Kultur | 20.04.2009

„Wir sind weder eine Sekte noch politische Fanatiker“

Seit zwei Monaten ist das Winterthurer Radiosender "Stadtfilter" auf Sendung. Samuel Studer, Leiter der Koordinator, erzählt wie der Alternativsender den Sprung vom Privatzimmer in das öffentliche Konzessionsetz geschafft hat.
Nach 2-monatiger Sendezeit ist das Fazit beim Radio Stadtfilter positiv - nur die hohe Arbeitsbelastung bezeichnet das Team noch als "Wehrmutstropfen." Fotos: PD Derzeit beschäftigt Radio Stadtfilter 10 Festangestellte und rund 150 ehrenamtliche Sendungsmacher/innen.

Ein Blick zurück: Am 6. März 2009 um 24:00 ist Radio Stadtfilter zum ersten Mal auf Sendung gegangen. Eine Viertelstunde zuvor wurden im ausverkauften Gaswerk Live-Bilder aus dem Studio gesendet. Danach wurde lauthals der Countdown gezählt, bis Vereinspräsident Jürg Feuz pünktlich um Mitternacht das erste Stück anspielte: „Rock`n`Roll Radio“ von den Ramones.

Samuel Studer, Radio Stadtfilter sendet nun seit gut zwei Monaten. Wie ist der Start verlaufen?

Wir sind mit dem Sendestart sehr zufrieden. Die Party am 6. März im Kulturzentrum Gaswerk in Winterthur, an der verschiedene Bands gespielt haben, und wo der Sendestart live per Video aus dem Studio übertragen wurde, war ausverkauft. Dies zeigt uns, dass wir viel Kredit genossen haben. Die Rückmeldungen seither zeigen uns, dass Radio Stadtfilter die hohen Erwartungen seines Publikums noch übertreffen konnte. Grössere Pannen haben wir bisher noch keine gehabt. Einziger Wermutstropfen ist die Arbeit, die nötig ist, um das aktuelle Programm wie es ist, senden zu können. Wir hoffen, dass wir diese hohe Arbeitsbelastung mit der Zeit reduzieren können.

Wie gelang der Übergang zum professionellen Radio, wie ist Radio Stadtfilter entstanden?

2005 wurde der Verein Radio Stadtfilter im Kulturzentrum Gaswerk gegründet. Damals mit dem kurzfristigen Ziel, jährlich einen Monat [Konzession von kurzer Dauer] auf Sendung zu gehen und sich langfristig für eine dauerhafte Konzession im Raum Winterthur einzusetzen. In den Jahren 2005 und 2006 wurde je ein Monat lang aus Privaträumen gesendet. Danach haben wir im Rahmen der Vernehmlassung zum neuen Bundesgesetz über Radio und Fernsehen (RTVG) eine nichtkommerzielle Frequenz für Winterthur gefordert. Die Stadt Winterthur, viele Kulturinstitutionen Winterthurs, 2000 Einzelpersonen und auch Radio Top haben dieses Anliegen unterstützt. Der Bundesrat hat daraufhin entschieden, in Winterthur eine neue, nichtkommerzielle Konzession auszuschreiben. Für diese haben wir uns erfolgreich beworben.

Wie ist die Idee entstanden? Wer hatte die Idee?

Verschiedene Personen hatten sich schon länger darüber Gedanken gemacht, in Winterthur ein unabhängiges Radio mit einem „anderen“ Programm zu machen. Ernst gemacht haben dann Jürg Feuz [heute Vereinspräsident] und Pascal Gutknecht [heute Verwaltungsratspräsident]. Diese haben Gleichgesinnte angefragt, die dann den Verein Radio Stadtfilter gegründet haben.

Welche HörerInnen-Gruppen möchtet Ihr erreichen? Wie gross ist euer Sendegebiet?

Unser UKW-Sendegebiet auf 96.3 MHz umfasst die Stadt Winterthur und die umliegenden Gemeinden. [vgl. auch „Sendegebiet“ unter Hören auf www.stadtfilter.ch] Dies sind ca. 140-˜000 potentielle HörerInnen. Auf Kabel kann man uns momentan im selben Gebiet empfangen. Wir hoffen aber, in Zukunft via Kabel im ganzen Kanton Zürich erreichbar zu sein. Und via Internetstream kann man uns auf der ganzen Welt hören. Auswertungen zeigen, dass wir bisher auch in Frankreich, in Deutschland, Österreich und anderen Ländern gehört werden.

Wir möchten in erster Linie kulturinteressierte HörerInnen aus der Region Winterthur erreichen. Unser Musikprogramm, das sich von jenem der Privatradios markant unterscheidet, soll aber auch HörerInnen weit über Winterthur hinaus ansprechen.

Welche Botschaft möchtet Ihr verbreiten?

Wir sind weder eine Sekte noch politische Fanatiker und verbreiten also keine Botschaft. Wir glauben aber, dass der Markt für ein Kulturradio, das sich auf Winterthurs lokales und breitgefächertes Kulturangebot einerseits und ein qualitativ hochwertiges Musikprogramm jenseits des Mainstreams konzentriert, eine Lücke in der hiesigen Radiolandschaft schliesst.

Wie werdet Ihr finanziert? Wie sieht die Zukunft aus?

Radio Stadtfilter finanziert sich via Sponsoring, seiner Vereinsmitglieder, Zuwendungen von Stiftungen und der öffentlichen Hand sowie Gebührensplittinggeldern.

In naher Zukunft wollen wir weniger an der Quantität als an der Qualität unseres Programm arbeiten. Längerfristig wollen wir Radio Stadtfilter auf eine breitere finanzielle Basis stellen und unser Programm ausbauen. Zu hoffen ist, dass wir unsere selbstgestellte Aufgabe als Ausbildungsradio weiter entwickeln können. Dazu ist aber ein personeller Ausbau notwendig.

Wie sieht euer Programm aus? Gibt es Schul- und Jugendprojekte?

Radio Stadtfilter ist ein Kulturradio, ein Lokalradio und ein Ausbildungsradio. Das bedeutet, dass wir unseren Fokus auf die Winterthurer Kultur legen, auf Winterthur im Allgemeinen, und dass wir zusammen mit PraktikantInnen täglich Nachrichten und ein stündiges Infomagazin produzieren. 10 Personen sind dafür im Schnitt zu knapp 50 Prozent angestellt. Daneben arbeiten rund 150 ehrenamtliche SendungsmacherInnen bei uns und helfen, aus Radio Stadtfilter ein einzigartiges Kulturradio zu machen. Ausserdem legen wir Wert auf ein qualitativ hochwertiges Musikprogramm jenseits des Mainstreams.


Radio Stadtfilter empfangen: Im Äther: 96.3 via Kabel: 107.35 und im Internet: www.stadtfilter.ch. Geplant ist die Ausstrahlung im gesamten Kanton Zürich.  

Weitere "nichtkommerzielle" Radiostationen in der Schweiz:

 

Radio LoRa, Zürich: 97.5 MHz

Kanal K, Aarau: 103.4 MHz

Radio RaSa, Schaffhausen: 107.2 MHz

toXic.fm, St.Gallen: 107.1 MHz

Radio RaBe, Bern: 95.6 MHz

Radio 3fach, Luzern: 97.7 MHz

Radio Zones, Genf: 93.8 MHz

Radio X, Basel: 94.5 MHZ

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