere Fahrgäste wartenden Tram wirkt beruhigend auf mich.

Kurze Zwischenhalte

Die Türen schliessen sich, die zweiteilige Wagenkombination setzt sich in Bewegung. Im hinteren, separierten Wagen, hat sich ein junger Mann eingefunden, der in sein Buch vertieft ist und um die Ruhe im Abteil sehr froh ist. Das Tram zählt einige Fahrgäste, ist jedoch nicht überfüllt. Wir befinden uns auch noch am Stadtrand, denke ich mir und bin gespannt auf den Menschenandrang, der am Bahnhof zur Feierabendzeit auf uns warten wird. Währenddessen ziehen wir am Naherholungsgebiet der Stadt Bern vorbei, dem Eichholz und der Gurtenbahn. Es steigt noch kein Aareschwimmer ein, dafür sind die Badetemperaturen im April wohl noch zu kalt. Bei der Gurtenbahn-Talstation wartet ein Downhiller, welcher das prächtige Wetter genutzt hat und die eine oder andere Abfahrt gewagt hat. In geschützter Bikermontur steht er an der Tramhaltestelle. Da er noch mit einer jungen Frau spricht, wird er sich wohl entschieden haben, das nächste Tram abzuwarten. Wir fahren ohne die beiden weiter. Die Tramschienen sind auf diesem Streckenteil von sattem Grün umgeben. Bei den einzelnen Stationen werden nur kurze Halte eingelegt, einige Leute steigen ein und für andere endet die Fahrt. Bei der Haltestelle Sulgenau steigt die erste grössere Menschenmenge ein. Wir nähern uns dem Stadtzentrum.

Abendprogramm

Bergauf geht es weiter über Monbijou zum Hirschengraben. Auch hier ist der Ansturm auf das Tram gering. So bleibt mir die Zeit, einer Frau beim Füttern von Tauben neben einem Pavillon zuzuschauen. Während der gesamten Fahrt beobachte ich durch die Tramfenster die Leute, welche auf den Trottoirs vorbeischlendern und den milden sonnigen Frühlingstag geniessen. Weiter geht es über den Bahnhof bis zur Zytglogge, überall sind Leute unterwegs. Ich könnte stundenlang Tram fahren und die Leute beobachten: Die einen kommen vom Shopping aus den Läden, andere sind in Eile und drängen durch die Menschenmasse, und wieder andere sitzen gemütlich auf den Treppen vor den Lauben und lassen es sich gut gehen. Wir fahren weiter über die Kornhausbrücke. Ich schaue zurück auf die Stadt, und versuche meine Gedanken wieder ein wenig zu ordnen. Mein Ziel der Guisanplatz rückt immer näher. Beim Viktoriaplatz werde ich unsanft aus meinen  Gedanken gerissen. Eine jüngere Frau, ihr Mobiltelefon an ihr Ohr gedrückt, steigt ein und setzt sich neben mich. Aus dem Gespräch kann ich vermuten, dass sie das Abendprogramm am Planen ist, vermutlich mit einer Kollegin. Ob eine Frau mit einer Kollegin oder einem Mann telefoniert, kann ich sehr gut unterscheiden. Ihre Abendplanung begleitet mich durch den Breitenrain, denn sie steigt erst mit den anderen Passagieren an der Parkstrasse aus. Als sich die Türen schliessen, merke ich, dass ich das Tram für mich alleine habe. Zur Endstation Guisanplatz fahre ich mit dem Tramchaffeur allein. Als wir die letzte Kurve in Angriff nehmen, ist wieder dieses leichte Quietschen zu hören. Mit einem Lächeln drücke ich auf den Halte-Knopf und verlasse das Tram.